Bundesliga-Kolumne von Jörg Wontorra Erst retten, dann reden

Bremen. Für Werder hat der Abstiegskampf begonnen. Verantwortlich dafür sind die Macher, nicht die Spieler. Und dennoch wäre ein schnelle Entlassung von Trainer Thomas Schaaf ein falscher Schritt, schreibt Jörg Wontorra in seiner Kolumne.
08.03.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörg Wontorra

Es hilft alles nichts, wir müssen der Realität ins Auge schauen. Und die Realität heißt: Für Werder hat der Abstiegskampf begonnen. Die Mannschaft ist längst raus aus der Komfortzone der Tabelle, gerade noch mal zwei Plätze überm Strich. Am Wochenende kann sich die Lage sogar noch weiter zuspitzen. Ein weiterer Aussetzer in Gladbach, ein gleichzeitiger Sieg von Augsburg gegen Nürnberg, und ehe man sich versieht, sind es nur noch vier Punkte bis zur Relegation.

Im Hauptquartier wissen sie um die Brisanz der Stunde, und darum gibt es auch kaum noch jemanden, der die Probleme weglächelt. Gefahr also erkannt, das ist löblich. Aber wo ist da einer, der diese Probleme behebt?

Der Absturz hat die Verantwortlichen offensichtlich kalt erwischt, denn noch vor ein paar Wochen schielten sie nach der Europa League. Dabei war es eigentlich nur die Hoffnung, die diesen Gedanken befeuerte, weil sich da ein paar klangvolle Namen im Kader fanden, die vermeintlich für hohe Qualität standen. Arnautovic, Elia, Ekici, Petersen. Die kamen ja von Inter, Juventus und Bayern, die mussten es ja drauf haben, auch wenn sie bei den Granden der Branche nur zum Ergänzungspersonal taugten.

Vielleicht war es nicht einmal ein Irrtum, dieses Quartett Stück für Stück an die Weser zu holen, denn gewisse Begabungen sind unverkennbar. Gute Solisten also, aber im Orchester funktionieren sie nicht. Und wer ist dafür zuständig? Der Dirigent!

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Von Jürgen Klinsmann stammt der Satz: "Wir wollen jeden Spieler jeden Tag ein bisschen besser machen." Ein Zitat, das der ehemalige Bayern-Trainer inzwischen am liebsten aus dem Geschichtsbuch des Fußballs streichen lassen will. Aber Trainer werden daran gemessen, und Thomas Schaaf ist es nicht gelungen, diesen Satz mit Leben zu füllen. Die Hoffnungsträger, die ihm zur Ausbildung in die Hände gegeben worden sind, stagnieren oder entwickeln sich zurück. Aus dem eigenen Nachwuchs ist sogar niemand in Sicht, der aktuell den Sprung geschafft hat. Aaron Hunt war der letzte eigene Mann, das ist inzwischen sieben Jahre her, und bei Philipp Bargfrede weiß man nicht, was nach seiner Verletzung wird.

Aber sonst? Kruse, Harnik, Diekmeier – weggeschickt, woanders Stammspieler. Schindler, Thy, Balogun – weggeschickt, ohne überdurchschnittliche Perspektive. Sie kamen alle aus dem Werder-Internat. Aus dem Bayern-Internat kamen: Lahm, Schweinsteiger, Badstuber, Müller, Alaba. Und beim Tabellenfünften aus Freiburg spielt inzwischen das halbe Internat von einst in der Bundesliga. Da muss also auch etwas schiefgelaufen sein bei der Eigenblutzufuhr in Bremen. Verantwortlich dafür sind freilich auch hier die Macher und nicht die Spieler.

Thomas Schaaf wird all das schon reflektiert haben, und vielleicht überdenkt er in der augenblicklichen Situation auch mal sein System. Denn frischer Offensivfußball wird das Team im dreckigen Abstiegskampf erst recht nicht weiterbringen. Fakt ist jedenfalls, dass sich Unmut breitmacht. Die Position von Schaaf wird nach 14 Jahren vehement auch öffentlich hinterfragt. Dennoch wäre es fatal, ihm übereilt den Laufpass zu geben. Da hilft eher bremische Besonnenheit, und das geht in Krisenzeiten nach dem Motto: Erst retten und dann reden.

Ein einflussreicher Würdenträger bei Werder sagte jüngst hinter vorgehaltener Hand: "Thomas Schaaf kann hier niemand entlassen, er kann nur von sich aus zurück-treten." Man hatte den Eindruck, dass eine solche Variante für den Urheber dieser Worte durchaus Charme besaß. Und die neue Saison mag dabei ein guter Zeitpunkt sein, um den Weg frei zu machen.

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