Iran-Gutachter im MEIN-WERDER-Interview

„Es ist eine Chance, unsere Werte zu transportieren“

Werder hat prüfen lassen, ob der Iran ein Markt für den Verein sein könnte. Wir haben mit dem Gutachter Johannes Bohnen über Chancen und Risiken eines Bremer Engagements gesprochen.
13.09.2017, 21:10
Lesedauer: 6 Min
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„Es ist eine Chance, unsere Werte zu transportieren“
Von Patrick Hoffmann
„Es ist eine Chance, unsere Werte zu transportieren“

Johannes Bohnen, Politikwissenschaftler.

Privat

Herr Bohnen, Sie haben im Auftrag von Werder untersucht, ob ein Engagement im Iran vertretbar ist. Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Johannes Bohnen: Von konkreten Plänen ist zwar noch nichts bekannt. Grundsätzlich aber ist das Ergebnis meiner Analyse recht eindeutig: Trotz bestehender Risiken kann der Iran für Werder eine große Chance sein, nicht nur wirtschaftlich. Es wäre ein Beitrag, die Öffnung des Landes zu unterstützen, die deutsch-iranischen Beziehungen zu verbessern und Brücken zu schlagen zwischen den Menschen in Bremen und im Iran.

Wie kommen Sie zu diesem Ergebnis?

Für mein Gutachten habe ich unter anderem mit zahlreichen ehemaligen Botschaftern und Experten in Ministerien und Denkfabriken gesprochen. Grundtenor war, dass ein Bundesligist durchaus in den Iran gehen kann – aber das muss vom Verein natürlich richtig und umsichtig geplant werden.

Der Iran wird von schiitischen Geistlichen autoritär geführt. Wie passt das mit den Werten von Werder zusammen?

Klar, es ist ein Problem, dass der Iran ein autoritäres Regime ist, bei dem die gemäßigte weltliche Regierung und die orthodoxe religiöse Führung in einem Spannungsverhältnis stehen. Der Iran unterstützt das Assad-Regime in Syrien und führt im Jemen einen Stellvertreterkrieg gegen Saudi-Arabien. Natürlich können wir jetzt eine Diskussion darüber führen, wie schlimm der Iran ist. Dann müssen wir aber auch über andere zweifelhafte Regime sprechen, in denen der kommerzielle Fußball aktiv ist. Entscheidend ist, dass Werder im Iran einen konkreten Beitrag zur Völkerverständigung leisten kann. Werder kann seine Werte transportieren, ohne dass die eigene Marke beschädigt wird.

Wie kann das gelingen?

Das Engagement von Werder sollte nachhaltig und glaubwürdig sein. Wichtig wäre, dass der Verein langfristige Projekte angeht und Perspektiven aufzeigt. Werder könnte zum Beispiel Städtepartnerschaften initiieren, Jugendcamps organisieren und sich auf mittlere Sicht auch für Frauenrechte einsetzen. Auf der anderen Seite könnten iranische Mannschaften nach Bremen eingeladen werden, damit es auch hier zu einem persönlichen Austausch zwischen den Menschen kommt. Und natürlich muss der Verein in der Kommunikation den richtigen Ton treffen, gerade auch vor Ort. Das Engagement von Werder ist positiv, das sollte der Verein auch so offensiv kommunizieren, ohne sich mit dem Regime gemein zu machen.

Kritische Fans sagen, dass Werder seine Werte im Iran verraten würde.

Ich finde es beeindruckend, dass die Werder-Fans eine gesellschaftspolitische Position einnehmen. Es ist auch gut, wenn die Fans erst mal kritisch auf das mögliche Engagement im Iran schauen. Aber dass der Iran jetzt für Werder ins Blickfeld gekommen ist, ist ja auch kein Zufall. Werder hat mit Alexander Nouri einen Trainer mit iranischen Wurzeln. Das ist ein glaubwürdiger Anknüpfungspunkt.

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Wie wichtig ist Alexander Nouri für Werders Iran-Pläne?

Extrem wichtig, gerade in der Anbahnungsphase. Er hat neben der deutschen auch die iranische Staatsbürgerschaft und sorgt mit seiner persönlichen Geschichte dafür, dass das Engagement authentisch ist. Nouri sagt ja selbst, dass der Iran ein Teil von ihm ist. Ein Engagement dort wäre eine Herzensangelegenheit für ihn. Er ist der ideale Brückenbauer, weil er vor allem für die Jugend ein Typ ist, an dem sie sich orientieren kann. Werder könnte mit ihm für sehr viel Aufmerksamkeit im Iran sorgen. Das ist auch eine Chance, unsere Werte in ein autoritär geführtes Land zu transportieren, das hinter der offiziellen Fassade viel westlicher ist als viele denken.

Aber würde sich der Iran denn überhaupt auf Annäherung einlassen?

Das können wir nicht beurteilen. Aber wir können feststellen, dass sich der Iran geöffnet hat. Er hält sich an das Atomabkommen. Und bei den diesjährigen Wahlen gab es immerhin zwölf Kandidaten. Präsident Hassan Rohani gilt als gemäßigt und verlässlich. Die Iraner haben sich klar gegen seine erzkonservativen Herausforderer entschieden. Ich finde es ein ehrenwertes Ziel, die Öffnung des Landes zu unterstützen.

Und es ist okay, wenn Werder dieses politische Engagement mit wirtschaftlichen Interessen verknüpft?

Das ist legitim. Werder ist ein Wirtschaftsunternehmen und interessiert sich für Einnahmen, genau wie der schwäbische Maschinenbauer, der ebenfalls in den Iran geht. Darüber hinaus erhofft sich der Verein wahrscheinlich noch, sich eine neue Fanbasis im Iran aufzubauen oder sogar neue Spieler zu entdecken.

Werder engagiert sich derzeit auch in China. In diesem Fall hat sich der öffentliche Aufschrei allerdings in Grenzen gehalten, obwohl China gewiss kein demokratischer Rechtsstaat ist.

Ja, das stimmt. Es gibt offenbar eine öffentliche Wahrnehmung, wonach China weniger problematisch sei als der Iran. Das liegt vielleicht auch an der groß angelegten China-Strategie des Deutschen Fußball-Bundes und dem starken Engagement der europäischen Topklubs. Dabei wissen wir alle um die kritische Menschenrechtssituation dort. Zurecht werden die Defizite bei jedem offiziellen Besuch von deutschen Regierungsvertretern angesprochen. Gleichzeitig haben die vielfältigen Kontakte auch eine positive Seite. Im wirtschaftlichen und privaten Alltag ist es gelungen, Brücken zu bauen. Aber es geht ja nicht nur um China. Der FC Bayern beispielsweise hat das Emirat Katar als Sponsor. Katar ist, wie auch Saudi-Arabien, ein mutmaßlicher Unterstützer des internationalen Terrorismus. Stellt jemand ernsthaft die WM dort im Jahre 2022 infrage? Russland wiederum versucht den Westen zu spalten, unterstützt das Assad-Regime und hat völkerrechtswidrig Teile seines Nachbarn, der Ukraine, annektiert. Trotzdem sind alle bereit, 2018 zur WM nach Russland zu reisen.

Das macht die politischen und sozialen Missstände im Iran allerdings nicht besser.

Natürlich nicht. Aber es geht um die Relationen. Warum bewerten den Iran viele anders als Russland, Katar oder China? Das bedarf einer eingehenden Analyse. Wir haben immerhin eine kulturelle Nähe zum Iran. In Wissenschaft und Bildung bestehen seit vielen Jahren enge Verbindungen. Der Iran kann ein potenzieller Verbündeter für uns in dieser Krisenregion sein. Wir haben großes Interesse, mit dem Iran in Gesprächen zu sein. Das heißt nicht, dass wir unsere Werte verraten.

Sollten deutsche Fußballvereine nicht einfach ganz darauf verzichten, Geschäfte mit autoritären Staaten zu machen?

Die Frage ist bereits entschieden. Natürlich könnte man sagen: Wir wollen mit denen nichts zu tun haben. Aber man macht es sich zu einfach, wenn man sagt, Sport und Politik seien vollkommen getrennt. Ich finde es wichtig, dass sich alle Teile der Gesellschaft, auch der Sport, politisch engagieren. Es geht ja nicht um Parteipolitik. Und wir haben ganz generell ein Interesse daran, die Gespräche auch mit autoritären Staaten nicht abreißen zu lassen, sondern im Dialog unsere Werte zu transportieren. Und wo geht das besser, als beim Fußball, der so viele Menschen auf der Welt verbindet? Wenn zum Beispiel Alexander Nouri im iranischen Fernsehen auftritt, dann leistet er gute Dienste für den Westen, weil die Menschen vor Ort mehr über unsere Werte und Lebensweise erfahren. Abschotten halte ich für die falsche Maßnahme.

Aber geht es am Ende nicht bloß ums Geld?

Die Koppelung von wirtschaftlichen Interessen mit einem gesellschaftspolitischen Beitrag könnte eine Win-win-Situation ergeben. Fußballvereine sollten, wie auch andere Unternehmen, eine gesellschaftspolitische Haltung entwickeln. Ich nenne das Corporate Political Responsibility. Werder wird sich als Marke künftig auch stärker international bewähren müssen, weil die Märkte internationaler werden. Dies führt unweigerlich dazu, dass die politischen Verhältnisse in den Blick genommen werden müssen. Der Fußball wird wie alle Branchen vermehrt in den gesellschaftlichen und politischen Nährboden seines Wirtschaftens investieren müssen. Wenn Vereine ihr sportlich-kulturelles Kapital für die Völkerverständigung einsetzen, stärken sie die gesellschaftspolitische Dimension ihrer Marke. Damit gewinnen sie zusätzliches Identifikationspotenzial und entsprechen der Erwartung ihrer Anhänger.

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Wenn also Werder-Boss Klaus Filbry konkret bei Ihnen nachfragen würde, ob Werder in den Iran gehen soll, was würden Sie ihm antworten?

Ich bin sehr großer Werder-Fan und würde keine leichtfertigen Ratschläge geben. Ich würde ihm sagen, dass ein Engagement im Iran durchaus sinnvoll sein kann. Werder muss es eben nur richtig machen. Dann ist es eine große Chance. Auch wenn man einige Konzessionen machen müsste, denn ganz ohne offizielle Kontakte geht es nicht, gäbe es doch für viele westlich orientierte Iraner einen Hoffnungsschimmer und positiven Impuls. Der Iran ist ein interessanter Markt. Werder wäre in diesem Land ein Vorreiter, hätte mit Alexander Nouri ein Alleinstellungsmerkmal, könnte große Sympathien gewinnen und sogar seine Marke stärken. Ich finde, es wäre eine spannende Strategie, auch auf solch vermeintliche Nischenmärkte zu setzen.

Das Gespräch führte Patrick Hoffmann.

Zur Person: Johannes Bohnen ist unabhängiger Berater für politische Analysen und Kommunikation in Berlin (Bohnen Public Affairs). Der gebürtige Bremer studierte nach einer Ausbildung zum Industriekaufmann in Harvard, Bonn und an der Georgetown University in Washington D.C. (Master in Internationaler Politik); danach promovierte er an der Oxford University.

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