Fünferkette

Fair geht vor?

Die Gelbsperren von Clemens Fritz und Zlatko Junuzovic sorgten für Diskussionsstoff. Auch Fünferketten-Kolumnist Lou Richter hat sich Gedanken über den Stellenwert von Fairness in der Fußball-Bundesliga gemacht.
19.03.2016, 10:43
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Fair geht vor?

Die Gelbsperren von Clemens Fritz und Zlatko Junuzovic sorgten für Diskussionsstoff.

imago

Früher waren die Gummistiefel noch aus Holz. Früher polierte man sich beim Bolzen die Knochen, dass nur die Orthopäden jubelten. Im modernen Fußball aber spielen Mördergrätschen und „Blut am Pfosten“-Parolen keine große Rolle mehr. Vor zehn Jahren gab es in der Bundesliga im Schnitt 39 Fouls pro Partie; in dieser Saison sind es nur noch 28.

Bei der Partie Dortmund gegen Frankfurt wurde im letzten Dezember sogar der historische Tiefstwert an Fouls seit Beginn der Datenerfassung in der Bundesliga 1992 verzeichnet: schlappe sieben Fouls. Wird also im Hinblick auf die Fairness im Fußball alles besser?

Der letzte Spieler, der mit dem Fair-Play-Preis der Fifa ausgezeichnet wurde, war vor 15 Jahren der Italiener Paolo di Canio. Er verzichtete darauf, unbedrängt ein Tor zu schießen, sondern nahm den Ball lieber in die Hand, um die Behandlung des verletzten Torwarts zu ermöglichen. Seitdem wurde keine Einzelperson mehr als herausragend fair geadelt. O.k., kann man sagen, das liegt vielleicht auch an der Fifa, deren Ethik-Kommission manch einem vorkommt wie ein IS-Frauenbeauftragter. Aber man muss gar nicht den im Schlamm der Korruption wühlenden Weltverband anprangern, um sich über mangelnde Fairness im Fußball zu wundern.

Ist es fair, wenn Zlatko Junuzovic und Clemens Fritz je 20 000 Euro Strafe für eine absichtlich eingehandelte Gelbsperre zahlen müssen, während Darmstädter Spieler für das gleiche Verhalten ungeschoren davonkommen? Einziger Unterschied: die Darmstädter logen, die Bremer sagten die Wahrheit. Nämlich, dass sie die Spielsperre lieber beim Auswärtskick in München absitzen wollten.

Ist es etwa fair, wenn Scheichs, Oligarchen und Holding-Milliardäre ihre Überfluss-Kohle in englische Vereine buttern, während hierzulande die 50+1-Regel so etwas verbietet? Diese Regel wurde andererseits von Konzernen wie VW, Bayer und Red Bull ausgehebelt. . . Fair?

Natürlich sind sowieso all die Schwalben und verdeckten Schläge nicht fair, die wir jede Woche in der Bundesliga sehen. Dieses himmelschreiende Wälzen auf dem Rasen nach einer Körperberührung, die ein Handballer nicht mal gespürt hätte. Diese fassungslose Empörung, mit dem auf jeden noch so berechtigten Pfiff des Schiris reagiert wird, als hätte der soeben ein Kleinkind verprügelt.

Nein, das alles ist nicht fair. Weil der Fußball genauso ungerecht ist wie die übrige Welt drum herum. Oder ist es etwa fair, dass eine Busladung an Hyperreichen (62 Menschen) ein größeres Vermögen besitzt als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung (mehr als 3,5 Milliarden Menschen)? Ist es fair, dass weltweit über eine Milliarde Menschen hungern, während hierzulande über 20 Prozent der gekauften Lebensmittel im Müll landen? Das ließe sich beliebig fortsetzen. Die Liste der Unfairness reicht von Bremen bis zum Planeten Melmac.

Und da sind wir dann wieder bei der abnehmende Zahl an Fouls in der Bundesliga: Fairness muss sich lohnen, Unfairness eben nicht. Es wird nicht weniger gefoult, weil alle plötzlich so viel anständiger geworden sind. Sondern weil die Strafe, der Freistoß, als zu gefährlich angesehen wird. Die Angst vor dem Standard-Gegentor lässt Fußballer fairer werden.

Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, wie die Standard-Gegentore in Politik und Wirtschaft funktionieren – und wir leben in einer faireren Welt.

Zur Person: Lou Richter (55)

wurde dem TV-Publikum durch die Moderation der Sat.1-Sportsendung „ran“ bekannt. Im wöchentlichen Wechsel mit Manfred Breuckmann, Arnd Zeigler, Jörg Wontorra und Günther Koch schreibt Lou Richter in unserer Zeitung, was ihm im Bundesliga-Geschehen aufgefallen ist.

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