Werder-Frauen wollen weg vom Fahrstuhl-Image

Kleiner Kader, große Hürde

Es geht wieder los, am Sonntag beginnt für die Werder-Frauen die Bundesliga. Die Aufsteigerinnen wollen in dieser Saison unbedingt weg vom Fahrstuhl-Image, dazu muss aber vieles passen in der ersten Liga.
04.09.2020, 12:01
Lesedauer: 3 Min
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Kleiner Kader, große Hürde
Von Olaf Dorow
Kleiner Kader, große Hürde

Auf dem Weg zum Abenteuer ­Bundesliga: Werders neue Spielerin Jana Radosavljevic (links) im Testspiel gegen den SV Henstedt-­Ultzburg. Jana ­Radosavljevic ist eine von acht Neuen im Kader des Aufsteigers. Elf Spielerinnen sind gegangen.

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Am Sonntag geht es nach Frankfurt. In der Woche drauf kommt der FC Bayern. Übertragen in die Comic-Sprache würden sich Wumm!, Zack!! oder Peng!!! anbieten. Der Saisonauftakt für Werders Fußballerinnen als Aufsteiger zur ersten Bundesliga sieht alles andere als ein sanftes Eingewöhnungsprogramm vor. Es geht gleich in die Vollen, wie man so schön sagt, und Werders Trainer Alexander Kluge sagt, dass es rein tabellarisch betrachtet um nichts anderes als den Klassenerhalt geht. Die Liga ist zwölf Mannschaften stark, zwei werden absteigen, das Gefälle zwischen Spitzenmannschaften und Klassenerhalts-Kämpfern ist groß. Größer als im Herrenbereich. Millionenbudgets und Profitum gegen Mini-Etats, Nebenberufe, Ehrenamt. „Im Frauenfußball gilt wirklich noch viel mehr, dass Geld Tore schießt“, sagt Birte Brüggemann, Werders Abteilungsleiterin. Es wird wohl auf die Spiele gegen Teams wie Meppen oder Duisburg ankommen, gegen die anderen wird es schwierig bis sehr schwierig.

Unter diesen Vorzeichen greift der SV Werder an. Er wird es schwer haben. Was nichts damit zu tun hat, dass, wie der Trainer ausführt, sich die Mannschaft insgesamt weiterentwickelt habe, sich viele in ihrer Persönlichkeit entwickelt hätten. Die im März dann abgebrochene Zweitliga-Saison hatte das Team souverän bestritten, die Vorbereitung, die am vergangenen Wochenende mit einem 5:0-Testspielsieg gegen Wolfsburg II endete, lief gut. Am Risiko, dieses doofe Fahrstuhl-Image einfach nicht loszuwerden, ändert das nichts. Dazu müsste nicht nur auf dem Platz geliefert werden, dazu müsste sozusagen auch strukturell aufgerüstet werden. Mehr Geld her, mehr (hauptamtliches) Personal her. Am Fußball-Standort Bremen konnte dafür noch selten jemand mit dem Finger schnipsen, im Moment schon mal gar nicht.

Keine Chance auf Probetrainings

Dabei habe es, berichtet Birte Brüggemann, in diesem Jahr zunächst richtig gut und deutlich entspannter als in den Jahren zuvor ausgesehen. In den Jahren zuvor hatte oft bis zuletzt Gewissheit und ergo Planungssicherheit gefehlt. Verhindert die Mannschaft den Abstieg aus der ersten Liga? Oder: Schafft die Mannschaft den Aufstieg in die erste Liga? In der Saison 2019/2020 lief es wie am Reißbrett, Kluges Team siegte sich früh praktisch uneinholbar an die Spitze der zweiten Liga. Bereits im Januar sei mit der Geschäftsführung des Klubs das Budget für die neue und dann Erstliga-Saison festgezurrt worden. „Und dann ist durch Corona die Tür knallhart zugegangen“, sagt Brüggemann. Harter Lockdown, nix mehr mit Sichtungen oder Transfergesprächen im Ausland. Abgänge von Stammspielerinnen, die nicht nur, aber auch mit der Pandemie zusammenhingen.

„Wir hatten keine Möglichkeit mehr, Spielerinnen zum Probetraining einzuladen“, sagt Alexander Kluge. Anders als die Männer, die für gewöhnlich einen Profivertrag unterschreiben und also „nur“ zum Fußballspielen kommen, suchen die Frauen einen Platz für das Gesamtkunstwerk aus Studium, Beruf und Fußball. „Wir haben niemanden in der Mannschaft, die ausschließlich zum Fußballspielen hier ist“, sagt Birte Brüggemann.

Gleich elf Abgänge

Schließlich ist ein Kader herausgekommen, der laut Brüggemann einer der kleinsten der jüngeren Werder-Geschichte ist. Elf Spielerinnen gingen weg, darunter Leistungsträgerinnen wie Cindy König, Luisa Wensing, Lisa-­Marie Scholz oder Selina Cerci. Dazugekommen sind acht Neue, darunter fünf Externe, darunter drei Spielerinnen aus der Kategorie „Routiniers“: Jasmin Sehan vom SC Sand, Margarita Gidon vom 1. FFC Frankfurt, Agata Tarczynska vom VfL Wolfsburg II.

Der Nachteil eines kleineren Kaders, den man sich in der Sportlichen Leitung durchaus etwas größer hätte vorstellen können: Fällt jemand von den Stammspielerinnen aus, ist das kaum zu kompensieren, die Saison wird sozusagen ein Projekt ohne doppelten Boden. Formkrisen oder Bänderrisse will sowieso niemand, kann sich diesmal erst recht niemand leisten. Vorteil der Kaderreduzierung: Jüngere haben größere Chancen, eingesetzt zu werden und sich entfalten zu können. Ein starker Zusammenhalt, gewichtiger Faktor in einem Gebilde mit eingebauter Gruppendynamik, lässt sich womöglich leichter erzeugen.

Coronabedingte Schwierigkeiten

Außerdem habe, erklärt Brüggemann, der verkleinerte Personalstamm rein strukturelle Gründe. Um nicht zu sagen: coronabedingte Gründe. Die Spielerinnen aus der ersten Liga werden in Sachen Infektionsschutz formal als Berufsspielerinnen angesehen. Sie werden dementsprechend regelmäßig getestet. Anders als ihre männlichen Kollegen bewegen sie sich aber vornehmlich nicht nur in der Blase Profifußball. Sie haben Berufe, Studientermine, Kontakte. Sie werden aus Leistungsgründen eventuell mal in einer ungetesteten Amateurmannschaft eingesetzt. Eine große Herausforderung für alle Beteiligten. Dazu hätten in den vergangenen Wochen und Monaten wegen der Corona-Krise einige Spielerinnen die Verdienstmöglichkeiten in Beruf oder Nebenjob verloren. Was man im Fußball-Budget versucht habe aufzufangen. Werders Abteilungsleiterin sagt: „Wir stecken quasi mehr Geld in weniger Spielerinnen.“

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