Sexismus-Vorfall empört Werder-Präsident

„Wir müssen dieses Denkmuster aufbrechen“

Erst war er erstaunt, dann fassungslos: Hier spricht Werder-Chef Hubertus Hess-Grunewald über die Diskriminierung des Frauenfußballs im Fall Vogel. Er lobt die Reaktion der Spielerinnen, nicht aber den DFB.
22.03.2021, 22:01
Lesedauer: 5 Min
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„Wir müssen dieses Denkmuster aufbrechen“
Von Jean-Julien Beer
„Wir müssen dieses Denkmuster aufbrechen“

"Eine großartige Reaktion": Präsident Hubertus Hess-Grunewald ist stolz darauf, dass sich auch die Spielerinnen der Bremer Bundesligamannschaft dem offenen Brief an den DFB angeschlossen haben.

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Herr Hess-Grunewald, was denken Sie über den Fall Heiko Vogel und dessen Aussage, dass Frauen auf einem Fußballplatz nichts zu suchen hätten?

Hubertus Hess-Grunewald: Der Fall hat mich am Wochenende sehr berührt, weil ich dachte, dass wir beim Thema Frauenfußball in Deutschland schon weiter sind. Dieses Denken sitzt offenbar doch noch tiefer, als wir es geglaubt haben.

Vogels Angebot, als Entschuldigung für sein Fehlverhalten mal Frauen oder Mädchen zu trainieren, wurde vom Verbandsgericht des Westdeutschen Fußballverbandes wohlwollend ins Urteil aufgenommen. Wie finden Sie das?

Erst habe ich das gar nicht so wahrgenommen, das ist ja auch abwegig. Ich dachte, das Gericht hat hier ein Fehlverhalten sanktioniert. Dass in diesem Urteil als eine Art Wiedergutmachung tatsächlich die Auflage auftaucht, die Frauen- oder Mädchenmannschaften zu trainieren – darüber war ich erst erstaunt und dann fassungslos.

Das Thema hat zwei Ebenen: Ein gestandener Trainer äußert sich so über Frauen im Fußball – und ein Verbandsgericht winkt das angebotene Mädchentraining durch. Was ist schlimmer?

Bei Herrn Vogel würde ich sagen, seine Äußerungen sind ein Symptom. Diese Vorbehalte gegenüber dem Frauenfußball sind fester verankert, als man denkt. Wir sind davon ausgegangen, dass es inzwischen eine große gesellschaftliche Akzeptanz für Frauenfußball gibt. Und jetzt muss man feststellen, dass die Vorbehalte in den Köpfen vieler Männer, auch im Fußball tätiger Männer, doch noch sehr präsent sind. Dass ein Verbandssportgericht dieses Signal sendet, das zeigt mir, dass man in diesem Bereich noch viel weniger gelernt hat. Dass der Fall so eine Außenwirkung haben könnte, war doch absehbar.

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Die breite Öffentlichkeit reagierte empört – hat der Frauenfußball außerhalb der Verbände etwa das bessere Standing?

Es zeigt zumindest, dass in der öffentlichen Wahrnehmung eine Entwicklung stattgefunden hat. Vor einigen Jahren wäre so ein Fall wohl noch nicht so thematisiert worden. Ich erinnere mich an den Fall Demirbay, der vor sechs Jahren Bibiana Steinhaus ähnlich beschimpfte und dann von seinem Verein Fortuna Düsseldorf dazu verpflichtet wurde, ein Mädchen-Fußballspiel zu leiten. Damals amüsierte man sich eher darüber, dass er bei diesem Einsatz einen hellen Mantel und Businessschuhe trug. Dass der Ansatz völlig daneben war und tief blicken ließ auf die Haltung zum Frauenfußball, war eher kein Thema. Da nötigt es mir jetzt großen Respekt ab, wie vehement die Spielerinnen in diesem Fall den Missstand beim Namen nennen und Respekt gegen über allen Frauen im Fußball und im Sport einfordern. Das ist der Weg, den wir weiter beschreiten müssen trotz aller Hindernisse. Ich kenne die Meinung einiger Funktionäre in der Männer-Bundesliga, die immer noch Frauenfußball als andere Sportart bezeichnen. Das ist nicht meine Auffassung.

Vogels Äußerung, Frauen hätten auf dem Fußballplatz nichts verloren, wurde als „unsportliches Verhalten“ sanktioniert. Ist es nicht viel mehr eine Diskriminierung?

Das ist absolut diskriminierend. Diese Aussage ist in einem Zusammenhang gefallen, als er mit der Leistung einer Schiedsrichter-Assistentin nicht zufrieden war. Er war sicher emotional und in diesem Moment unreflektiert. Es gibt immer wieder mal Diskussionen über ein Schiedsrichter- oder Schiedsrichterinnenteam, das gehört zum Fußball dazu. Aber Aussagen, die wie hier mit einer Reduzierung auf das Geschlecht einhergehen, dürfen unter keinen Umständen ihren Platz finden. Und das darf man so nicht stehen lassen.

Was erwarten Sie nun vom Deutschen Fußball-Bund und vom Westdeutschen Verband?

Beim Westdeutschen Verband würde ich mir wünschen, dass man das aufarbeitet und das Urteil geraderückt, so gut es noch geht. Aber der Flurschaden der Empörung ist so groß, das wird sich auch durch ein verändertes Urteil nur teilweise wieder einfangen lassen. Wenn wir die Akzeptanz des Frauenfußballs weiterentwickeln wollen, dann müssen wir bei solchen Ausreißern sehr genau hinschauen und deutlich machen, dass es so nicht geht. Ich würde mir nicht nur bei Herrn Vogel einen Lernprozess wünschen, sondern auch, dass sich insgesamt in den Köpfen ein anderes Denken verankert.

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Wäre der Fall nicht Anlass genug gewesen, dass DFB-Präsident Fritz Keller ein klares Wort spricht?

Auch ich habe mich darüber gewundert, dass sich für den DFB hier Hannelore Ratzeburg als zuständige Vize-Präsidentin geäußert hat. Sie hat aber nur die Solidarität mit dem offenen Brief der Bundesligaspielerinnen zu diesem Thema zum Ausdruck gebracht und nicht das Verhalten als solches angeprangert. Da hätte ich mir eine inhaltliche Positionierung gewünscht. Eigentlich ist das ein Fall für den DFB-Präsidenten, der sich selber auch die Förderung des Frauenfußballs mit auf die Fahne geschrieben hat, als wir ihn gewählt haben. Auch die Tatsache, dass eine solche Förderung gerade erst in den Ergebnissen der „Taskforce Fußball“ so hervorgehoben wurde, hätte dafür gesprochen. Hier hat Fritz Keller eine Gelegenheit verpasst, sofort ein deutliches Signal zu senden. Aber vielleicht nimmt er das noch einmal auf.

Die Spielerinnen der ersten und zweiten Bundesliga, auch die von Werder Bremen, schreiben in diesem offenen Brief an den DFB, dass sie sich „beleidigt, diskriminiert und lächerlich gemacht“ fühlen. Wie finden Sie diese Aktion?

Es ist eine großartige Reaktion, eine sehr authentische. Sie ist sachlich absolut richtig und angemessen. Die Mannschaft hat uns am Samstag darüber informiert, dass sie diesen offenen Brief unterstützen will und über die Werder-Kanäle verbreiten möchte. Darüber, diesen Brief so zu unterstützen, gab es bei uns keine zwei Meinungen.

Wie hätte Werder reagiert, wenn der Vorfall nicht in Mönchengladbach, sondern in den eigenen Reihen passiert wäre?

Es kommt natürlich immer auf den konkreten Einzelfall an. Ich habe gelesen, dass Heiko Vogel auch mit einer vereinsinternen Strafe belegt wurde. In diese Richtung hätte man in unserem Verein sicher auch gedacht. Man muss durch Strafen auch klare Zeichen setzen, dass man ein solches Denken nicht mehr durchgehen lässt. Ich glaube aber, dass ein Strafmaß alleine nicht genügt. Wir müssen diese Denkmuster weiter aufbrechen, um die Selbstverständlichkeit und die Anerkennung von Frauen und Mädchen im Fußball weiter voranzubringen. Das ist mir sehr viel wichtiger.

Das Gespräch führte Jean-Julien Beer.

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Zur Person

Hubertus Hess-Grunewald ist Präsident des SV Werder Bremen und der für Frauenfußball zuständige Geschäftsführer im Verein. Der Jurist setzt sich schon viele Jahre leidenschaftlich für den Frauen- und Mädchenfußball ein.

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Zur Sache

Die Sexismus-Vorwürfe im Westdeutschen Fußball-Verband sorgten am Wochenende für Aufsehen. Auslöser war Heiko Vogel, Trainer der zweiten Mannschaft von Borussia Mönchengladbach, die in der Regionalliga West der Männer spielt. Weil er mit Entscheidungen einer Schiedsrichter-Assistentin nicht einverstanden war, soll er gesagt haben, Frauen würden nicht auf den Fußballplatz gehören. Der Fall kam vor das zuständige Verbandsgericht. Das Urteil: Sperre und Geldstrafe. Vogel erhielt zudem die Auflage, sechs Trainingseinheiten einer Mädchen- oder Frauenmannschaft seines Vereins zu leiten. Das hatte er selbst angeboten.

Die Spielerinnen der ersten und zweiten Bundesliga reagierten mit einem „Offenen Brief“ an den Deutschen Fußball-Bund (DFB), auch Werder und seine Frauen-Mannschaft beteiligten sich an der Aktion. Nationalmannschaftskapitänin Alexandra Popp schrieb dazu auf Instagram: „Dieses Urteil diskriminiert alle Frauen im Sport und speziell im Fußball. Uns stellt sich die Frage, wie das Trainieren eines Frauen- oder Mädchenteams als eine Strafe festgelegt werden kann."

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