Birte Brüggemann im Interview "Wir müssen punkten"

Werders Fußballfrauen kämpfen in der 1. Bundesliga um den Klassenerhalt. Abteilungsleiterin Birte Brüggemann spricht über den Abstiegskampf und den Stand der Kaderplanung für die kommende Saison.
28.04.2018, 21:10
Lesedauer: 5 Min
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Von Stefan Freye

Frau Brüggemann, nach dem Aufstieg in die 1. Bundesliga hatte das Team eine gute Hinrunde gespielt, und so entstand bereits die Hoffnung auf eine weitgehend sorgenfreie Saison. Nun liegen der MSV Duisburg sowie der 1. FC Köln auf dem ersten Abstiegsplatz nur zwei Zähler hinter Werder. Vom Schlusslicht USV Jena trennen das Team lediglich fünf Zähler. Was ist passiert in den letzten Wochen?

Birte Brüggemann: Objektiv betrachtet muss man sagen, dass wir in diesem Jahr noch nicht an die Leistung und die Stabilität der Hinrunde herangekommen sind. Zudem müssen wir zeitweise auf einige wichtige Spielerinnen verzichten. Uns ist es gerade in den Duellen gegen die direkten Konkurrenten auch nicht gelungen, zu gewinnen. Das 1:1-Unentschieden gegen Jena und die 0:1-Niederlage in Duisburg in der Nachspielzeit tun uns brutal weh.

Warum war die Mannschaft in diesen entscheidenden Spielen nicht auf der Höhe?

Gegen Jena waren wir nicht gut, haben aber geführt. Nach der Führung hatte man aber das Gefühl, wir hätten Angst vor dem Sieg. Dann wurde uns in der 90. Minute noch ein klarer Elfmeter verweigert. In Duisburg haben wir unsere Torchancen nicht genutzt, und dann hat ein individueller Fehler zum späten 0:1 geführt.

Der Fehler unterlief Torfrau Lena Pauels, die nach monatelanger Verletzungspause gerade für Anneke Borbe zwischen die Pfosten zurückgekehrt war. Würden Sie diese Entscheidung in der Rückschau als richtig bezeichnen?

Das war eine Entscheidung der Trainer, nach besten Wissen und Gewissen. Da hat es Lena dann mal getroffen. Wir hätten das Spiel vorher entscheiden können und das sind auch individuelle Fehler, die nur nicht so transparente Folgen haben. Fakt ist, dass wir zu schätzen wissen, was Anneke mit ihren 17 Jahren bisher geleistet hat und was Lena kann.

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Zuletzt, bei den Niederlagen gegen Potsdam (1:5) und Freiburg (0:3), wurde die Überzeugung des Teams vermisst. Wo ist sie geblieben?

In der Hinrunde sind wir in diese Spiele gegen schwere Brocken mit mehr Selbstbewusstsein und dem Rückenwind von Punkten gegangen. Diesmal hatten wir unglücklich gegen Duisburg verloren, und das steckte noch in den Köpfen der Spielerinnen. Da hatten wir ja auch Matchbälle vergeben. Außerdem haben in den Spielen gegen Potsdam und Freiburg neben Giovanna Hoffmann auch unsere beiden Sechser Marie-Louise Eta und Janine Angrick gefehlt. Sie sind unsere Schaltzentralen.

Nun liegen rund drei Wochen Pause hinter dem Team. Hat die Auszeit gutgetan?

Personell nur bedingt. Die beiden sind wieder dran an der Mannschaft, aber definitiv nicht bei 100 Prozent. Über ihren Einsatz wird kurzfristig entschieden. Insgesamt wissen die Mädels aber, worum es geht und wirkten selbstbewusster. Deshalb tat uns die Pause gut. Es wurde ja auch viel im mentalen Bereich gearbeitet. Aber die Wahrheit liegt auf dem Platz, am Sonntag gegen Frankfurt.

Jetzt stehen die Spiele gegen Frankfurt, Wolfsburg, Essen und Bayern an, also Mannschaften, die unter den ersten Sechs liegen. Erst zum Saisonende geht es gegen den Mitkonkurrenten 1. FC Köln und den Tabellennachbarn Hoffenheim, der angesichts eines Zehn-Punkte-Vorsprungs aber ohne Sorgen ist. Die Entscheidung dürfte spät fallen, oder?

Wünschen würde ich mir, dass wir vorher punkten und nicht bis zum letzten Spieltag im Verteiler sind. Realistisch betrachtet sind wir das aber, zumal die Drei unter uns noch gegeneinander spielen. Irgendwelche Mannschaften werden also punkten und uns gegebenenfalls sogar überholen. Unsere elf Punkte reichten nicht, das wissen wir jetzt. Das heißt, wir müssen punkten, egal gegen welchen Gegner.

Ein Problem besteht offenbar auch darin, dass die einst abgeschlagenen Mannschaften aus Duisburg und Jena nach der Winterpause relativ erfolgreich sind.

Beim MSV überrascht mich das überhaupt nicht. Sie haben in der Hinrunde schon gute Leistungen gezeigt und mit dem Trainerwechsel neuen Schwung erhalten, den sie auch gegen uns genutzt haben.

Und Jena?

Wir schauen auf uns und die Tatsache, dass die Auftritte in der Rückrunde nicht optimal waren. Das zeigt jedoch, dass wir uns schon einen gewissen Status mit einer Erwartung erarbeitet haben. Letztlich sind wir ein Aufsteiger mit dem Ziel die Klasse zu halten und stehen nach drei Viertel der Serie auf Platz neun.

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Was macht Sie optimistisch hinsichtlich des Klassenerhalts?

Genau das. Objektiv gehört unsere Mannschaft in der Frauen-Bundesliga nicht zu den beiden schlechtesten der Liga. Wenn wir unser Potenzial abrufen, werden wir die Klasse halten.

Aber das Problem ist ja, dass die Mannschaft ihr Potenzial in diesem Jahr noch nicht abgerufen hat.

Ab diesen Sonntag müssen wir das wieder tun. Und zwar mit vollem Einsatz. Sonst brauchen wir nicht über den Klassenerhalt diskutieren. Wir müssen nach jedem Spiel vom Platz gehen und sagen können: Wir haben alles abgerufen. Wir sprechen in den letzten Wochen oft von Pech. Aber ich bin der Meinung, dass man sich Glück auch erarbeiten kann.

Was bedeutet die noch unsichere Situation für die Planung der kommenden Spielzeit?

Jeder Verein in jeder Sportart hat einen Vorteil, wenn Planungssicherheit herrscht. Es gibt nächstes Jahr eine eingleisige 2. Liga. Sie erfordert also einen ähnlichen Aufwand wie die 1. Liga. Es gibt Spielerinnen aus dieser Spielklasse, die sich auch deshalb für Werder interessieren, um erstklassig zu spielen. Wir versuchen aber gerade, im aktuellen Kader und bei den potenziellen Neuzugängen eine grundsätzliche Positionierung für Werder zu generieren, unabhängig von der Liga. Das ist eine schwierige Situation.

Mit Pia Wolter, die zum VfL Wolfsburg wechselt, steht bereits ein Abgang fest. Werden ihr weitere folgen?

Wir rechnen schon mit einem kleinen Umbruch. Unser Kader steht nun seit rund drei Jahren. Wir haben jetzt viele Spielerinnen, die sich Gedanken über ihre Zukunft machen, weil das Abitur oder das Examen bestanden sind. Das Werder-Gesicht wird sich ändern, das ist klar. Von der Liga ist das beim aktuellen Kader aber gar nicht so abhängig, diese Problematik besteht eher bei den potenziellen Neuzugängen.

Die 2. Mannschaft spielt um die Spitze der Regionalliga mit. Verfügt sie über das Potenzial für Verstärkungen?

Wir haben wöchentlich einige Spielerinnen im Training dabei. Für den erweiterten Kader sind schon welche dabei. Aber wären dort Spielerinnen, die uns ad hoc weiterhelfen, hätten wir auch etwas falsch gemacht. Für die 2. Liga sähe das vermutlich anders aus. Das gilt übrigens auch für die Spielerinnen, die aus der U 17 aufsteigen.

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Gerade wurde bekannt, dass sich Stefanie Sanders, die Werder im letzten Sommer in Richtung USA verlassen hatte, ab Januar dem SC Freiburg anschließt. Sind Sie enttäuscht über diese Nachricht?

Nein, überhaupt nicht. Es war immer klar, dass sie uns im Sommer 2017 verlassen würde und auch, dass sie Bremen danach verlassen wird, um bei einem anderen Verein zu spielen. Ich freue mich für Stefanie, weil sie gut nach Freiburg passt.

Das Gespräch führte Stefan Freye.

Zur Person

Birte Brüggemann ist 47 Jahre alt. Als Werder Bremen vor rund elf Jahren wieder eine Frauenfußballabteilung einführte, war sie bereits dabei. Birte Brüggemann leitet das Projekt vom ersten Tag an.

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