Werder Bremen zu Pöbeleien im Profifußball Frings: "Man muss sich dauernd was anhören"

Bremen. Beschimpfungen, Pöbeleien und Beleidigungen sind im Profi-Fußball anscheinend praktisch an der Tagesordnung. "Man muss sich permanent was anhören", sagte Torsten Frings. Für den Flaschenwurf von Paolo Guerrero (HSV) hat Werder Bremens Kapitän aber kein Verständnis.
06.04.2010, 21:20
Lesedauer: 3 Min
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Frings:
Von Thorsten Waterkamp

Bremen. Die Männer haben oft keine Vornamen. Sie kommen verschwitzt vom Rasen, die 150 Meter, die bis zur Tür zurückzulegen sind, können zum Marathon werden. Manchmal wartet nur eine Handvoll, manchmal warten hunderte Fans auf die Bremer Fußballprofis. 'Da, der Boenisch.' Eine Mutter schiebt ihren Sprössling in Richtung des Abwehrspielers, für den sie keine förmliche Anrede braucht. Der Profi reduziert zur Sache, zum Ding, zu einem Kopf im Kartenspiel: Autogrammjagd für die Kleinsten ist ein schönes Beispiel dafür, wie es bestellt ist mit Umgangsformen und Respekt. Dabei ist das ein harmloses Beispiel - es gibt andere im Kosmos eines Berufsfußballers.

Beschimpfungen, Pöbeleien, Beleidigungen, sagen Spieler, seien praktisch an der Tagesordnung. Nicht nur im Stadion, nicht nur vor, während oder nach dem Ende eines Spiels. Es gibt diese Situationen auch im Privatleben, in der Stadt zum Beispiel; der Fußballer ist ein öffentlicher Mensch, mit allen Risiken und Nebenwirkungen. Vor allem aber gibt es sie am Arbeitsplatz, im Stadion. 'Man muss sich permanent irgendwas anhören', sagt Torsten Frings. Und es sei sogar 'grundsätzlich normal, dass man sich sowas gefallen lassen muss'.

'Da muss man sich professionell verhalten'

Werders Kapitän ist 33 und seit 14 Jahren Fußballprofi. Er hat sich auf dem Platz immer zusammenreißen können, Beleidigungen und Beschimpfungen zum Trotz. Leicht fällt ihm das nicht jedes Mal: 'Natürlich gibt es Situationen, in denen es schwerfällt, wenn man aufs Schlimmste beleidigt wird.' Und trotzdem: Für den Flaschenwurf von Paolo Guerrero hat Frings keinerlei Verständnis: 'Das ist ein Unding. Da muss man sich professionell verhalten.'

Aber wie soll sich der Spieler wehren? Was darf er? Und: Was darf der Fan?

Klaus Allofs hat vor vier Wochen darauf eine Antwort gegeben: Selbst Pfiffe gingen dem Vorsitzenden der Werder-Geschäftsführung zu weit. Allofs chauffierte sich über den eigenen Anhang, weil der gepfiffen habe beim 2:2 gegen Stuttgart, auch ein Raunen sei von den Rängen zu hören gewesen. Seinen Unmut begründete er damit, dass die akustische Kritik gegen 'jüngere Spieler' gegangen sei, namentlich gegen die an dem Tag schwach spielenden Mesut Özil, Sebastian Boenisch und Aymen Abdennour. Allofs nutzte jede erdenkliche Medienplattform, um seine Botschaft unters Volk zu bringen - direkt nach dem Spiel schon im Radio, danach konsequent auf der wirkungsvollsten Bühne, dem Fernsehen. Und bekam anschließend mächtig Gegenwind, als Fans gleich in einer ganzen Serie von Leserbriefen ihr Recht aufs Pfeifen unterstrichen.

'Wenn gleich gepfiffen wird, ist das keine Unterstützung'

Denn die Frage, was der Fan darf, hatte Werders Chef mit seiner Einlassung äußerst einseitig beantwortet. Durch einen Vergleich mit anderen Bundesliga-Standorten nahm er den eigenen Anhang in die Pflicht: 'In anderen Stadien werden gerade die jungen Spieler besser unterstützt, wenn es mal nicht läuft. Wenn aber gleich gepfiffen oder geraunt wird, ist das keine Unterstützung.' Welche Rechte der Fan hat, sagte Allofs nicht.

Darf der Fan nicht einmal pfeifen? Kritik üben? Sich ärgern?

Doch, das darf er. Pfeifen, kritisieren, sich ärgern. Sagt Clemens Fritz. Er ist - wie Torsten Frings - einer derjenigen Werderaner, die sich gestern, einen Tag nach Guerreros Flaschenwurf, zum Verhältnis zwischen den Fans und ihren Vorbildern äußern. 'Die Zuschauer haben das Recht, zu kritisieren. Wenn wir ein schlechtes Spiel machen, natürlich.' Nur dürfe sich die Ablehnung nicht gegen einzelne Spieler richten, und sicher sei 'oft die Art und Weise nicht in Ordnung'. Fritz fordert Kritik auf 'respektvoller Ebene, das ist okay'.

Dass es mit dem Respekt nicht immer sehr weit her ist, weiß Dieter Zeiffer. Er vertritt bei Werder die Fans. Dieter Zeiffer ist die Schnittstelle zwischen Rang und Rasen, zwischen Fankurve und Vorstandsbüro. Auch er sagt: 'Es ist legitim, wenn Zuschauer pfeifen.' Aber eben nur das ist legitim und ein paar weitere harmlose Gesänge, Sprüche, Spötteleien, wie zum Beispiel ein 'Du hast die Haare schön', mit dem gegnerische Fans in ausdauernder Inbrunst Werders Schlussmann Tim Wiese beschallen.

'Wie sich da erwachsene Menschen zum Teil benehmen...'

Dieter Zeiffer könnte am ehesten Paolo Guerrero verstehen. Er kennt die Beschimpfungen der Zuschauer und Fans, dreckig bis niederträchtig in der Wahl der Worte. Zum Beispiel nach dem Training auf dem Parkplatz, über den die Bremer Profis zurück zur Kabine gehen. 'Ich weiß, was Fußballfans den Spielern an den Kopf hauen. Wie sich da erwachsene Menschen zum Teil benehmen - wenn du einmal kein Autogramm mehr gibst, bist du als Spieler sofort ein Arsch.' Doch selbst das, schränkt Zeiffer ein, ist kein Freibrief für eine Reaktion wie ein Flaschenwurf gegen einen pöbelnden Fan. 'Es kann nicht angehen, dass sich ein Spieler so gehen lässt. Wenn auch der Zuschauer sich mal fragen sollte, ob er den Spieler so weit bringen musste.'

Darf sich der Spieler nicht wehren?

Doch, das darf er, er muss sogar eine Reaktion zeigen, findet Zeiffer. In der Wahl der Mittel allerdings ist der Profi beschränkt. Torsten Frings, der Erfahrene, kennt eigentlich nur eins: 'Da musst du drüberstehen.'

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