Werder Bremen Fritz: "Fühle mich nicht als etwas Besonderes"

Bremen. Vor einem Jahr musste man sich ein wenig sorgen um Clemens Fritz. Er hatte seinen Status als Nationalspieler verloren, fiel auch im Verein in ein Leistungsloch, und es sah so aus, als ob er nun über den Zenit hinweg wäre. Jetzt spielt der Rechtsverteidiger eine starke Saison.
20.04.2010, 22:34
Lesedauer: 3 Min
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Fritz:
Von Olaf Dorow

Bremen. Vor einem Jahr musste man sich ein wenig sorgen um Clemens Fritz. Er hatte seinen Status als Nationalspieler verloren, fiel auch im Verein in ein Leistungsloch, und es sah so aus, als ob er nun über den Zenit hinweg wäre. Stimmt nicht: Der Rechtsverteidiger spielt eine konstante und starke Saison. Olaf Dorow traf ihn zum Gespräch.

Sind Sie der etwas andere Fußballprofi?

Clemens Fritz: Äh, worauf wollen Sie denn jetzt hinaus?

Auf Ihrer Homepage steht, Sie fühlen sich zu jung, eine Familie zu gründen? Mit Verlaub, Sie werden dieses Jahr 30.

Ja, schon, aber deswegen muss man doch nicht zwingend schon eine Familie gegründet haben.

Die meisten Fußballprofis haben aber. Haben mit 30 längst zwei Kinder, mindestens.

Aber wieviel Fußballprofis gibt es, die mit 30 schon das erste Mal geschieden sind? Das soll jetzt keine Attacke sein gegen irgendwen. Ich fühle mich nicht als etwas Besonderes. Der eine findet mit 20 seine große Liebe, der andere mit 45, ist doch normal. Ich weiß immer noch nicht genau, worauf Sie hinaus wollen.

Entschuldigung. Eigentlich nur darauf, dass Sie jetzt bald 30 sind und damit als Fußballer an einem Punkt...

...an dem ich eigentlich aufhören kann, oder? Was soll noch kommen? Ich sollte meinen Rucksack packen und um die Welt reisen.

Und ernsthaft?

Es ist normal, dass da eine biologische Uhr tickt. Ich lasse das auf mich zukommen. Ich bin neugierig, was noch passieren wird in meinem Leben. Ich habe keinen Plan, auf dem steht: mit 33 aufhören, dann Trainerschein, undsoweiter. Ich werde auf jeden Fall reisen, ich will andere Kulturen kennenlernen. Und irgendwann werde ich auch eine Familie gründen. Da bin ich mir mit meiner Freundin übrigens nicht uneinig.

Ein Profi Ihres Formats denkt mit 30 gern an einen Vertrag im Ausland.

Sicherlich ist das interessant, man kann sehr viele Erfahrungen sammeln. Aber ich habe letztes Jahr nicht ohne Grund bis 2012 in Bremen verlängert. Bei einem Wechsel ins Ausland weiß man ja nie, was einen genau erwartet. Ich könnte mir eher vorstellen, nach meiner Karriere im Ausland zu leben.

Und mit dem Fußballgeschäft nichts mehr zu tun zu haben?

Nein. Mein ganzes Leben hat mit Fußball zu tun gehabt. Ich glaube zwar nicht, dass ich Trainer werde, auch wenn man im Fußball ja niemals nie sagen kann. Das kann sich also ändern. Aber Stand heute: Ich würde gerne im Jugendbereich etwas machen und meine Erfahrungen weitergeben.

Zu den Erfahrungen gehört ein EM-Turnier. Mit einer Weltmeisterschaft wird es wohl eng, oder?

Ich habe seit einem Jahr nichts mehr gehört vom DFB. Ich sehe das realistisch und sehe da nichts Blaues am Himmel. Ich habe schon vor dieser Saison gesagt, ich will mich auf Werder konzentrieren. Ich kann nur sagen: Ich fühle mich gut und beklage mich nicht. Ich denke überhaupt nicht an die Nationalmannschaft.

Sie hoffen auch nicht mehr auf eine Überraschung, wenn der Bundestrainer Anfang Mai für die WM nominiert?

Nein, wirklich nicht. Wenn Sie mich jetzt fragen, dann denke ich darüber nach, aber sonst nicht. Ich denke an unser nächstes Spiel, an die Champions League, die wir unbedingt erreichen wollen. Ans Pokalfinale.

Sie spielen viel stabiler als in der letzten Saison. Wie haben Sie das hinbekommen?

Ich hatte ein durchwachsenes letztes Jahr. Aber ich hatte eine gute Vorbereitung im Sommer, ich hatte kaum Verletzungen. Ich hab? mich einfach gut gefühlt.

Beneidenswert. Einfach gut drauf sein, und schon läuft es wieder?

Ich bin ein Spieler, der von seiner Physis lebt. Ich spiele auf einer Position, auf der man die Physis braucht, man muss weite Wege gehen. Wenn du merkst, Dein Körper macht das mit, Du bist stark und fit, dann traust Du Dir auch mehr zu.

Sie haben mal gemutmaßt, Sie grübeln vielleicht zu viel.

Das ist doch aber fast bei jedem so. Ich beneide die Leute, die das einfach ausblenden können. Als Profi stehst du aber permanent in der Öffentlichkeit, du wirst ständig damit konfrontiert, wenn es mal nicht läuft, Du beschäftigst Dich automatisch damit: Wie komme ich zu meiner Leichtigkeit zurück?

Wie kam sie zurück?

Mich hat das nicht so ?runtergezogen. Ich konnte mich sehr nüchtern damit beschäftigen. Wenn man alles hinterfragt in Zeiten, in denen es nicht läuft, dann ist auch das Umfeld wichtig: die Eltern, die Freunde.

Immer häufiger arbeiten Spitzensportler dann mit Mentaltrainern zusammen. Sie auch?

Nein, habe ich nicht. Natürlich habe ich mit dem Trainer gesprochen. Es war wichtig, das Vertrauen von Trainer und Mannschaft zu spüren. Aber ich war ja nicht völlig ratlos. Es war nicht so, dass ich nicht wusste, was ich falsch mache.

Sie spielen eine gute Saison. Ist es ein Zufall, dass es eine Saison ist, in der Sie wenig Konkurrenz auf Ihrer Position haben?

Ach, den Druck mach' ich mir doch selbst, ich stelle hohe Ansprüche an mich. 2006 war Patrick Owomoyela noch da, und in dem Jahr hab? ich mich in die Nationalmannschaft gespielt. Man kann nicht sagen: Ohne Konkurrenz spielt der Fritz stärker. Konkurrenz belebt das Geschäft.

Wir müssen nochmal auf Ihr Alter zurückkommen. Mit 30 übernimmt man zunehmend Verantwortung...

...hab' ich übernommen. Letzte Saison hab? ich mich noch gesträubt vor dem Amt. Aber jetzt mache ich das. Ich verwalte die Mannschaftskasse.

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