Werder Bremen Grau in grau vor dem Rückrundenstart

Bremen. Werder-Trainer Thomas Schaaf muss sich inzwischen öffentlich fragen lassen, ob er die Grün-Weißen noch trainieren wil. Und auch ansonsten liegt vor dem Rückrundenstart vieles im Argen bei dem Club.
14.01.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Grau in grau vor dem Rückrundenstart
Von Marc Hagedorn

Bremen. Die erste Frage ließ sich noch leicht parieren. Ob Werder einen Plan A habe, wollte ein Journalist wissen, oder ob es einen Plan B gebe, sollten die nächsten drei Spiele gegen Hoffenheim, Köln und Bayern nicht erfolgreich enden. "Es gibt zu Plan A keine Alternative", sagte Werder-Boss Klaus Allofs und versuchte ein Schmunzeln. Zu guten alten Werder-Zeiten wäre das Thema damit erledigt gewesen. Zu guten alten Werder-Zeiten waren gegen Mannschaften wie Hoffenheim, Köln und Bayern sieben bis neun Punkte immer im Bereich des Möglichen. Aber heute? Heute ist bei Werder vieles anders.

Was sind das für Zeiten, in denen inzwischen ganz offen danach gefragt wird, ob Thomas Schaaf auf diesen Job bei Werder überhaupt noch Lust hat. Es ist keine vier Wochen her, dass Schaafs guter Freund und Weggefährte Dieter Eilts in einem Interview mit dem Magazin "11 Freunde" orakelte: "Ich frage mich, ob Thomas nicht bald ernsthaft darüber nachdenkt, mal einen anderen Klub zu trainieren."

Gestern wurde dieses Bremer Tabu auch auf der offiziellen Pressekonferenz zum Hoffenheim-Spiel gebrochen. Schaaf wurde tatsächlich gefragt, ob er sich diesen Job eigentlich noch antun müsse, in abgewandelter Form später sogar noch ein zweites Mal. Immerhin glückte dem in den Vorwochen mitunter sehr dünnhäutig wirkenden Trainer eine souveräne Antwort. "Ich habe in der Winterpause über vieles nachgedacht", sagte Schaaf, "aber dabei ging es darum, was für die Mannschaft wichtig ist. Meine Person ist nicht so wichtig."

Thomas Schaaf war, als er dies sagte, ganz der Trainer Thomas Schaaf. Er dachte an die Trainingsarbeit, an die Gestaltung der Einheiten, daran, wie er den Spielern helfen kann, Sicherheit und Selbstvertrauen wiederzugewinnen. Die Antwort ist dieselbe wie in der von vielen Krisen geplagten Hinrunde: durch viel Arbeit, durch konzentrierte Arbeit, durch gewissenhafte Arbeit. "Und wer beim Training dabei war", sagte Schaaf, "der hat gesehen, wie aktiv diese Mannschaft ist."

Das war sie ohne Zweifel auch bei der gestrigen Einheit wieder. Aber reicht das aus, damit nun alles besser wird? Es regnete gestern fast ohne Unterbrechung. Noch nachmittags um drei stieg Bodennebel am Weserstadion auf. Das Wetter war trostlos, gerade so, als habe jemand dieses Grau-in-grau extra bestellt, um die Tristesse bei Werder zu illustrieren. Die Kritik ist derzeit vernichtend und kommt aus allen Richtungen.

Ex-Werder-Profi Mario Basler ließ via "Bild" ausrichten: "Bei Werder läuft nichts. Werder ist die Steigerung von peinlich." Uli Borowka, ein anderer Werder-Spieler aus alten Zeiten, sagte im "Kicker" mit Blick auf die Rückrunde: "Ich sehe schwarz." Den Online-Lesern des Weser-Kuriers geht es nicht viel besser: Über 50 Prozent erwarten am Sonnabend eine Niederlage im Heimspiel gegen Hoffenheim, sonst tippen höchstens 30 Prozent auf einen für Werder schlechten Ausgang. Beim Verein hat man den Frust der Fans, die Sorge der Zuschauer und die Häme der Kritiker sehr

wohl registriert. "Wenn es jetzt nur strahlende Gesichter gäbe, wäre das ja auch nicht normal", sagte Allofs. Einem Verdacht widersprach er dabei deutlich: Dass viele Profis den Ernst der Lage immer noch nicht erkannt hätten. Nach wie vor gibt es Spieler in der Mannschaft wie Claudio Pizarro, die Werder bei einem guten Start noch einen Platz im internationalen Wettbewerb zutrauen. Andere wie Tim Wiese sehen Platz zehn als Ende der Fahnenstange, bestenfalls. Mannschaftskapitän Torsten Frings wiederum wird nicht müde zu betonen, dass der Abstand nach unten geringer ist als der Rückstand auf die vorderen Plätze.

Was denn nun? "Grundsätzlich ist es doch positiv, wenn ein Spieler sagt: Wenn wir erst mal ins Rollen kommen, dann wollen wir noch was holen", sagte Allofs, "aber ich weiß, dass hier keiner dabei ist, der träumt." So oder so bleibt das Gefühl, dass Werder gerade eine Zäsur erlebt. Ganz offen sagen das inzwischen auch die Verantwortlichen. "Das, was wir hier Jahr für Jahr erlebt haben, ist nicht Normalität", sagte Schaaf, "wir haben immer am Limit existiert.

Das, was wir diese Saison erleben, haben andere Klubs in den letzten Jahren viel öfters erlebt." Schaaf dachte natürlich an Leverkusen, an den HSV, an Hertha. Ihr Schicksal ist Warnung für Werder in diesen Tagen. Leverkusen und der HSV bekamen rechtzeitig die Kurve. Was mit Hertha passiert ist, spricht für sich selbst. In Berlin war man eine Saison lang der Meinung, eigentlich zu gut für den Abstiegskampf zu sein. Heute ist die Hauptstadt Berlin eine Hauptstadt ohne Erstligaverein.

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