Werder Bremen Grün-Weiß tritt wieder als Mannschaft auf

Bremen. Das Nordderby gegen den HSV hat Werder den vierten Sieg im fünften Spiel beschert. Doch als "Bayernjäger" möchten die Elf von Thomas Schaaf nicht gelten. Man kostet die komfortable Situation derzeit einfach mal aus.
12.09.2011, 05:00
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Grün-Weiß tritt wieder als Mannschaft auf
Von Oliver Matiszick

Bremen. Die Antwort von Clemens Fritz fiel kurz und prägnant aus, was nicht nur damit zu tun hatte, dass Werders Kapitän bereits im Gehen begriffen war, sondern auch mit dem Inhalt der Frage. Es war darum gegangen, ob die Bremer nach diesem 2:0 im Nordderby fortan in der Rolle des Bayern-Jägers wären. "Nein", sagte Fritz, das musste reichen. Denn auch nach dem vierten Sieg im fünften Spiel machen sie sich bei Werder keine Gedanken darüber, was sie womöglich demnächst sein könnten. Sondern sie kosten erst einmal aus, was sie wieder sind: eine Mannschaft.

Das, was sich nach dem Erfolg gegen den Erzrivalen aus Hamburg auf dem Rasen abspielte, hatte das Weserstadion tatsächlich lange nicht erlebt. Die Werder-Profis drehten eine lange Ehrenrunde, vorbei an jeder einzelnen Tribüne. Den Schlusspunkt bildete der Auftritt vor der Ostkurve, dem Standort der treuesten Werder-Fans. Dort tat die Mannschaft, was sie sich für ganz besondere Momente aufhebt: Sie tanzte "den Wiedener", jenes fröhliche Gehopse nach links und nach rechts, kollektives Hüftwackeln eingeschlossen. Torwart Tim Wiese leitete per Megaphon an, ließ sich mit Marko Arnautovic noch auf eine Pogo-Einlage ein - und alle hopsten mit.

"Die Stimmung im Stadion", sagt Fritz, "war aber auch sensationell. Das hatte schon was von Champions-League-Abend." Noch vor Monaten wäre eine derart ausgelassene Stimmung - auf dem Rasen wie auf den Tribünen - ungefähr so wahrscheinlich gewesen wie die Prognose, dass Werder mit zwölf von 15 möglichen Punkten in die neue Saison starten würde.

Was also ist hier eigentlich geschehen?

Die Erklärungsversuche auf diese Frage lauten wie eine Kurzzusammenfassung des Kapitels "Grundlagen" aus dem Fußballlehrbuch. Die Aussagen ähneln sich, die entscheidenden Worte lauten Kampf- und Einsatzbereitschaft. "Wir machen weniger Fehler, wir arbeiten mehr miteinander", sagt Werder-Boss Klaus Allofs. "Wir ackern mehr, einer kämpft für den anderen - und dann läuft das auch", heißt es bei Tim Wiese. Und, etwas ausführlicher, bei Kapitän Fritz: "Vergangene Saison haben wir uns zu sehr auf unsere spielerischen Qualitäten verlassen - und erst am Ende gemerkt, dass es nur über den Einsatz geht. Dieses Jahr stimmt die Mischung."

Was zwangsläufig zur Gegenfrage führt, woran es denn nun tatsächlich lag, dass die Mischung in der verkorksten Vorsaison offenbar nie wirklich stimmte; dass die Mannschaft eben nicht in der Lage war, sich auch einmal über einen längeren Zeitpunkt zusammenzuraufen und als Einheit zu kämpfen. Klaus Allofs deutet zumindest an, dass es zum Teil auch an den handelnden Personen in der Mannschaft lag, wenn er sagt: "Ich möchte jetzt nicht zurückblättern. Das bringt doch nichts zu sagen: ,Der und der hat nicht funktioniert.' Wir haben das analysiert, jetzt läuft es besser - und das ist wichtig."

Dass es so unerwartet gut läuft - es erinnert nicht von ungefähr an die Saison 2003/04. Damals erlebte die Mannschaft unmittelbar vor dem Bundesligastart die grausame UI-Cup-Pleite von Pasching - und startete danach durch. Das Pasching von 2011 heißt Heidenheim. "Der Pokal-K.o. dort war ein Hallo-wach-Erlebnis", glaubt Clemens Fritz, "dort sind wir in die alten Muster zurückgefallen. Die Leidenschaft war nicht da."

Nun stürzt sich Werder mit aller Leidenschaft in die Meisterschaft, den einzigen Wettbewerb, der ihr noch geblieben ist. Wer glaubte, dass ihr der Blitztransfer von Per Mertesacker zunächst einmal einen Knacks verpassen würde, sah sich am Sonnabend getäuscht. Die Mannschaft hielt sich an das, was sie zuvor mehrfach angekündigt hatte: Sie schloss die Lücke, die der langjährige Abwehrchef hinterlassen hat, in einem gemeinschaftlichen Kraftakt. Nur ein Beispiel: Wohl selten sah man den eigentlich offensiv ausgerichteten Mittelfeldspieler Aaron Hunt auch so beherzt nach hinten arbeiten wie gegen den HSV.

Die elf Werder-Rädchen griffen so gut ineinander, dass bereits bereits ein wenig geträumt wurde. In den meisten Fällen klammheimlich, im Fall von Claudio Pizarro auch ganz öffentlich. Der Stürmer rief nach dem Derbysieg schon einmal als Werder-Ziel aus: Erstens eine Top-Mannschaft werden zu wollen und als solche, zweitens, natürlich auch um den Titel mitspielen zu wollen (wir berichteten). Es zeugte einerseits vom Vertrauen, dass der erfahrene Stürmer in seine runderneuerte Mannschaft hat, ging den dafür Verantwortlichen andererseits aber doch um einiges zu schnell. "Der Puls", sagte Trainer Thomas Schaaf, "kommt auch schon wieder runter, keine Sorge."

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