Hans Schulz wird 80 Der Werder-Star, den Uwe Seeler bei Hertie abwarb

Hans Schulz trägt den SV Werder im Herzen, wirkte als Spieler und Aufsichtsrat an der Weser. Nun feiert er seinen 80. Geburtstag – und ist zufrieden mit den Grün-Weißen.
04.12.2022, 14:47
Lesedauer: 5 Min
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Von Björn Knips

Diesen Tag im Juni 1966 wird Hans Schulz nie vergessen. „Uwe Seeler kam die Rolltreppe hochgefahren, da war vielleicht eine Aufregung bei Hertie“, erinnert sich der ehemalige Spieler des SV Werder an eine besondere Szene in dem längst abgerissenen Kaufhaus an der Obernstraße: „Und Uwe wollte tatsächlich zu mir, um mich zum HSV zu holen.“ Was Seeler auch gelang.

Für diesen brisanten Wechsel zum Hamburger SV muss sich Schulz auch heute immer mal wieder rechtfertigen. Das macht er aber gerne, dann kann er nämlich seine ganz besonders innige Beziehung zum SV Werder beschreiben, mit dem Schulz 1965 Deutscher Meister wurde und bei dem er von 1999 bis 2016 im Aufsichtsrat saß. Am Sonntag wird Hans Schulz 80 – unsere Deichstube hat sich zuvor mit ihm getroffen.

„Ich hätte nie für möglich gehalten, dass ich mal 80 werde“, sagt der ehemalige Fußballer und lacht. Die Knie und der Rücken machen ihm zwar zu schaffen und lassen ihn nur noch ausnahmsweise mal Golf spielen, aber ansonsten geht es ihm gut. Schulz gehört zu der Sorte Menschen, die lieber lächeln als klagen. Er blickt zufrieden zurück – vor allem natürlich auf seine sportliche Karriere.

Bremen war unser großes Glück.
Hans Schulz

Schulz stammt aus Halle an der Saale. 1953 flüchteten seine Eltern aus der damaligen DDR und fanden in Bremen eine neue Heimat – dank Werder. Der Club suchte einen Trainer und verpflichtete Fred Schulz, den Vater von Hans. Der hatte sich im Osten als Spieler und Trainer (auch der DDR-Auswahl) einen Namen gemacht. „Bremen war unser großes Glück“, schwärmt Hans Schulz.

Und sein ganz spezielles Glück war in der Saison 1964/65 der verletzungsbedingte Ausfall von Theo Klöckner. „Dadurch durfte ich viel spielen.“ Werder wurde zum ersten Mal Deutscher Meister – und der erst 22-Jährige war mittendrin. „Wir sind mit der Pferdekutsche durch Bremen gefahren – bei strömendem Regen. Aber es war herrlich mit den ganzen Fans“, erinnert sich Schulz.

Wir waren Deutscher Meister und haben halbtags noch gearbeitet, das muss man sich mal vorstellen.
Hans Schulz

Der Fußball-Alltag sah da schon etwas anders aus. „Wir waren Deutscher Meister und haben halbtags noch gearbeitet, das muss man sich mal vorstellen.“ Schulz war wie einige Teamkollegen bei Werder-Sponsor Hertie angestellt. Während sich Keeper Günter Bernard um die Sportabteilung kümmerte, war Schulz in der Herren-Konfektion zu finden. „Das hatte ich bei Grömke und Dornbusch in der Neustadt gelernt.“ Vom Werder-Geld allein hätte er nicht leben können. „Ich habe 250 Mark im Monat bekommen, das war nicht so viel. Aber ich hätte auch für null Mark gespielt. Ich war so stolz, in der ersten Mannschaft zu sein.“

Dafür riskierte er auch seine Gesundheit, ließ sich Cortison in die schmerzenden Knie spritzen. „Sie glauben gar nicht, was es für ein Gefühl ist, vor 30.000 Zuschauern im Weserstadion zu spielen. Aber das mit den Spritzen hätte ich wahrscheinlich lieber lassen sollen. Ich bin immer auch zu früh angefangen, wenn ich eine Zerrung hatte.“

Der Ehrgeiz war groß. Und dann stand da plötzlich Uwe Seeler im Hertie-Kaufhaus. „Den kannte damals schon jeder.“ Der HSV-Stürmer musste allerdings auch nebenher arbeiten, war als Vertreter von Adidas unterwegs – und auf einer seiner Reisen sollte er für den HSV Hans Schulz in die größere Hansestadt locken. „Ich wollte Werder eigentlich nie verlassen“, erzählt Schulz: „Doch mir wurde kein Angebot gemacht.“

Hans Schulz brachte Werder einst eine Rekord-Ablösesumme ein

Außerdem war er unter Günther Brocker, dem Nachfolger von Meistercoach Willi „Fischken“ Multhaup, nicht mehr so zum Zuge gekommen. Den Vorvertrag, den er bereits bei Hannover 96 unterschieben hatte, erklärte Seeler kurzerhand für unwirksam, weil Fristen nicht eingehalten worden waren. Da sich die Clubs bei der Ablöse nicht einig wurden, legte das DFB-Schiedsgericht die Summe von 100.000 Mark fest – so viel hatte Werder bis dahin noch nie kassiert.

Schulz war der erste Spieler, der den Schritt von der Weser an die Elbe wagte. „Meinem Vater tat das unheimlich weh, er war inzwischen im Vorstand bei Werder. Da hat man ihm schon Vorwürfe gemacht. Aber die Rivalität zwischen Werder und dem HSV war damals noch nicht so groß. Dieser Hass, der irgendwann aus welchen Gründen auch immer entstanden ist, existierte zwischen den Fans damals noch nicht.“

Also gab es keinen größeren Ärger. „Ich habe fünf tolle Jahre beim HSV erlebt“, betont Schulz, spart dabei aber auch nicht den 23. Mai 1968 aus: „Meine schlimmste Geschichte, die ich erlebt habe.“ Bis zu diesem Finale im Europapokal der Pokalsieger hatte er als „offensivster defensiver Mittelfeldspieler“ alle Partien bestritten – und genau diese Stärke wurde ihm zu Verhängnis: „Trainer Kurt Koch und Sportdirektor Georg Knöpfl stellten mich aus taktischen Gründen nicht auf – und das hieß damals direkt Tribüne, weil es noch keine Auswechslungen gab. Das war hart, aber ich war dem Trainer nicht böse. Er hat nicht gegen mich, sondern für die Mannschaft entschieden.“ Der HSV verlor 0:2.

Knieprobleme verhinderten DFB-Karriere

1971 wechselte Schulz zu Bundesliga-Aufsteiger Fortuna Düsseldorf, drei Jahre später zum Zweitligisten Alemannia Aachen, um seiner in Düsseldorf arbeitenden Frau möglichst nahe zu bleiben. 1976 traten seine lädierten Knie in den Dauerstreik, nichts ging mehr. „Ich bin allein in Hamburg in fünf Jahren fünf Mal operiert worden. Knorpelschaden – es gibt nichts Schlimmeres“, seufzt Schulz. Ohne diese Probleme hätte er es vielleicht auch in die Nationalmannschaft geschafft. Aber es reichte immerhin zu 214 Bundesligaspielen (31 für Werder) und 39 Toren (6 für Werder).

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Schulz kehrte in die Heimat nach Bremen zurück, wo sein Bruder mehrere Tapeten-Geschäfte betrieb. Dessen Kompagnon bat Schulz, noch für den Amateurclub VSK Osterholz-Scharmbeck aufzulaufen. „Das hätte ich nie machen dürfen. Die waren alle lieb und nett, aber ich war einfach nicht fit.“ Auch die Tapeten waren nichts für ihn, also machte Schulz ein Sportgeschäft auf, das er nach acht Jahren wieder verkaufte, um seinem Bruder in die Reisebranche zu folgen. „Wir haben freiberuflich Gruppenreisen angeboten. Das hat sehr viel Spaß gemacht.“

Großes Lob für Baumann und Filbry

Seine große Leidenschaft blieb aber Werder. Dorthin holte ihn sein ehemaliger Mannschaftsarzt Franz Böhmert zurück. Der war inzwischen Werder-Präsident, bat Schulz immer mal wieder um Rat – so auch vor dem Rauswurf von Trainer Felix Magath im Frühjahr 1999. „Ich habe Thomas Schaaf als Nachfolger vorgeschlagen“, erinnert sich Schulz. Es war der Beginn einer Erfolgsära.

Für den neuen Aufsichtsrat brachte Böhmert wenige Monate später Schulz ins Spiel – und der wurde auch gewählt. Bis 2016 blieb er im Kontrollgremium, erlebte die goldenen Zeiten mit Double 2004 und Pokalsieg 2009. Der Abstieg 2021 habe ihn „hart getroffen“, noch härter aber der Umgang mit Sportchef Frank Baumann: „Das war brutal.“

Und kurz vor Ende des fast 90-minütigen Gesprächs mit unserer Deichstube muss er deshalb eines unbedingt noch loswerden: „Ich ziehe den Hut vor Frank Baumann und Klaus Filbry (Werder-Boss, Anm. d. Red.). Sie haben nach dem Abstieg Gewaltiges geleistet. Das Image von Werder hat sich sprunghaft wieder verbessert. Vielleicht schaffen wir es irgendwann mal wieder nach Europa.“

Erst mal wird aber am Sonntag der 80. Geburtstag gefeiert, „nicht so groß, sondern im Kreise der Familie, worauf ich mich schon freue“. 

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