Prozess gegen Ultra von Holstein Kiel Hooligan-Attacke auf Bremer Fußballfans landet vor Gericht

Drei Jahre nach dem Überfall von mindestens sechs gewalttätigen Kieler Hooligans auf zwei Werder-Anhänger will die Schleswig-Holsteinische Justiz einen Schlussstrich unter den Fall ziehen.
12.07.2018, 19:51
Lesedauer: 3 Min
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Von Thomas Geyer

Im Kieler Landgericht begann der Berufungsprozess gegen den letzten von sechs Angeklagten, dessen Verurteilung wegen des Vorfalls vom 15. August 2015 am Kieler Hauptbahnhof noch nicht rechtskräftig ist.

Im März 2017 hatte das Kieler Amtsgericht die sechs mutmaßlichen Holstein-Schläger wegen gemeinschaftlichen Raubes und gefährlicher Körperverletzung zu Jugend- und Freiheitsstrafen zwischen einem und zwei Jahren sowie 2000 Euro Schmerzensgeld verurteilt. Alle sechs Angeklagten kamen mit Bewährung davon. Fünf akzeptierten das Urteil. Nur ein 27-Jähriger aus dem Kieler Umland will „nichts mit der Sache zu tun“ gehabt haben.

Zum Auftakt des Berufungsprozesses berief sich der Angeklagte in einer schriftlichen Erklärung auf eine Verletzung seines linken Zeigefingers: Eine frisch genähte Wunde habe ihm jegliche Beteiligung an Tätlichkeiten unmöglich gemacht. Der 27-Jährige räumte ein, sich „in der Ultra-Szene bewegt“ zu haben, Gewalt sei ihm jedoch „zuwider“. Am Tatort sei er nur zufällig gewesen, weil er nach Verlust des Führerscheins den Bus vom Stadion zum Hauptbahnhof nehmen musste.

Mitten in der City

Doch gerade an den Mann mit dem auffälligen Verband will sich der damals verprügelte und beraubte Werder-Fan ganz besonders deutlich erinnern. Der Hooligan-Attacke an einer der belebtesten Stellen der Kieler City sei „ein furchtbares Spiel, eine dicke Klatsche“ im Holstein-Stadion vorausgegangen, erinnert sich der 28-jährige Politikstudent an die 3:0-Niederlage seiner zweiten Mannschaft.

Während des Spiels hätten er und sein ebenfalls angereister Kumpel im nur mäßig gefüllten Gästeblock des Kieler Stadions ihre Fan-Schals getragen und ein Banner am Zaun befestigt. Dessen Aufschrift „Free Valentin“ und ihr Symbolwert gegen rechtsradikale Fußballfans provozierte laut Urteil die Wut der Holstein-Hooligans.

Die Angeklagten rotteten sich über soziale Medien zu einem Rollkommando zusammen, wie die polizeiliche Auswertung ihrer Smartphone-Chats ergab. „Schon gesehen?“, funkte einer in die Whatsapp-Gruppe, „die zeigen so ′n Scheiß“. „Alles klar, Alter!“, antworten andere, „bin gleich da“ oder „bin einsatzbereit“. Besagten Einsatz nahmen die Zeugen zunächst als Verfolgung einer immer größer werdenden Gruppe junger Männer wahr, die sich zum Teil auf schwarzen T-Shirts als „Förde-Krieger“ mit KSV-Logo ausgewiesen hätten.

"Trophäen" als Erfolgsmeldung

Schon beim Verlassen des Stadions fühlten sich die Bremer, die ihre Fan-Utensilien in einem Jutebeutel verstaut hatten, beobachtet. „Sie zeigten auf uns und tuschelten.“ Auf dem Weg in Richtung Innenstadt wechselten die Zeugen die Straßenseite. Die Verfolger blieben dran. „In der Menge bleiben, unter Leuten“, hieß das Sicherheitskonzept der aus Bremen angereisten Fans.

Entgegen ihrer Planung stiegen sie doch in einen Linienbus. Und wurden drinnen umstellt. Der geplante Ausstieg in der wenig belebten Umgebung ihrer Unterkunft erschien den Verfolgten zu heikel. Sie wollten deshalb am Bahnhof in ein Taxi umsteigen. Doch gleich nach dem Verlassen des Busses traf den 28-Jährigen ein Schlag auf den Hinterkopf. „Mit Wucht und völlig unerwartet“, so der Nebenkläger. „Fünf bis sechs gingen auf mich los und wollten meine Tasche haben.“

Nun prasselte laut Urteil des Amtsgerichts eine Serie von Fußtritten und Schlägen zahlreicher Angreifer auf Beine und Rücken der Opfer ein. „Haben Banner!“, chattete einer der Angreifer um 16.40 Uhr. Man treffe sich am Bootshafen, am Bahnhof seien „die Bullen“. Noch am selben Abend stellten die Täter Fotos der erbeuteten Trophäen als Erfolgsmeldung in das Internet. „Ha, schön geil Alter!“, lauteten die Kommentare. Und: „War ein gutes Ding“.

Während sich die Kieler Anhänger „befreit“ fühlten, litten die Bremer unter Prellungen und Hämatomen am ganzen Körper. Zu den Verletzungen zählten Nasenbluten, eine aufgeplatzte Lippe, eine Halswirbelverstauchung, eine leichte Gehirnerschütterung. „Drei bis vier Wochen“ erinnerten blaue Flecken an den Überfall nach dem Fußballspiel. Der Vorsitzende fragt nach psychischen Folgen. „Natürlich“, sagt der Nebenkläger, „das lässt einen nicht los“. Doch er wolle sich dadurch nicht die Freude an diesem Sport verderben lassen.

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