Werder Bremen Hunt ist Werders Marathonmann

Bremen. Aaron Hunt hat nach dem Katastrophenjahr 2010/2011 seine Situation überdacht. Aktuell ist er Werders Spieler mit den drittmeisten Ballkontakten pro Partie. Generell arbeite das Team jetzt anders anders als in der Vor-Saison, so Hunt.
14.09.2011, 05:00
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Hunt ist Werders Marathonmann
Von Marc Hagedorn

Bremen. Aaron Hunt ist im Spiel gegen den HSV 12,404 Kilometer gelaufen. Er hat 52 Prozent seiner Zweikämpfe gewonnen, und 78 Prozent seiner Pässe sind beim Mitspieler angekommen. Zahlen, die an Aussagekraft gewinnen, wenn man sie ins Verhältnis zu den Werten der übrigen Profis auf dem Spielfeld setzt. So viele Kilometer wie Aaron Hunt hat am Sonnabend im Weserstadion kein anderer Spieler zurückgelegt. Im Vorjahr hat Aaron Hunt im Schnitt noch zwei von drei Zweikämpfen verloren, heute ist er der Werder-Spieler mit den drittmeisten Ballkontakten pro Spiel überhaupt.

Diese Daten, die ein spezielles Computersystem seit dieser Saison der breiten Öffentlichkeit liefert, sind einigermaßen überraschend, stehen sie doch im krassen Widerspruch zu den Vorwürfen, die sich Aaron Hunt immer noch anhören muss. Er nehme zu wenig am Spiel teil, heißt es. Er verliere im direkten Duell zu oft und zu schnell den Ball. Und auf den dann nötigen Weg zurück in die eigene Hälfte verzichte er nur allzu gern. In der abgelaufenen Saison mag das so gewesen sein. Der Aaron Hunt der aktuellen Spielzeit arbeitet indes daran, ein anderer Spieler zu werden.

Aaron Hunt ist an diesem Sonntagabend, einen Tag nach dem 2:0-Sieg im Nordderby gegen den HSV, bester Dinge. Er hat seine Frau mitgebracht und soll in der Talkshow "Mittelkreis" im Weser Tower mit Moderator Lou Richter über die aktuelle Situation bei Werder sprechen. Aaron Hunt sagt interessante Dinge. Er, der Offensivmann, spricht von einem Nordderby, das vor allem für die "Defensive geeignet" gewesen sei. Er sagt, dass Werder jetzt anders spiele - anders als in der letzten Saison sowieso, aber auch anders als zu Kurzweil- und Spektakelzeiten, in denen Spieler wie Johan Micoud, Diego oder Mesut Özil das Bremer Publikum verwöhnt hätten. Werders aktuelle Offensivkräfte haben den Wert der Laufarbeit entdeckt. Marko Arnautovic zum Beispiel ist in der noch jungen Saison gefühlt häufiger in der eigenen Hälfte gewesen als im kompletten Vorjahr. Marko Marin zum Beispiel richtet seinen Fokus nicht mehr ausschließlich auf die Offensive und das nächste Dribbling. Schließlich Aaron Hunt selbst, der so weite Wege geht wie nie zuvor.

Fußballer wie Mittelstreckenläufer

Lange Zeit hatte es in der vergangenen Saison bei Werder so ausgesehen, als glaubten die technisch begabteren Leute allein über das schöne Spiel zum Erfolg kommen zu können. Der Rest der Liga lieferte längst phänomenale laufintensive Mittelfeldarbeit ab, allen voran der spätere Meister Borussia Dortmund mit seinen Kilometerfressern Götze, Großkreutz, Bender oder Kagawa, die wie eine Mischung aus Mittelstreckenläufern und Fußballern wirken. Auch in Nürnberg, Mainz oder Hannover arbeiteten Spieler mit hoher Einsatzbereitschaft zusammen, deren Laufwege ausgezeichnet aufeinander abgestimmt waren.

"Wir arbeiten als Mannschaft jetzt auch geschlossener", sagt Aaron Hunt. "Wir verschieben besser, jeder geht die Wege zurück." Es ist dies eine Lehre aus der verkorksten Vorsaison. Hunt sagt: "Was uns da um die Ohren gehauen worden ist, will keiner von uns noch einmal erleben." Ihn selbst hat der Zorn der Fans dabei oft am meisten getroffen. Bisweilen zu Recht, wie er findet, "ich kann es schließlich besser". Andererseits, sagt er, "ist es schwer, damit umzugehen, wenn man schon beim Warmmachen ausgepfiffen wird".

Aaron Hunt hat nach dem Katastrophenjahr 2010/2011 seine Situation überdacht. Er sagt jetzt Sätze wie: "Mein Spiel hängt davon ab, dass ich viel unterwegs bin auf dem Platz, dass ich möglichst viel am Spiel teilnehme." Nur dann kann er effektiv sein. Die Kraft, die es dafür braucht, hat er sich im Sommer wiederholt in Köln geholt, wo er noch vor dem Trainingsauftakt individuell an seiner Fitness gearbeitet hat. "Meine Werte sind top", sagt er, "sonst könnte ich gar nicht so viel laufen."

Gegen den HSV hatten die Bremer im Mittelfeld dadurch einen klaren Wettbewerbsvorteil. Neben Dauerläufer Hunt riss auf der anderen Außenposition im Mittelfeld eine stabilisierende Kraft namens Clemens Fritz 11,58 Kilometer runter, Fritz gewann 58 Prozent seiner Zweikämpfe. Die unmittelbaren Gegenspieler konnten da nicht mithalten, weder in Sachen Laufleistung, noch mit ihrer Zweikampfbilanz. Marcell Jansen und Per Skjelbred gewannen nicht mal jeden dritten Zweikampf.

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