Starker Werder-Spielmacher Ist Mesut Özil für Bremen noch zu halten?

Bremen. Spätestens seit seinem Siegtor im WM-Spiel gegen Ghana am Mittwoch stellen sich sich die Werder-Fans die Frage: Ist Mesut Özil für den Klub noch zu halten? Oder ist der Spielmacher schon reif für einen Wechsel zu einem größeren Verein?
25.06.2010, 09:54
Lesedauer: 3 Min
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Ist Mesut Özil für Bremen noch zu halten?
Von Olaf Dorow

Bremen. Er war der Mann des Spiels. Die FIFA überreichte ihm feierlich eine Bongo-Trommel. Als die deutsche Mannschaft mit Mesut Özil in ihrer Mitte tief in der Nacht das Quartier erreichte, ging ein Feuerwerk los. Die Angestellten des Hotels Velmore Grande standen Spalier. Es war bestimmt schön.

Wenn man will, also wenn man wirklich will, dann kann man das auch nicht so schön finden, dass Mesut Özil das 1:0 gegen Ghana und Deutschland ins Glück geschossen hat. Das Glück wäre ja auch bei einem 0:0 eingetreten. Das Glück hätte dann so ausgesehen, dass Deutschland als Zweiter der Gruppe D nicht auf den alten Feind England, sondern auf die als weniger stark einzuschätzenden US-Amerikaner getroffen wäre. Dass bei einem Erfolg im Achtelfinale der Gegner nicht Argentinien heißen würde. Argentinien ist bislang die stärkste Mannschaft der WM.

Aus Bremer Sicht muss man den Stolz auf das Tor, das fast 30 Millionen TV-Zuschauer verzückte, mit der Frage paaren: Ist der noch zu halten? Eigentlich muss man sogar sagen, dass es für viele Werder-Anhänger gar keine Frage mehr ist. Viele sind ja im Nebenberuf auch Werder-Manager, und deswegen steht für sie jetzt fest: Der ist nicht mehr zu halten.

Der hauptamtliche Werder-Manager, Klaus Allofs, trat gestern seinen Urlaub an. Seit mehr als einem halben Jahr versucht er, sein Juwel mit den knallbunten Schuhen zu einer Unterschrift unter einen neuen Vertrag zu bewegen. Bislang ohne Ergebnis. Es gilt weiterhin das Papier, auf dem der 30. Juni 2011 als Ende der Laufzeit vermerkt wurde. Es half auch nicht, dass 'Bild' Anfang April gemeldet hatte, alles sei klar. Der anscheinend heißeste Vertrag, den es in dieser Stadt gibt, sei um ein Jahr verlängert worden.

Mesut Özil ist 21. Er ist die größte Begabung, die der deutsche Fußball derzeit hat. Er ist ein Junge, der den Eindruck erweckt, dass er nichts anderes als spielen will. Er wirkt scheu, er huscht am liebsten an den Mikros und Kameras vorbei, er ist in Interviews ungefähr das Gegenteil von Loddarmatthäus. Seine Eltern sind Türken, er spricht ein weitgehend artikel-freies Deutsch, über das man schmunzeln kann. 'Isch hab? gewusst, dass isch Tor mache', hat er nach seinem wunderschönen Tor am Mittwoch gesagt.

Regel und Ausnahme

Er spielt viel Playstation. Sein Lieblingsklub ist der FC Barcelona, sein Vorbild ist Zinedine Zidane. Er steht für eine Generation: Playstation, Barca-Trikot. Er ist ein Ausnahmetalent und ein ganz normaler Junge aus Gelsenkirchen. Er ist auch nicht nur das Gegenteil von einem wie Lothar Matthäus sondern auch das Gegenteil von einem wie Marko Bode. Bode konnte sich selbst vermarkten und profilieren. Özil braucht sein Umfeld. Seine Familie, seine Freunde, seinen Berater.

Sein Umfeld hat ihn bislang nicht auf Abwege geführt, das kann man nicht behaupten. Die 'Gruppe Özil', wenn man sie mal so bezeichnen darf, ließ sich Zeit mit ihren Entscheidungen, ließ sich auch vom Geschrei drumherum nicht zu sehr beeinflussen. Das Goldfüßchen verlängerte einst seinen Vertrag auf Schalke nicht und überlebte eine hässliche wie heftige Schlammschlacht. Als 19-Jähriger. Es zögerte lange, bis es sich für die deutsche und nicht die türkische Nationalmannschaft entschied. Er sagt seit Monaten (was einigermaßen hilflos klingt): 'Ich hab' Vertag bis 2011.' Vielleicht ist es gar nicht so hilflos.

Im Verein rufen sie ihn wegen des Vornamens Messi. Experten vergleichen ihn auch schon fußballerisch mit Messi, was wohl ein bisschen übertrieben ist. Claudia Rehmann, die an Krebs erkrankte und im Februar verstorbene Lebenspartnerin von Klaus Allofs, hat einmal verraten, dass sie Mesut Özil immer 'mein kleiner Prinz' genannt hat. Ist Prinz Messi wirklich schon reif für den Wechsel zu einem Klub, der größer ist als Werder Bremen?

Man kann dagegenhalten und sagen, seine Leistungen würden noch zu sehr schwanken. Siehe Bundesliga-Rückrunde. Man kann sagen, dass er in großen Alles-oder-Nichts-Spielen abgetaucht ist, im Finale von Istanbul 2009, im Finale von Berlin 2010. Man kann aber auch dagegenrechnen, dass er im Berliner Pokalfinale 2009 das goldene Tor schoss, als er an der Seite von Diego spielte. Dass er in Moskau in der WM-Qualifikation das goldene Tor vorbereitete, an der Seite von Ballack. Und dass er ohne Ballack vorgestern Deutschland zum Gruppensieg schoss.

Der Zeitpunkt für einen großen Wechsel zu einem großen Klub ist schwierig. Miroslav Klose hat ihn nicht so hinbekommen, wie er wollte. Klose war vor vier Jahren das, was Özil in Südafrika werden könnte: ein König. Er wollte nach Manchester, nach Madrid, nach Mailand. Werder ließ ihn nicht, es begann eine schlechte Zeit, es wurde immer schlechter, und den Wechsel zum FC Bayern kann man höchstens ein bisschen als Happy-End bezeichnen.

'Wenn eine große Anfrage kommt, müssen wir uns da sicherlich mit beschäftigen', sagt Werder-Trainer Thomas Schaaf über Özil. Ein Kapitel Klose II will niemand haben. Schaaf nicht, Allofs nicht, die Fans nicht. Özil auch nicht.

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