Werder Bremen (K)eine Frage des Systems

Bremen. Werder Bremen scheint das Spielsystem mit einer echten Spitze und drei offensiven Akteuren dahinter zu liegen. Im Champions-League-Spiel gegen Tottenham zeigte sich aber auch, dass die Grün-Weißen jederzeit flexibel reagieren können.
16.09.2010, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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(K)eine Frage des Systems
Von Marc Hagedorn

Bremen. Für Tim Wiese war der erste Bremer Champions-League-Abend nach 643 Tagen Abstinenz schnell beendet. Keine halbe Stunde nach dem 2:2 gegen Tottenham Hotspur verließ der Torwart schon frisch geduscht und in T-Shirt und Jeans das Weserstadion. Tim Wiese hatte schlechte Laune. Marko Marin kam mit Abstand als letzter Spieler aus der Kabine. Es war schon nach Mitternacht, Marin trug Badelatschen, Trainingsjacke und kurze Hose. Man hätte meinen können, dass er seinen ersten Abend in der Champions League bis zuletzt auskosten wollte.

Marko Marin war Werders Bester gewesen. Er hatte mit seinen Dribblings maßgeblich zum Umschwung nach dem 0:2-Rückstand beigetragen, und er hatte ein Tor geschossen. Sein Premierentreffer in der Königsklasse zum 2:2 hatte Werder einen Punkt gesichert und damit einen Fehlstart abgewendet. 'Das ist ein schönes Gefühl, gleich zu treffen', sagte Marin.

Ansonsten war das mit den schönen Gefühlen jedoch so eine Sache. Bei Tim Wiese etwa wollten sie sich nach dem Schlusspfiff partout nicht einstellen: 'Das war Kasperletheater, was wir zuerst gespielt haben.' Das führte schnell zu der Frage: Hatte Werder am Ende nun einen Punkt gewonnen oder zwei verloren? 'Zwei verschenkt', sagte Wiese. 'Nach dem 0:2 muss man mit dem 2:2 zufrieden sein', sagte Aaron Hunt. Cheftrainer Thomas Schaaf mochte sich unmittelbar nach der Partie nicht festlegen: 'Ich bin noch nicht durch mit dem Ding.'

Mit dem Ding war der wechselhafte Werder-Auftritt gemeint. Seine Mannschaft hatte ihm und den Fans - mal wieder - viele Rätsel aufgegeben. Wie, fragte sich hinterher nicht nur Schaaf, kann es sein, dass eine Mannschaft, die gegen Bayern München noch höchst diszipliniert auftritt, dermaßen schwache erste 45 Minuten abliefert? Schaaf selbst mag öffentlich geführte Systemdiskussionen nicht, aber es war auffällig, dass sich Werder erst stabilisierte als Schaaf von 4-4-2 auf ein 4-2-3-1 umstellte.

'Die zweite Halbzeit war so, wie man es von uns gewohnt ist', sagte Mannschaftskapitän Torsten Frings. Er meinte damit zwar nicht die taktische Ausrichtung, sondern das Auftreten insgesamt. Aber das System mit einer echten Spitze und drei offensiven Leuten dahinter scheint der Mannschaft zu liegen. 4-2-3-1 ist offenbar das Modell dieser Tage: Weltmeister Spanien, Vize-Weltmeister Holland und der WM-Dritte Deutschland spielten in Südafrika so, die Bayern tun es, Dortmund und der HSV in der Bundesliga auch.

Werder verlieh diese Ausrichtung die Kompaktheit, die sich Schaaf schon vorher gewünscht hätte. 'Wir hatten uns vorgenommen, Pässe aus dem Mittelfeld in die Freiräume auf außen nicht zuzulassen', sagte Clemens Fritz. Er sprach damit in eigener Sache: Er war nämlich ein Leidtragender der Lücken im Mittelfeld gewesen. Dem schnellen Gareth Bale, der in den ersten 30 Minuten immer wieder in besagte Freiräume sprintete, musste Fritz unter anderem vor dem 0:1 hinterherlaufen.

Werders Mittelfeld glich im Verlauf des Spiels immer mehr einem Verschiebebahnhof. Beispiel Wesley, der auf mindestens drei Positionen spielte: Er fing im linken Mittelfeld an, wechselte bald ins Zentrum, um im defensiven Mittelfeld zu enden. Beispiel Marin: Er begann in der Zentrale und wich später auf die Flügel aus. Beispiel Marko Arnautovic: Von der zweiten Spitze verwandelte er sich in eine hängende.

Wenn diese Wechselspiele in großem Stil etwas Positives an diesem unentschlossenen Abend lieferten, dann die Erkenntnis, dass Werder jederzeit flexibel reagieren kann. 'Es ist auch eine Qualität, wenn man sieht, wie diese Mannschaft in ein Spiel zurückkommt', sagte Marin. Ein Plädoyer für ein Festhalten am System mit einer Spitze und drei Offensiven dahinter, hielt indes kein Spieler. Das System wird es auch nicht geben. Spielt auch keine so große Rolle, meint Schaaf. 'Es kommt nicht auf die Taktik an, sondern darauf, wie man sie umsetzt.' Gegen Tottenham tat Werder es zunächst ohne den nötigen Biss. 'Vielleicht', sinnierte Frings, 'vielleicht haben wir es uns am Anfang etwas zu leicht vorgestellt.'

Es war nicht die einzige Täuschung des Abends. Marko Marin verließ das Weserstadion um 0.20 Uhr als letzter Profi - aber nicht, weil er sich dort nach seiner Champions-League-Premiere so unglaublich wohl gefühlt hätte, sondern weil er zur Dopingkontrolle ausgelost worden war. Und da er beim Wasserlassen weit größere Probleme gehabt hatte als in den 90 Minuten zuvor auf dem Feld, endete der Arbeitstag erst, als der neue Tag schon begonnen hatte.

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