Werders „Bolzplatzkinder“ „Mehr Glücksgefühle als ein Headshot bei Counterstrike“

Draußen spielen bis es dunkel wird, auf Bolzplätzen kicken und sich mal die Knie blutig hauen. Ein Bolzplatzkind zu sein, ist für viele ein Lebensgefühl – ein Gefühl, das offenbar auch viele Werder-Profis im Herzen haben.
31.05.2017, 12:30
Lesedauer: 6 Min
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Von Mara Schumacher

Draußen spielen bis es dunkel wird, auf Bolzplätzen kicken und sich mal die Knie blutig hauen. Ein Bolzplatzkind zu sein, ist für viele ein Lebensgefühl – ein Gefühl, das offenbar auch viele Werder-Profis im Herzen haben.

Wir haben mit Henoch Förster gesprochen. Der 31-Jährige aus Hamburg hat vor knapp zwei Jahren das Modelabel „Bolzplatzkind“ gegründet. Seine Marke verbindet laut eigener Aussage echte Erinnerungen und Emotionen mit cooler Streetwear.

Florian Grillitsch und Justin Eilers von Werder Bremen tragen ja privat öfter mal das „Bolzplatzkind“ auf der Brust.

Ja, die beiden tragen unsere Sachen tatsächlich. Das ehrt uns natürlich, da Bremen-Spieler meistens hohes Ansehen haben. Nicht nur in der Region, sondern bundesweit. Außer vielleicht hier in Hamburg beim HSV.

Fallen dir noch mehr Werder-Jungs mit Bolzplatz-Klamotten im Schrank ein?

Werder-Legende Tim Wiese fällt mir noch ein, dem ich persönlich einen Hoodie geben konnte. Ein sehr sympathischer Typ mit Ecken und Kanten. Ein echtes Bolzplatzkind. Justin Eilers bekommt hoffentlich auch bald seine Chance bei Werder. Er ist ein richtig guter Stürmer, der bei Dynamo Dresden seine Torjägerqualitäten unter Beweis gestellt hat. Mit Florian Grillitsch verliert Bremen zum Sommer eine ganz zentrale Figur des Aufschwungs an Hoffenheim. Werder-Keeper Michael Zetterer war das erste Bolzplatzkind aus Bremen. Robert Bauer ist auch ein Bolzplatzkind. Auch Niklas Schmidt trägt gerne unsere Klamotten. Auch die Werder-Fußballerinnen sind mit Bolzplatzkind unterwegs, zum Beispiel Sandra Hausberger, Pia Wolter, Meggie Schröder, Cindy König oder Stephanie Goddard. Das macht uns sehr stolz.

Entsteht überhaupt ein persönlicher Kontakt zu Promis oder kaufen die auch ganz „normal“ über euren Onlineshop ein?

Das ist unterschiedlich. Manche kaufen die Sachen ganz normal, viele bekommen die Sachen von uns nach einem persönlichen Kontakt zugeschickt. Mit einigen Promis besteht regelmäßiger Austausch. Man führt interessante Gespräche und lernt dadurch auch mal das spannende Leben der Profis abseits des Platzes kennen.

Und wie wirkt das auf dich, das Leben abseits des Platzes?

Man merkt, dass sie viel zu tun haben und der Beruf im Vergleich zu früher anspruchsvoller geworden ist. Training, Spiele, Pressetermine, Interviews, Werbedrehs und Social Media. Sicherlich kein Leben, über das sie sich beschweren, doch stehen die Kicker ständig unter Strom und auch unter hohem gesellschaftlich-medialem Druck. Es sind einfach sehr viele coole und lockere Leute dabei, mit denen man locker reden kann. Und es macht auch Spaß, die jungen Spieler zu verfolgen, wie sie sich weiterentwickeln und Karriere machen. Und dann wirst du auch mal zu Spielen eingeladen, bekommst selber Geschenke. Tolle Erfahrungen sind das.

Also, ein Bolzplatzkind - was ist das eigentlich genau und wie fühlt sich das an?

Ein Bolzplatzkind ist ein Junge oder Mädchen, ein Mann oder eine Frau, der oder die als kleines Kind immer auf den Bolzplatz ging und den Bolzplatz noch heute in sich trägt. In jungen Jahren haben wir so viele Stunden, Tage, Wochen und Monate mit Fußball verbracht. Nach der Schule haben wir unsere Ranzen in die Ecke geschmissen, einen Ball in die Hand genommen und sind einfach losgelaufen. Und dann haben wir mit unseren Freunden oder allein auf dem Bolzplatz gekickt. Als gäbe es keinen Morgen. Bis es dunkel war. Manchmal auch unter dem Flutlicht der Straßenlaternen.

Wie haben sich diese schönen Momente aufs Erwachsensein ausgewirkt?

Was wir in dieser Zeit alles erlebt haben, prägt uns bis heute. All die Erinnerungen, all die Eigenschaften, all die Erkenntnisse, die wir auf diesem grünen Rasen oder staubtrockenem Sand gewinnen konnten. Sie sind ein Teil unserer Geschichte, ein Teil unserer Persönlichkeit. Der Bolzplatz formte unseren Charakter. Wir stehen auf, wenn wir am Boden liegen. Wir kämpfen für unsere Träume. Wir genießen die Freiheit und die Lust am Spiel. Ein Bolzplatzkind ist groß geworden und Kind geblieben.

Richtige klassische Bolzplätze und Kinder, die draußen toben, sind seltener geworden. Was würdest du den Kids sagen, was sie draußen auf dem Bolzplatz alles verpassen?

Als Kind und auch als erwachsener Mensch hast du einfach einen natürlichen Bewegungsdrang. Wenn ich heute Jungs sehe, die Kopfhörer im Ohr tragend mit elektrischen Hoverboards herumfahren und sich kaum noch selbst bewegen, stimmt mich das ein wenig traurig. Weil sie die Natur nicht so wirklich wahrnehmen. Gerade zum Frühling und Sommer hin, wenn der Rasen frisch gemäht ist. Wenn Bäume und Blumen duften. Wenn die Sonne scheint. Und du spielst auf dem Bolzplatz, atmest tief durch und fühlst diese Energie, die in deinen Körper schießt. Das ist einfach unbezahlbar.

Also kann man beim Bolzen einfach mal vom Alltag abschalten?

Beim Fußball kannst du alle Probleme, und sind sie noch so groß, für einen Moment vergessen. Und auch das menschliche Miteinander ist wundervoll. Es sitzt nicht jeder allein vor dem Rechner und verliert sich in eine virtuelle Welt. Der Bolzplatz ist echt. Du lernst, mit Menschen umzugehen, mit Fehlern, mit Schwächen. Ein Tag auf dem Bolzplatz gibt dir einfach mehr Energie, mehr Glücksgefühle als ein Headshot bei Counterstrike.

Wie und wann ist dein Label entstanden?

Das Label entstand über einen längeren Weg. Ich schrieb 2014 an einem verregneten Sonntag den Text "Schön war die Zeit" und postete ihn auf meiner Fußballsatireseite. Dort erfand ich den Begriff Bolzplatzkind. Damals schaute ich unterbewusst schon mal bei Google, ob es das Wort gab. Und es gab diesen Begriff echt noch nicht. Ich fand es cool, ein ganz neues Wort zu erfinden.

Wie ging es dann weiter?

Diese Worte schlummerten so ein wenig vor sich hin, ehe Mitte 2015 die Idee kam, Bolzplatzkind auf T-Shirts zu drucken, um sie zu verkaufen. Als Startzeitpunkt legte ich den 1. September 2015 fest. Nach allen Vorbereitungen wie Websitegestaltung, Textilbeschaffung und Logoentwicklung ging das Unternehmen dann auch pünktlich online. Ich habe meine ganze Kindheit, die auch nicht immer rosig war, dort hinein gesteckt. Jedes Wort, jeden Satz in meinen Texten und Posts fühle ich zu hundert Prozent so nach, wie er war. Als sei ich in den Momenten wirklich wieder der kleine Junge vom Bolzplatz. Ziel war es, den alten Geist des Bolzplatzes wieder aufleben zu lassen. Und heute freut es mich, dass es gelungen ist. Ich fühle große Dankbarkeit und Verbundenheit gegenüber und mit meinen Kunden, weil sie das Gleiche erlebt haben wie ich.

Wie viele Leute sind in deinem Team?

Insgesamt sind rund 15 Leute dabei. Hauptsächlich arbeitet das Unternehmen neben Mini-Jobbern und Beratern mit externen, eigenständigen Kooperationspartnern zusammen. Dazu gehören beispielsweise unsere Druckerei, ein toller Grafiker oder auch die Buchhaltung. Das Unternehmen wächst ständig und so wird auch das Team immer größer. Wir haben noch einiges vor und auch richtig Spaß an der Arbeit. Das Team ist perfekt und ermöglicht auch den Erfolg des Unternehmens.

Hast du manchmal Angst, dass alles vor die Hunde gehen könnte? Und wie beruhigst du dich dann selbst?

Ich habe das Unternehmen nebenberuflich gestartet. Damals war ich selbstständiger PR-Berater. Somit hatte ich die Chance, erstmal zu testen. Beim Start sagte ich mir: "Ich gebe der Sache dreißig Tage. Wenn niemand meine Shirts oder Pullover haben möchte, dann beende ich das Ding." Mir ging es nicht darum, mein Ego oder die Idee unbedingt durchzudrücken. Dafür bin ich dann auch zu sehr Realist. Nur bei Nachfrage geht es nach dem Testlauf weiter, habe ich mir gesagt.

Und wie kam die Sache dann an?

Eine Bestellung am Tag hielt ich für möglich. Nach dem ersten Monat waren es zwei Stück am Tag. Dann kam irgendwann das Weihnachtsgeschäft. Die Leute flippten aus. So viele Menschen wollten Bolzplatzkind tragen. Dann fiel für mich nach ein paar Monaten die Entscheidung: Du machst das jetzt hauptberuflich. Das bist du deinen Kunden und auch dem Bolzplatz schuldig. So kam es dann. Ich habe heute kein Risiko, kein Fremdkapital. Alles wird aus den Umsätzen finanziert. Und die sind gut.

Also machst du dir keine Sorgen?

Das kommt für mich nicht infrage. Eher habe ich Respekt vor dem, was bisher passiert ist. Eine unglaubliche und surreale Entwicklung. Und wenn plötzlich niemand mehr bestellen sollte, dann würde ich immer sagen: Was für eine krasse Zeit, was für ein Erfolg und dabei dem Leben unendlich dankbar dafür sein, dieses Unternehmen gegründet zu haben. Wir haben allerdings noch so viel vor, zahlreiche Pläne. Das ist erst der Anfang. Wir sehen unsere Kunden als Freunde, als Weggefährten. Wir begegnen ihnen auf Augenhöhe. Deswegen glaube ich an eine gemeinsame Zukunft.

Wer ist dein persönlicher Bolzplatzheld oder dein Idol generell?

Ich habe mehrere Idole. Wie wahrscheinlich jeder Fußballer. Ich mag Zlatan Ibrahimovic mit seiner selbstbewussten Art, die er auch auf sein Spiel überträgt. Mit welchem Selbstverständnis er seine Aktionen auf dem Platz durchführt, ist mega beeindruckend.

Gibt’s noch andere?

Dann sind für mich einfach Gianluigi Buffon und Francesco Totti zwei absolute Legenden, die mich ein Leben lang schon begleiten. David Beckham war auf dem Bolzplatz mein großes Vorbild, wenn es um Freistöße ging. Zinedine Zidane zelebriert den Fußball wie kein Zweiter. Oliver Kahn und Stefan Effenberg sind für mich Idole. Ich habe von beiden auch die Biografien gelesen. Die aktiven Spieler aus Deutschland lasse ich mal raus. Das wäre unfair. Wobei man auch mal Toni Kroos nennen muss, der sich bei mir allerhöchsten Respekt für seine Kontinuität auf höchstem Niveau verdient hat.

Das Gespräch führte Mara Schumacher

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