Werder Bremen Mittellos und hilflos in der Krise

Köln. Werder Bremens Offenbarungseid beim 0:3 in Köln hat viele Fragen aufgeworfen. Eine davon ist die nach dem Trainer. Ist Thomas Schaaf noch der richtige Mann? "Ja", sagt Sportdirektor Klaus Allofs. Eine andere Frage ist allerdings: Hat Thomas Schaaf überhaupt noch Lust?
24.01.2011, 05:00
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Mittellos und hilflos in der Krise
Von Olaf Dorow

Köln. Sie gingen auf Nummer sicher. Torsten Frings und Claudio Pizarro waren schon in der Kabine verschwunden, aber der Rest sollte jetzt noch in die Kurve und sich bei den mitgereisten Werder-Fans bedanken. Der Zug der Spieler sah verloren aus, mehr als zwanzig Meter vor den Fans schon kam er zu stoppen. Weiter vor wagte sich niemand. Clemens Fritz sagte später: "Die fahren bis nach Köln, und dann spielen wir hier unter aller Sau."

Das kann man wohl sagen zu diesem 0:3 im Rheinischen, und es ist auch einigermaßen erstaunlich, dass die Fans abgesehen von "Außer Wiese könnt Ihr alle geh'n" keine größeren Protestaktionen anzettelten. Es ist auch erstaunlich, dass Thomas Schaaf weiterhin Trainer dieser Mannschaft ist. Denn diese Mannschaft hat in Köln auf eine doch sehr beängstigende Art und Weise nachgewiesen, dass mit ihr nix los ist. Vergleicht man Werder mit einem Auto, dann hätte sich die Kiste im Sand festgefahren.

Fast stereotyp wiederholt Schaaf, es sei unwichtig, ob nun er oder ein anderer der Trainer von Werder Bremen ist. Es ehrt ihn, dass er das sagt; er ist der Typ, der so etwas nicht nur in schlechten sondern auch in guten Zeiten sagt. Wenn es aber um Werder Bremen und nicht um Thomas Schaaf geht, dann ist dieser Gedanke doch gefährlich nah an der Überlegung, dass nun nur noch ein Trainerwechsel möglich ist. Als letztes Mittel, um die Kiste wieder aus dem Sand heraus zu bekommen.

Welche Mittel sollen denn noch greifen? Neuverpflichtungen? "Ich tue Neuverpflichtungen doch keinen Gefallen, wenn ich sie in diese Mannschaft setze", sagt Manager und Chef Klaus Allofs. Krisensitzungen? Brandreden? "Ich habe heute mal gar nichts gesagt", sagte Allofs am Sonntagmorgen, als er aus der Kabine im Weserstadion kam. Härteres Training, besseres Training, anderes Training? Die Mannschaft hatte unter der Woche engagiert, intensiv und freudvoll gearbeitet, das können alle Beobachter bestätigen. Fehlt einfach mal ein Erfolgserlebnis? Der 2:1-Sieg gegen Hoffenheim zum Rückrunden-Start hatte doch so viele Glückshormone freigesetzt, dass vor Freude beinahe der Bremer Roland auf dem Rathausplatz umgekippt wäre.

Das war das eigentlich Erschreckende an diesem 0:3 von Köln. Dass ihm eine extrem gute Woche vorangegangen war. Die Fans fanden keine Erklärung, die Reporter nicht, der Manager nicht, die Trainer nicht. "Fragen Sie doch die Spieler", riet am Sonntags Schaafs Assistent Wolfgang Rolff den Journalisten. Die Spieler hatten aber auch keine Erklärung. Ihr Vortrag in Köln war selbst eine einzige Frage: Geht's noch?

Ob und wie lange es noch mit Thomas Schaaf als Trainer weitergehen kann, war eine Frage, die sich zwangsläufig daraus ergab. Zwar sagte Klaus Allofs am Sonntag: "Das Problem ist nicht der Trainer. Das Problem ist die Mannschaft." Die Mannschaft hatte in Köln noch weniger bewirkt als einst beim verheerenden 0:6 von Stuttgart. Da holte sie wenigstens noch einen Elfmeter heraus, den Torsten Frings dann verschoss. Defensiv war es so, dass Köln ganze vier Chancen reichten für drei Tore. "Beim dritten Gegentor, da sind wir sieben gegen zwei", schimpfte Allofs, "aber nur anwesend zu sein, das reicht nicht aus."

Nein, das reicht nicht aus. Das reicht nie aus, im Abstiegskampf erst recht nicht. Werder hat nun das Problem, in den Abstiegskampf zu ziehen mit einer Mannschaft, die Abstiegskampf nicht kann. Sie hat nicht die Erfahrung dafür und nicht die Typen. Sie hat müde Krieger (Torsten Frings), zornige Vulkane (Tim Wiese), Egomanen, Mitläufer, Sorgenkinder. Sie hat viele Spieler, die sich mitreißen lassen würden, aber wenige, die mitreißen. Sie bringt vorne keine Tore zustande, inzwischen nicht mal mehr Torchancen, kann hinten nicht dichthalten und hat in der Mitte keine Idee.

Einen Spielmacher gibt es nicht mehr und es gibt auch kein Konstrukt, das das auffängt. Was das Trio Özil-Hunt-Marin in der vergangenen Saison erst ausgezeichnet hat, dann kaum, und dann wieder gut hinbekam, gelingt seit 19 Spieltagen kaum noch. Seit Ende Oktober hat Werder in der Liga nie mehr als zweimal in Folge gesiegt, hat überhaupt nur zweimal gesiegt - und sechsmal verloren.

Was tun? "Wir brauchen einen Trainer, der die Mannschaft aufrichtet", sagt Allofs. Er traue Thomas Schaaf das zu, sagt er. Aber traut auch Thomas Schaaf selbst das Thomas Schaaf zu? Es wäre nach Köln 03 ja durchaus nachvollziehbar, wenn er nun öffentlich bekennen würde, mit seinem Latein auch am Ende sei. "Topvorbereitet, topmotiviert" habe sein Chef die Mannschaft in der letzten wie in den vorangegangenen Wochen, sagte am Sonntag Co-Trainer Wolfgang Rolff.

Hat Thomas Schaaf wirklich noch Lust? Fühlt er sich gar wie sein engster Vertrauter in der Mannschaft, Torsten Frings? Der Kapitän hatte jüngst beschrieben, wie ihm in der Vorrunde die Lust am Fußball verlustig ging. "Wenn ein Signal (von Thomas Schaaf, d. Red.) kommt, dann muss man sich damit beschäftigen", sagte Klaus Allofs am Sonntag. Man werde nicht den Fehler anderer Verein begehen, nur um durch einen Trainerwechsel "für vielleicht zwei Wochen einen psychologischen Effekt zu haben." Ein Signal von Thomas Schaaf sei bislang: nicht gekommen.

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