Trikotsammler Mirko Steigmann

„Plötzlich stand der Vize-Weltmeister im Wohnzimmer“

Mirko Steigmann ist Werder-Fan aus Leidenschaft und enthusiastischer Sammler legendärer Trikots. Bei der Suche nach neuen Shirts geht er auch schon mal kuriose Wege – filmreife Verfolgungsjagden inklusive.
18.11.2018, 12:00
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
„Plötzlich stand der Vize-Weltmeister im Wohnzimmer“
Von Malte Bürger

Es fing alles ganz harmlos an. Mit einem einzigen Trikot, schlanke 30 D-Mark hat Mirko Steigmann damals dafür bezahlt. „Das ist heute unvorstellbar“, sagt er und lässt lächelnd die Augen rollen. Das war in den 90er Jahren. Seither ist viel passiert. Der glühende Werder-Fan besitzt eine Trikot-Sammlung, die jedem Museum gut zu Gesicht stehen würde. Sie ist nicht weniger als eine Einladung zu einer nostalgischen Reise par excellence.

Es mag nur ein schlichtes Stück Stoff sein, doch für Mirko Steigmann ist es viel mehr. Und damit ist er nicht allein, etlichen anderen Werder-Fans ginge es genauso. Der Unterschied: Steigmann kann das weiße Exemplar seiner Begierde jeden Tag in den Händen halten. Es fühlen. Daran riechen. Die Abendluft von Lissabon quasi direkt einatmen. Als Werder 1992 das Finale um den Europapokal der Pokalsieger gegen Monaco bestritt, trugen nur ein paar Männer ein recht einfaches, fast langweilig aussehendes Jersey. Kein Sponsor, kein Schnickschnack. Dafür mit einem Trauerflor am rechten Arm. Im französischen Bastia war eine Woche zuvor eine Tribüne zusammengebrochen, es hatte 18 Tote und mehr als 2000 Verletzte gegeben.

Die Angst vor Zigaretten

So traurig die Vorgeschichte, so glorreich Werders anschließender Triumphzug. Das Siegertrikot ist heute ein Stück Klubgeschichte – und Mirko Steigmann hat eines davon im Schrank. Zu ganz besonderen Anlässen streift er es auch über. „Klar, das ziehe ich nicht ins Stadion an, weil ich zu viel Angst habe, dass jemand mit einer Zigarette hängen bleibt“, sagt der 43-Jährige. Folglich greift er dann lieber zu einem anderen Exemplar, die Auswahl ist schließlich groß genug.

„Ich habe aber nie auf Quantität wert gelegt“, erzählt Steigmann. „Ich möchte lediglich von den Spielen, die ich live im Stadion in den 80er und 90er Jahren miterlebt habe, ein Original-Trikot haben.“ Von ausgewählten Partien hat er sogar das Gegenstück aufgespürt, vom legendären 5:3-Erfolg gegen Anderlecht 1993 zum Beispiel.

Wer Raritäten wie diese haben möchte, braucht gute Kontakte. Oder einen großen Geldbeutel. "Ich könnte für 5000 Euro die Zahl meiner Sammlung verdoppeln, aber da habe ich gar kein Interesse dran“, sagt Steigmann. Mittlerweile sind Trikots aber längst nicht mehr für Summen im zweistelligen Bereich zu bekommen. „Ich gehe aber auch nicht jeden Preis mit“, sagt Steigmann. „Wenn jemand in Internetforen zu viel Geld bietet, dann geht für mich die Familie vor. Einmal habe ich eine vierstellige Summe ausgegeben, eben für das Trikot vom Europapokalfinale. Aber sonst hält es sich in Grenzen.“ Eine Warnung hat er trotzdem parat: „Heute mit dem Sammeln anzufangen, davon kann ich jedem nur abraten.“

Der überhitzte Markt

Der Markt, so viel wird schnell klar, ist überhitzt. Ähnlich wie im Profifußball existiert auch bei den Trikotsammlern ein Trend zu Fantasiesummen. „Es gibt heutzutage viele neureiche Sammler, die keine 30 Jahre alt sind, aber die besten Stücke haben“, sagt der Diplom-Ingenieur. „Die wissen einen solchen Wert nicht mehr zu schätzen. Die ersteigern ein Trikot und schreiben mich dann danach an, wann das eigentlich getragen wurde. Sie kennen die Zeiten nicht, haben sich nicht einmal eingelesen. Das finde ich sehr schade. Deshalb antworte ich solchen Leuten nicht mehr.“

Dabei ist die Kompetenz von Mirko Steigmann viel wert. Ihn als Sachverständigen zu beschreiben, wäre fast untertrieben. Seine Expertise führte dazu, dass er zuletzt sogar am schmucken Schmöker „Bundesliga-Trikots – 1963 bis heute“ mitwirkte. Auch seine eigene Homepage „werderjersey.de.tl“ zeigt, mit welcher Liebe zum Detail er seiner Leidenschaft nachgeht. Das schützt ihn auch vor Fälschern – oder eher sein „harmloser Autismus“, wie er es nennt. „Ich erkenne innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde, dass da etwas nicht stimmt“, sagt er. „Was viele Fälscher aus Asien machen: Sie stellen alte Trikots her, aber manchmal sogar in besserer Qualität als das beim Original früher überhaupt verfügbar war. Meist ist hinten jedoch eine falsche Nummer drauf, weil die Fälscher oft nur ein Bild von vorne haben.“

Es gibt sogar sowas wie einen werderspezifischen Patzer, und zwar bei den begehrten Portas-Trikots aus Werders Hochphase der 80er. „Ich kann auf Anhieb sagen, welche falsch sind – ohne dass ich sie überhaupt in der Hand habe“, sagt Steigmann. „Dort ist die Eins beim Schriftzug ,Der Renovierer Nr. 1' meistens zu eckig. Das Flockverfahren, das damals verwendet wurde, gibt es heute nicht mehr und die Maschinen schneiden zu eckig.“

Solchen dubiosen Angeboten geht Mirko Steigmann aber ohnehin meist aus dem Weg. Er schätzt den direkten Kontakt mit den Spielern, sofern er möglich ist. „Ich habe nie gebettelt. Wenn da aber ein Uli Borowka war und ein paar Schätze dabei hatte, habe ich immer einen angemessenen Betrag bezahlt – gerade wenn es um den guten Zweck ging.“

Auf der Jagd nach Bode

Manchmal muss aber auch Kommissar Zufall helfen. Wie bei Marco Bode zum Beispiel. „Er hat neben mir an der Tankstelle gestanden“, erinnert sich Steigmann. „Das war wie in einem schlechten Film. Er hat Öl nachgefüllt, das Portemonnaie lag auf dem Dach. Als er dann losfuhr, fiel das Portemonnaie runter.“ Steigmann handelte blitzschnell und nahm die Verfolgung auf. Doch die cineastischen Parallelen hörten noch nicht auf, die Schranke eines Bahnübergangs stoppte die Aufholjagd. „Dann habe ich auf den Personalausweis geschaut und gesehen, dass er nur 100 Meter von meinen Eltern entfernt wohnt“, erinnert sich Steigmann lachend.

Also bekam Bode einen Zettel in den Briefkasten gesteckt, kurze Zeit später klingelte bei den Eltern das Telefon. „Und dann stand der Vize-Weltmeister plötzlich bei uns im Wohnzimmer“, sagt Steigmann noch immer etwas ehrfürchtig. „Zum Dank wollte er mir dann Geld geben, doch ich sagte ihm, dass bei mir in Stoff bezahlt wird.“ Das Sammlerherz witterte eine Chance, in der Eile wünschte sich Steigmann ein Exemplar des „Keine Macht dem Terror“-Trikots aus dem Jahr 2001. „Eine Woche später kam Marco Bode dann wieder zu meinen Eltern und brachte es vorbei. Er hatte sein eigenes zwar nicht mehr, hatte aber kurzerhand bei Viktor Skripnik nachgefragt und dieses dann bekommen.“

Bei aller Freude ärgerte sich Mirko Steigmann anschließend fast ein wenig. „Ich kam leider damals nicht auf die Idee, dass ich sein ,Mein Freund ist Ausländer‘-Trikot gern hätte.“ Genau dieses Textilstück ist nämlich beinahe so etwas wie die „Blaue Mauritius“ für Briefmarkenfreunde. „Es ist echt bitter, aber mir fehlt das Trikot, obwohl es mir vor zehn Jahren angeboten wurde“, sagt Steigmann. „Ich habe ursprünglich nur Trikots gesammelt, die mir passen, weil ich sie zu besonderen Anlässen auch getragen habe. Es wurde mir mehrfach in der Größe M angeboten, aber ich habe gesagt, dass ich das nicht tragen kann. Heute ist es fast unbezahlbar und es taucht auch nicht mehr auf. Auch die Spieler von damals haben es nicht oder wissen nicht mehr, wo die gelandet sind.“

Anders sieht es bei einem weiteren Klassiker aus, den viele Sammler gern in ihrem Schrank hätten: Das legendäre Trikot von Diego Maradona aus dem Jahr 1989, als Werder sensationell den SSC Neapel schlug. Nach dem Spiel hatte sich Gegenspieler Uli Borowka das strahlendblaue Schmuckstück gesichert. „Er sagt, dass er bei 10.000 Euro schwach wird. Aktuell hat er wohl ein Gebot von 8.500 Euro“, sagt Steigmann, der immerhin schon einmal in den Genuss kam, das Trikot aus der Nähe zu betrachten. „Uli hat es noch und er hat es mir auch gezeigt. Das Lustige ist, dass Werder schreibt, im Wuseum hänge das Original. Das ist auf jeden Fall nicht das von Maradona, das hat Borowka nie hergegeben.“

Umzug nach Stuttgart

Folglich fehlt es auch Mirko Steigmann. Ebenso wie das Trikot der legendären Millionen-Elf von 1971. Doch er sucht weiter, begibt sich wie Sherlock Holmes auf Spurensuche, um eine Lücke im heimischen Schrank in Stuttgart zu füllen. Beruflich hat es den Bremer einst nach Baden-Württemberg verschlagen – ausgerechnet während der Double-Saison 2003/2004. „Da war es natürlich besonders schwer wegzugehen“, erinnert er sich lachend. In den ersten Jahren nach dem Umzug kam Steigmann noch regelmäßig zu den Spielen in die Heimat, sein erster Weg führte ihn in der Regel nicht zu den Eltern, sondern direkt ins Stadion. Dort arbeiten viele seiner Freunde, und so konnte es schon einmal vorkommen, dass Steigmann plötzlich bei einer Inventur half. „Als Dank habe ich dann wieder einen neuen Lappen bekommen“, erinnert er sich strahlend.

Und so wuchs die Sammlung stetig weiter. Gern würde Steigmann in regelmäßigen Abständen einige seiner Hemden im Wuseum ausstellen, anstatt sie zu Hause nur zu horten. Auch andere Fans sollten schließlich Spaß an seinem Hobby haben, meint er. Bislang kam es aber noch nicht zu einer derartigen Kooperation. Angeklopft hat Werder trotzdem schon. „Sie haben sich bei mir Trikots für die 25-Jahr-Feier zur Deutschen Meisterschaft 1993 ausgeliehen, weil sie selbst keine hatten. Ich habe ihnen dann auch noch einen Anzug angeboten, der damals am Tag danach bei der Feier auf dem Rathausbalkon von Thorsten Legat getragen wurde.“

Zum Dank erhielt Steigmann ein Trikot von Theo Gebre Selassie vom diesjährigen Pokalspiel in Worms. „Damals herrschten 37 Grad, entsprechend riecht das Hemd. Das geht gar nicht“, schildert er lachend. Und so stellt sich die Glaubensfrage einer Reinigung im Prinzip mit jedem Exemplar aufs Neue. „Wenn es irgendwie geht, behalte ich sie ungewaschen“, sagt Steigmann, der dabei dann auch über mögliche Stockflecken hinwegsieht. „Aber einige stinken dermaßen, dass sie gewaschen werden müssen.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+