Ex-Werderaner im Interview

Prödl: "Ich bereue nichts"

Im Sommer verließ Sebastian Prödl Werder Bremen und wechselte zum FC Watford. Dort hat er es gleich zum Stammspieler geschafft. Im Interview spricht Prödl über England, das Nationalteam und Werder.
05.09.2015, 00:00
Lesedauer: 6 Min
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Prödl:
Von Andreas Lesch
Prödl: "Ich bereue nichts"

Einst bei Werder, jetzt beim FC Watford: Innenverteidiger Sebastian Prödl.

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Im Sommer verließ Sebastian Prödl Werder Bremen und wechselte zum englischen Erstligisten FC Watford. Dort hat es der Österreicher gleich zum Stammspieler geschafft. Im Interview spricht Prödl über England, die Nationalmannschaft, Werder und Claudio Pizarro.

Wie ist es für Sie, jetzt beim österreichischen Nationalteam zu sein und mal ein paar Tage nicht Englisch reden zu müssen?

Sebastian Prödl (lacht): Das ist ganz angenehm.

Wie gut ist Ihr Englisch? Wie kommen Sie damit beim FC Watford, Ihrem neuen Verein, klar?

Ich komme mit meinem Schul-Englisch ganz gut über die Runden. Ich verstehe alles, und alle verstehen mich. Aber es wird schon noch eine Zeit dauern, bis ich perfekt kommunizieren kann und all die Dialekte hier verstehe. Aber auch deswegen bin ich ja im Sommer von Werder weggegangen und habe noch mal das Land gewechselt: Ich kann mich hier in einer Weltsprache weiterbilden. Das reizt mich.

Auf dem Platz ...

... klappt es auch schon ganz gut. Da kann ich mit meinen Englisch-Künsten schon Kommandos geben. Ich will in Watford die Rolle einnehmen, die ich in Bremen auch hatte. Ich bin in Bremen zum Schluss in einer Komfortzone gewesen: Alles lief gut, ich habe regelmäßig gespielt, ich habe einen guten Platz in der Mannschaft gehabt. Aber aus dieser Komfortzone wollte ich halt irgendwann noch mal raus. In Bremen wäre ich im Sommer in einem gewohnten Umfeld in die Saison-Vorbereitung gegangen, mit mehr Rückenwind als in England. Aber ich wollte noch mal neu durchstarten.

Das scheint Ihnen zu gelingen. In den ersten vier Premier-League-Partien haben Sie jeweils 90 Minuten durchgespielt. War Ihnen bei Ihrem Wechsel klar, dass Sie Stammkraft sein würden?

Nein. Als ich aus Deutschland weggegangen bin, wusste ich: Ich muss mich in England neu beweisen. Ich muss eine Marke setzen. Ich profitiere nicht mehr von dem, was ich in Deutschland geschafft habe. Ich kann nicht sagen, ich habe 150 Bundesliga-Einsätze, und ich habe in der Champions League gespielt. Was auf der deutschen Autogrammkarte steht, ist wenig wert in England. Denn die Briten sind doch sehr auf ihr eigenes Land fixiert. Sie kennen ihre englischen Spieler bis in die vierte Liga hinein, aber mit der deutschen Bundesliga beschäftigen sie sich nicht. Jetzt merke ich: Diese neue Herausforderung, diese Luftveränderung tut mir gut.

Sie fühlen sich wohl in England?

Ja. Ich bin in meiner neuen Welt angekommen. Nur privat fällt’s mir noch ein bisschen schwer, weil ich noch im Hotel wohne. Ich habe bisher mehr Zeit damit verbracht, eine Wohnung zu suchen, als London zu genießen. Aber dafür hab’ ich ja noch ein paar Jährchen Zeit. Die Chance, in so einer Metropole zu leben während meiner Karriere, wenn ich noch jung bin, die kommt mir sehr gelegen. Und ich spüre schon jetzt, wie diese Stadt pulsiert.

Die Premier League ist seit Ewigkeiten Ihr Ziel ...

... ja, der Traum von der Premier League, der hat schon immer in mir geschlummert. Ich habe die Premier League auch zu der Zeit, als ich noch in Bremen gespielt habe, schon mit einem Auge verfolgt. Sie hat für mich eine ganz spezielle Magie, eine riesige Anziehungskraft. Natürlich ist die deutsche Liga ganz vorne in Europa. Aber die Premier League hat für mich doch noch eine andere Strahlkraft. Sie ist einfach weltweit noch bekannter, sie ist die stärkste Liga der Welt.

Für diese Liga haben Sie Werder verlassen.

Im Sommer bin ich 28 geworden, und ich hatte noch einmal die Chance, selbst über meine Zukunft zu entscheiden – denn ich war ablösefrei, und ich war verletzungsfrei. Da habe ich meine Sehnsucht einfach gestillt. Und bis jetzt bereue ich nichts.

Wie unterscheidet sich der Fußball in England von dem in der Bundesliga?

Das Spiel ist ganz anders aufgebaut in England, und die Schiedsrichter pfeifen auch ganz anders. Dadurch muss ich mein Spiel und meine Persönlichkeit verändern. Das gefällt mir.

Können Sie das genauer beschreiben?

Es kommt mir vor, als geht’s hier alles in einem durch. Du gehst ins Spiel, gibst 45 Minuten Vollgas, hast eine Pause zum Durchatmen – und gibst dann noch mal 45 Minuten Vollgas. Und in den ersten 20 Minuten wirkt es, als ob der Schiedsrichter seine Pfeife zu Hause vergessen hat.

Weil er sich sehr zurückhält?

Genau. Weil er das Spiel einfach flüssig und schnell machen will. Es gibt in England keine Unterbrechungen, die Spieler stehen sofort auf, wenn sie hingefallen sind. Es gibt keine großartigen Schwalben. Schwalben gelten in England als ausgeschlossen! Wenn einer nicht wirklich verletzt ist, bleibt er nicht drei Minuten am Boden liegen. Es ist alles auf Tempo aufgebaut, auf Spektakel. Und der Schiedsrichter kommuniziert mit den Spielern in England anders als in Deutschland.

Nämlich wie?

Nicht als Gegner, sondern als Partner. Der Schiedsrichter ist in England kein Feindbild. Ich habe hier das Gefühl, der Schiedsrichter will mir nie etwas Böses – egal was er pfeift. Ich will nicht sagen, dass die Schiedsrichter in der Bundesliga schlecht sind. Es gibt hervorragende deutsche Schiedsrichter. Aber es ist schon ein krasser Unterschied zu England. Hier arbeite ich als Spieler mit jedem Schiedsrichter gern zusammen.

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Als Sie Ihren Vertrag beim FC Watford unterschrieben haben, war noch unklar, wer dort Trainer werden würde. War das nicht ein Wagnis für Sie?

Der Präsident und der Manager haben mir das Gefühl vermittelt, dass sie etwas Vernünftiges aufstellen wollen. Ich war ja der erste Neuzugang, den sie in diesem Sommer geholt haben. Insgesamt sind 15 namhafte Profis verpflichtet worden. Ich bin also nicht in eine fertige Mannschaft reingekommen, sondern ich wusste, dass ich Teil eines Projekts sein werde. Aber ihre Idee von diesem Projekt hat mich überzeugt.

Wohin soll dieses Projekt führen?

Als Aufsteiger ist es erst mal das Ziel, den Klassenerhalt zu schaffen und in der Premier League zu bleiben. Es gibt einen so harten Konkurrenzkampf hier, es ist alles so ausgeglichen, dass man weiter noch gar nicht planen kann.

Bisher haben Sie dreimal unentschieden gespielt und einmal verloren.

Ja, aber ich denke, dass wir für das bisherige Niveau unseres Spiels zu wenig Punkte geholt haben. Aber ich glaube, wir haben uns schon ein bisschen Respekt verschafft. Und unser Kader hat genug Qualität, um erstklassig bleiben zu können.

Bei Werder haben Sie auch Jahre im Abstiegskampf erlebt. Wie ist das für Sie, jetzt wieder um den Klassenerhalt zu kämpfen?

Ich bin’s ja gewohnt. Das ist eine Aufgabe, die Spaß machen kann. Und es gibt in Deutschland wie in England sowieso nur vier, fünf Mannschaften, die sicher sein können, dass sie nicht gegen den Abstieg spielen. Der Fußball rückt enger zusammen. Und wir sind halt noch ein Underdog. Aber einer, der nicht zu unterschätzen ist.

Früher hat Ihr Klub mal Elton John gehört, heute ist der Sänger Ehrenpräsident des Vereins. Haben Sie ihn mal getroffen?

Nee, noch nicht. Ich habe gehört, dass er in der letzten Saison bei einigen Spielen im Stadion war. Ich würde mich freuen, wenn ich ihn mal kennenlernen würde.

Ihr Trainer Quique Sanchez Flores hat gesagt, wenn Sie die Klasse halten, würde er gern ein Duett mit Elton John singen.

Das wär’ auf alle Fälle lustig.

Haben Sie selbst schon was für Ihre Kollegen gesungen? Das ist doch in England ein beliebtes Ritual für neue Spieler.

Ich habe meinen Einstand noch nicht gegeben. Ein Lied steht mir noch bevor, haben die Kollegen gesagt. Aber ich versuche, das so weit wie möglich nach hinten zu schieben. Ich bin kein Gesangstalent.

Dürfen Sie sich das Lied denn aussuchen?

Ich hoffe schon.

Haben Sie eine Idee, welches es wird?

Nee, nee. Das entscheide ich spontan.

Herr Prödl, vermissen Sie Werder und Bremen manchmal in Ihrer neuen Welt?

Die Freunde dort, die vermisse ich. Ich hatte ja eine schöne Zeit da, und ich werde auch in Zukunft sicherlich oft nach Bremen kommen. Ich werde Bremen immer auf eine Art vermissen und Werder verbunden bleiben. Ich war ja sieben Jahre da. Aber im Moment ist hier alles so neu, so anders. Da habe ich noch keine Zeit für Sehnsucht. Also: Ich habe kein Heimweh aktuell.

Werder verhandelt gerade über eine Rückkehr von Claudio Pizarro. Wie fänden Sie es, wenn das klappen würde?

Claudio ist ein Spieler, der auch mit 36 Jahren noch einer Mannschaft helfen kann. Ich wünsche ihm als altem Freund, noch mal auf höchstem Niveau spielen zu können. Die Klasse dafür hat er. Und wenn das mit ihm und Werder wirklich was wird, dann wäre das bestimmt nicht verkehrt.

Das Gespräch führte Andreas Lesch.

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