Vorbericht

Werder vor schwerer Mission in Karlsruhe

Die Rollen könnten nicht unterschiedlicher sein: Werder steht am 4. Spieltag mächtig unter Druck, während Gegner Karlsruhe vor Selbstvertrauen strotzt.
20.08.2021, 17:26
Lesedauer: 3 Min
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Von Maik Hanke und Carsten Sander

Für Fußballtrainer ist es ein Griff ins Standard-Vokabular. Nach einer bitteren Niederlage gegen einen schwächer eingeschätzten Gegner fordern sie mit Blick aufs nächste Spiel gemeinhin eins: eine Reaktion der Mannschaft. So auch Markus Anfang. Nach dem Pokal-Aus gegen den Drittligisten Osnabrück wollte der Coach des SV Werder Bremen die Wut der Spieler sehen, es in der 2. Liga gegen den SC Paderborn besser machen zu wollen. Da dieser Schuss dann aber bekanntlich ziemlich nach hinten losgegangen und in einer 1:4-Packung mit desaströser Leistung in der ersten Hälfte gemündet ist, stellt sich die Frage: Was kann der 47-Jährige nun vor dem Auswärtsspiel gegen den gut gestarteten Karlsruher SC fordern? Eine doppelte Reaktion? Eine Reaktion hoch zwei?
 
„Nein“, sagt Anfang, „das potenziert sich nicht.“ Eine Reaktion fordere er sowieso immer von seinen Spielern – und sicher nicht so, wie sie gegen Paderborn ausgefallen ist. Darüber habe er mit seinem Team gesprochen, das Geschehene sei analysiert worden. „Das war nicht schön, das war auch unangenehm für den einen oder anderen. Aber das müssen wir leider machen“, erklärt Anfang. Die Aufarbeitung des Debakels sei „realistisch“ ausgefallen. Soll heißen: Von ungeschminkter Kritik bis verständnisvollem Erklären war alles dabei. Oder mit Anfangs Worten gesprochen: „Es muss auch mal hart sein und es muss auch mal In-den-Arm-Nehmen sein.“ Werder habe eine sehr junge Mannschaft, da passieren Fehler und da dürfen Fehler passieren. „Das ist der Prozess“, sagt Anfang, „und wir haben gewusst, dass in diesem Prozess auch mal eine Delle drin ist.“

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Mit einer Delle lässt sich der Gesamtzustand des SV Werder Bremen aktuell aber wahrlich nicht zureichend beschreiben. Anfang muss sein Team Woche für Woche umbauen, weil immer wieder Stammspieler verkauft werden und Neuzugänge weiter ausbleiben. Wenn dann auch noch sportlich katastrophale Auftritte dieses Gesamtbild abrunden, ist es klar, dass die Unruhe im Umfeld wächst. Und nun haben die Grün-Weißen im Karlsruher SC quasi ihr exaktes Gegenteil vor der Brust. Einen Gegner, der sich gefunden hat, der ins Rollen kommt, der, so sagt es Anfang, „vor Selbstvertrauen strotzt“.
 
Der KSC teilt sich mit sieben Punkten und einem Torverhältnis von 6:1 aktuell den zweiten Platz der Tabelle mit Dynamo Dresden. „Karlsruhe hat gezeigt, dass sie in der Liga richtig gut unterwegs sind, dass sie eine Mannschaft haben, die auch dementsprechend Fußball spielt.“ Neben ihrem „Zielspieler“ Philipp Hofmann (drei Spiele, drei Tore) hätten die Badener noch mehr Spieler, „die Spiele entscheiden können“, sagt Anfang: „Das wird schon eine große Herausforderung für uns.“ Gerade nach den schwachen Auftritten der letzten Wochen sei es wichtig, „dass wir gut gegen den Ball arbeiten, aktiv bleiben, auch wenn wir den Ball mal nicht haben, und immer wieder Torgefahr ausstrahlen“. Im Prinzip muss alles wieder besser werden als in der ersten Hälfte gegen Paderborn – kurzum: eine Reaktion muss her.

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Aber in Bremen ist die Zeit, in der sich noch irgendwer mit wollen und wünschen, mit einfordern, aber nicht erfüllen, zufrieden gibt, längst abgelaufen. Zu lange schon warten die Fans auf echte Reaktionen – auf einen Ruck, der durch den Club geht, durch die Mannschaft. Niederlagen zu analysieren und knallhart anzusprechen – das alles war auch schon Standard-Vokabular unter Anfangs Vorgänger Florian Kohfeldt, der es am Ende aber nicht mehr hinbekommen hat, damit auch nur irgendetwas zu bewirken. Anfang steht schon jetzt, nach zwei Unruhe stiftenden Niederlagen zu Beginn des Wiederaufbaus, an einer Stelle, an der die Mannschaft Gefahr läuft, erneut in eine Beim-nächsten-Mal-machen-wir-es-besser-Schleife zu geraten.
 
Die Abstiegsdepression und der notwendige Einspar-Exzess der Geschäftsführung machen es Anfang freilich nicht leichter, das Team auf Erfolg zu trimmen. Ein großes Thema für den Coach ist nach wie vor die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit. In Werder immer noch den Erstligisten zu sehen, macht das Leben zusätzlich schwer. Nach der Paderborn-Pleite versuchte Anfang, der eine nahezu identische Situation einst beim 1. FC Köln erlebt hatte, das Ergebnis und die Pfiffe zu nutzen, um das Verstehen zu steigern. „Wir müssen alle begreifen, dass das jetzt 2. Liga ist. Es wird erst besser, wenn alle das verstanden haben.“ Gemeint war nicht allein der Fan, sondern auch jeder Spieler, der mit seiner Leistung gezeigt hatte, dass bei ihm die Botschaft noch nicht angekommen ist.

Allerdings ist es auch in einer gewissen Weise verführerisch, zu glauben, was andere so erzählen. Die Konkurrenz redet Werder nämlich ungeachtet der gravierenden Probleme bei den Grün-Weißen konsequent in die Favoritenrolle. Auch KSC-Coach Christian Eichner macht mit: „Trotz der zahlreichen Abgänge hat Werder eine hohe Qualität. Es ist ein Bundesliga-Absteiger, der oben mitspielen will und wird.“ Doch auch das darf wohl als Standard-Vokabular eines Trainers verbucht werden.

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