Auf Eggesteins Spuren

70 Wochenstunden für den großen Traum

Werders Talente lernen am Gymnasium Links der Weser und wollen am liebsten doch Profis werden - so wie es unter anderem bereits Maximilian Eggestein vor ihnen geschafft hat.
09.01.2018, 13:25
Lesedauer: 4 Min
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Von Stefan Rommel
70 Wochenstunden für den großen Traum

Caram Caneiro Alves, Sven Meinecke, Lutz Göbert (v.l.n.r.)

Christina Kuhaupt

Maximilian Eggestein hängt an der Wand und lächelt. Ein bisschen zumindest. Das Bild ist fünf Jahre alt, es zeigt Eggestein unter anderem zusammen mit Jesper Verlaat, Ole Käuper und Dominic Volkmer. Ein gutes Dutzend ähnlicher Andenken haben sich in dem Büro angesammelt, Fotos, Trikots, Wimpel, Urkunden. Die Wände sind behangen wie in einem Vereinsheim. Aber Lutz Göberts Arbeitsplatz könnte kaum weniger damit zu tun haben.

Am Gymnasium Links der Weser ist Göbert Sportkoordinator und Leiter der „Eliteschule des Fußballs“. Mit 29 Schulen dieser Art kooperiert der Deutsche Fußball-Bund (DFB) deutschlandweit, die Bildungsstätte in Obervieland ist aber anders als die meisten anderen. In der Regel bietet die jeweilige Schule die Infrastruktur, also Sportplätze, Turnhalle, Kraftraum. Trainiert werden die Schüler der so genannten „Fußballprofile“ aber nicht von Lehrkräften des Hauses, sondern von Trainern der Nachwuchsleistungszentren (NLZ) des oder der ansässigen Profiklubs. Im Prinzip geht es darum, zusätzlich zum Regelsportunterricht Einheiten anzubieten, in denen eine möglichst individuelle Förderung erzielt wird.

Diesen inhaltlichen Part übernehmen in Obervieland die Lehrertrainer, das sind Sportlehrer mit entsprechenden Lizenzen, von der Trainer-A-Lizenz bis zur Elite-Jugendlizenz des DFB. Der Verband gibt dabei die Leitplanken vor, an denen sich die Schulen zu orientieren haben, im DFB-Sprech heißt das dann „Talente fordern und fördern“. Lehrpläne formuliert aber das Fußballprofil der Schule in Obervieland selbst, da bleibt genug Spielraum für eigene Ideen. Individual-, gruppen- und mannschaftstaktische Aspekte werden nahezu komplett abgedeckt, Abwehrverhalten und Angriffsmaßnahmen, Spieleranalyse und Leistungsdiagnostik, Passspiel, Ballkontrolle, Dribbling, Torschuss. Und das alles in möglichst kleinen Gruppen und auf kleinen Spielfeldern.

Mehr Individualisierung gewünscht

Die Sportliche Leitung will sich in Zukunft wieder mehr der Individualisierung widmen, um inhaltliche Überschneidungen mit den Trainingsinhalten in Werders Nachwuchsleistungszentrum oder an den drei Bremer Stützpunkten zu vermeiden. Dazu gehören auch sportartübergreifende Themen wie das Umschaltspiel entlehnt aus dem Handball, das Spiel auf dem zweiten Ball etwa wie beim Volleyball oder der Komplex Life Kinetik. Die Eliteschulen sind wie ein schnelles Beiboot zu den streng reglementierten NLZ der Profiklubs zu sehen.

Vor 20 Jahren fiel der Startschuss mit dem sogenannten Sportprofil, einer Kooperation zwischen der Schule in Obervieland und Werder. Nach der Einführung der Eliteschulen des Fußballs in Deutschland im Herbst 2006 wurde das Gymnasium Links der Weser zwei Jahre später vom DFB erstmals zertifiziert, seit 2016 gibt es auch ein eigenes Zertifikat für die Mädchen. Die Sportliche Leitung um Lutz Göbert und Sven Meinecke, der einst selbst bei Werder II in der Regionalliga spielte, muss dafür jedes Jahr einen Antrag auf Fördergelder beim DFB stellen, auf Materialien und Personal.

Pro Jahrgang sind zehn bis 15 Schüler aus dem Fußballprofil in einer Klasse mit 25 Schülern integriert. Schüler aus dem Werder-NLZ haben in der Regel einen Freifahrtschein, das heißt: Sie bekommen sicher einen Platz im Profil. Einer davon ist Caram Carneiro Alves. Der 17-Jährige ist seit sieben Jahren im Profil, im Frühjahr 2019 wird er sein Abitur machen. Derzeit ist er Teil von Werders U 19. „Das Profil ist ein guter Mittelweg zwischen der Karriere bei Werder und dem Hauptberuf als Schüler“, sagt Caram, der wie alle anderen auch in die Fußstapfen von Aaron Hunt, Felix Wiedwald, Maximilian Eggestein oder Ole Käuper treten will. Sie alle waren Schüler am Gymnasium Links der Weser. Derzeit ist der Weg dorthin aber fast komplett verbaut. Caram ist verletzt, „und selbst wenn ich fit wäre, müsste ich um einen Kaderplatz kämpfen“, sagt er, für einen Teenager erstaunlich reif und reflektiert.

Subventionen im fünfstelligen Bereich

Alle drei Jahre kommt der DFB auf Stippvisite in Obervieland vorbei und beurteilt die vermittelten Inhalten, die Infrastruktur, das Inventar, die Qualifikation der Trainer und die Trainingsgruppen. Anders als bei den Zertifizierungen an den Nachwuchsleistungszentren nimmt der DFB aber keine Klassifizierung vor, es werden keine Sterne vergeben. Subventioniert wird die Schule mit einem mittleren fünfstelligen Betrag, zwei Drittel davon gehen in die Ausbildung der Jungs, ein Drittel bekommen die Mädchen.

Gemessen an der Finanzkraft des größten Sportfachverbands der Welt und der hohen Zahl der Talente an der Eliteschule sind das überschaubare Beträge. Die Schule in der Alfred-Faust-Straße besuchen etwa 1200 Schüler, knapp zehn Prozent davon sind im Fußballprofil geführt. Das Werder-Internat stellt mit 60 Kindern und Jugendlichen das Gros der Profil-Schüler, 30 sind dauerhafte Stützpunkt- oder Auswahlspieler. Der Rest hat sich über ein hartes Aufnahmeverfahren für einen Platz qualifiziert. Auch das ist ein Alleinstellungsmerkmal der Schule im deutschlandweiten Vergleich.

An den anderen 28 Eliteschulen sind nur Kinder und Jugendliche aus den Profiklubs in den Eliteschulen untergebracht. In Bremen ist das Verhältnis zwischen Werder- und Nicht-Werder-Spielern nahezu ausgeglichen. „Wir sind diejenigen, die die zweite Reihe mitfördern. Die Erfahrung zeigt, dass der eine oder andere Spieler doch noch den Sprung zu Werder schafft oder zu einem anderen Profiklub“, sagt Göbert. Und da die Einrichtung alle möglichen Schulabschlüsse anbietet, besuchen ausnahmslos alle Spieler aus dem Werder-Internat auch die Schule in Obervieland.

Zweigleisige Ausbildung

Ein Jugendlicher aus Werders Leistungsbereich, also von der U 15 bis zur U 19, hat bis zu 36 Schulstunden Unterricht pro Woche, dazu kommen rund zwölf Stunden im Mannschafts- und freien Training, sowie im Kraftraum. Insgesamt macht das rund 50 Stunden Aufwand ohne die Wettkämpfe und Fahrten oder Übernachtungen. Nicht selten kommen die Jugendlichen dann auf 60 bis 70 Wochenstunden für ihren Traum. Das ist eine enorme Belastung, in einem dualen Ausbildungskonzept aber immanent. „Wir bieten eine zweigleisige Ausbildung an: eine schulische und eine für den Beruf des Leistungssportlers. Wo gibt es so etwas heutzutage noch?“, sagt Göbert.

Dass der Austausch untereinander so gut funktioniert, ist sicherlich der besonderen Situation in Bremen geschuldet. Mit Werder gibt es nur einen Profiklub, das schließt ein echtes Konkurrenzdenken auf allen Ebenen aus. Dazu ist die Bremer Fußballszene recht überschaubar und sehr eng miteinander verwoben. Thomas Schaaf war in seiner Zeit als Jugendtrainer bei Werder schon als externer Trainer am Gymnasium, der aktuelle Co-Trainer der Profis Thomas Horsch hat bis vor kurzem noch die Einheiten für die Torhüter geleitet.

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