Gespräch mit 96-Boss Martin Kind

"Das wird kein Selbstläufer für Werder"

Im Gespräch mit unserer Deichstube sprach Hannover 96-Boss Martin Kind über das anstehende Duell gegen Werder Bremen, die 2. Liga generell und die Arbeit des Deutschen Fußball-Bundes.
22.07.2021, 13:54
Lesedauer: 4 Min
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Von Hans-Günter Klemm
"Das wird kein Selbstläufer für Werder"

Martin Kind ist Mehrheitsgesellschafter von Hannover 96.

Swen Pförtner/dpa

Der SV Werder Bremen war für Martin Kind immer so etwas wie ein Vorbild für seinen Club Hannover 96. Nun trifft der 96-Boss die Bremer ausgerechnet in der 2. Liga wieder, wo sich doch beide Vereine eigentlich in der Bundesliga sehen. Mit unserer Deichstube sprach der 77-Jährige nicht nur über das direkte Duell zum Saisonstart am Samstag und über die Besonderheiten in der 2. Liga, Kind kritisierte auch harsch die Arbeit des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). 

Sind Sie zufrieden mit der Vorbereitung? Geht Hannover 96 gut gerüstet in die Saison, Martin Kind?

Kind: Es war eine durchwachsene Vorbereitung, anfangs nicht so überzeugend, dann haben wir uns gesteigert, zum Schluss ist die Generalprobe gegen Magdeburg misslungen. Ich hoffe, dass die Premiere gegen Bremen besser wird. Zum jetzigen Zeitpunkt ist noch schwer einzuschätzen, wie die Spielzeit laufen wird.

In dieser Woche haben Sie mit dem begehrten und ablösefreien Jannik Dehm aus Kiel eine weitere Verpflichtung getätigt. Wird es noch mehr Transfers geben?                    Wir planen weiter, die Mannschaft zu verstärken. Der Plan ist, noch zwei weitere Spieler zu verpflichten. Ob dies kurzfristig geschehen kann, ist fraglich. Ich gehe davon aus, dass die angedachten Neuen für das Auftaktspiel noch nicht bereit stehen.

Welche Positionen hat die sportliche Leitung noch im Blick?
Wir suchen noch einen Innenverteidiger und einen defensiven Mittelfeldspieler. Für die Abwehr ist Julian Börner von Sheffield Wednesday ein Kandidat. Ich denke, dass bei ihm eine zeitnahe Lösung möglich ist. Die Besetzung der Mittelfeldfeldposition könnte noch etwas länger dauern.

Mit dem im Profigeschäft unerfahrenen Trainer Jan Zimmermann und dem auch relativ unbekannten Marcus Mann als Sportdirektor haben Sie zwei Novizen berufen. Mutige Entscheidungen?
Im Fußballgeschäft sind alle Handlungen immer mutige Entscheidungen. Eine Garantie, dass sie sich bestätigen, gibt es häufig nicht. Wir haben die Vergangenheit analysiert und verschiedene Argumente diskutiert. Als Resultat haben sich diese Personalentscheidungen ergeben. Damit soll ein Neubeginn signalisiert und zudem eine Aufbruchstimmung ausgelöst werden. Wir haben bewusst Herrn Mann und Herrn Zimmermann verpflichtet und diese mutigen Lösungen getroffen.

Mit dem ehemaligen Düsseldorfer Vorsitzenden Robert Schäfer haben Sie einen Geschäftsführer für die Gesellschaften engagiert, die der ausgegliederten Kapitalgesellschaft angegliedert sind. Eine Personalie, die im Verein auf Widerstand getroffen ist. Hat sich die Lage beruhigt?
Herr Schäfer steht der Sales und Service Gesellschaft und der Arena GmbH vor. Ich bin überzeugt, dass er auch geeignet ist, einmal die Gesamtverantwortung zu übernehmen. Die ablehnenden Stimmen hängen mit dem Thema 50+1 zusammen. Maßstab der Bewertung sollte ausschließlich die Qualität sein.

Nach dem Abstieg haben Sie stets den Wiederaufstieg als Saisonziel ausgerufen. In diesem Sommer hört man von Ihnen andere Töne, vom Bundesliga-Aufstieg ist nicht mehr die Rede. Warum dieser Sinneswandel?
Die Beobachtung ist richtig. Es lag in der Logik des Denkens, dass wir in der letzten Saison den Aufstieg als Ziel verkündet haben. Weil 96 neben dem HSV und Düsseldorf die teuerste Mannschaft gestellt hat. Doch am Ende reichte es nur für den 13. Tabellenplatz, weit entfernt von unserem Ziel. Wir wollen weiterhin aufsteigen, wir wollen in die Bundesliga. Doch dieses Bestreben ist nun mit einer realistischen Zeitachse versehen und nicht die Zielvorgabe für die neue Saison.

Der HSV ist dreimal gescheitert, Hannover zweimal, die Düsseldorfer Fortuna im letzten Jahr mit dem Projekt Wiederaufstieg. Was macht es für Erstliga-Absteiger in der 2. Liga so schwer?
Festzuhalten bleibt, dass aktuell mit Fürth und Bochum zwei Vereine mit deutlich geringerem Budget aufgestiegen sind. Auffällig ist also über die Jahre, dass die so genannten Traditionsclubs scheitern. Dazu zählt beispielsweise auch der 1. FC Nürnberg, natürlich Hamburg, natürlich Hannover. Das hat Gründe. Mit diesen Vereinen sind immense Erwartungen verknüpft, die die Sache komplizieren und den Aufstiegsplan extrem erschweren. Die Clubs sollten dies bewerten und selbstkritisch hinterfragen.

Ist dies auch eine Gefahr für die diesjährigen Absteiger Schalke und Werder Bremen?
Es trifft auch auf diese beiden Clubs zu, die in jeder Hinsicht eine besondere Historie aufweisen, zu den bundesweit bekannten und beachteten Traditionsclubs zählen.

Sie haben immer Werder als Vorbild für Hannover bezeichnet und Ihre Sympathien für diesen Verein ausgedrückt. Wie haben Sie Werders Abstieg erlebt?
Im Endeffekt ist er auch für mich überraschend gekommen. Aus einem einfachen Grund: Werder schien schon gerettet, Mitte der Saison sah es so aus, als ob keine Abstiegsgefahr bestehe. Doch im Kontext der Vorsaison betrachtet, war diese Entwicklung schon folgerichtig. Es war in Bremen ein Prozess über Jahre, wie schon beim Hamburger SV oder auch bei Hannover. Es entwickelt sich eine bestimmte Eigendynamik, die an einem irgendeinem Punkt kaum noch umzukehren ist.

Hannovers Ex-Trainer Mirko Slomka hat Bremen als Topfavoriten ausgemacht. Liegt er richtig?
Trainer geben mutige Prognosen und Einschätzungen ab, wenn sie nicht mehr in Amt und Würden sind. Ich drücke es ein wenig anders aus: Werder zählt naturgemäß zum Kreis der favorisierten Teams. Doch die Bremer müssen sich bewusst sein, dass die Saison kein Selbstläufer wird.

Wer zählt noch zu diesen Kreis?
Es fällt mir schwer, eine seriöse Voraussage zu machen, da die meisten Clubs wegen des spät angelaufenen Transfergeschäfts ihre Planungen zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen haben. Einige Clubs müssen aus finanziellen Gründen durch Verkäufe von Spielern noch Einnahmen verbuchen, so Bremen, so Schalke, wie zu hören ist. Doch Schalke, der HSV, auch Nürnberg rechne ich zu den ambitionierten Vertretern. Die Aufsteiger Dresden und Rostock vermag ich nicht einzuschätzen. Und es wird wieder Überraschungen geben – wie zuletzt mit den unerwarteten Aufsteigern Fürth und Bochum.

Wie beurteilen Sie das Erscheinungsbild des Profifußballs, konkret der DFL und des DFB in Zeiten der Pandemie?
Darauf muss ich eine differenzierte Antwort geben. Der Profifußball, repräsentiert durch die DFL, hat in der Außenwahrnehmung ein durchweg gelungenes Erscheinungsbild abgegeben. Alles war sehr professionell aufgestellt, das Hygienekonzept ist positiv und in aller Welt als Muster aufgenommen worden. Der DFB indes hat seine Hausaufgaben nicht gemacht und seinen Auftrag nicht erfüllt, für den Amateursport da zu sein. An dieser Stelle ist sehr viel Vertrauen verloren gegangen. Auch durch die Nationalelf, deren Ausscheiden bei der Europameisterschaft verdient gewesen ist. Alles, was den Fußball prägt, war beim DFB-Team nicht zu erkennen: kein Kampf, keine Leidenschaft, keine Emotionen. Es ist Zeit für einen kompletten Neubeginn, insbesondere in der Führung des DFB. 
 

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