Werders Chance und der Treueschwur 2.0

Ablenkung im Abstiegsstress

Florian Kohfeldt sieht Werders Pokal-Duell gegen Borussia Dortmund als Chance, um Schwung für die Liga holen. Sportchef Frank Baumann erneuert obendrein Marco Bodes Treueschwur für den Trainerposten.
03.02.2020, 17:41
Lesedauer: 4 Min
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Ablenkung im Abstiegsstress
Von Malte Bürger
Ablenkung im Abstiegsstress

Werders Trainer Florian Kohfeldt muss sich weiter keine Sorgen um seinen Arbeitsplatz machen.

nordphoto

Was war das für eine glorreiche Nacht vor knapp einem Jahr? Werder lieferte einen spektakulären Pokal-Abend in Dortmund, gewann nach einer packenden Aufholjagd samt Elfmeterkrimi und elektrisierte die eigene Gefolgschaft. Knapp zwölf Monate später ist eine derart aufgeladene Energie im Anhang nur schwerlich zu finden. Die sonst so pokalverliebte Stadt Bremen leidet zu sehr in der Liga und fürchtet um die Zugehörigkeit. Die Vorfreude auf das Achtelfinal-Heimspiel gegen Borussia Dortmund (20.45 Uhr) hält sich da in ernüchternden Grenzen. Zu groß erscheint die Wahrscheinlichkeit, sich am späten Dienstagabend über die nächste Werder-Niederlage ärgern zu müssen.

„Ich gehe davon aus, dass ganz Deutschland einen souveränen Dortmunder Sieg erwartet“, sagt auch Trainer Florian Kohfeldt. Kampflos geschlagen gibt er sich deshalb nicht. „Es gibt nur ein Ausscheiden oder Weiterkommen, das macht es für uns etwas leichter“, sagt er. „Wir haben im Grunde nichts zu verlieren. Für uns ist es eine Chance, in dieses Spiel zu gehen und zu wissen, dass es keine Auswirkungen auf die Tabelle hat.“ Der 37-Jährige wünscht sich zarte Positiverlebnisse, die auf die kommenden Ligaauftritte ausstrahlen.

Trainerwechsel kein Thema

Genau diese Hoffnung, dieses Vertrauen ins die Mannschaft schwindet außerhalb des Klubs. Das ist auch Florian Kohfeldt nicht entgangen. „Ich kann alle Empfindungen im Umfeld nachvollziehen, weil auch jeder mit sich ein Stück weit ausmachen muss, wie er mit solch einer Situation umgeht“, sagt Werders Chefcoach. Für ihn selbst komme es jedoch nicht infrage, das BVB-Duell sorgenvoll anzugehen. „Das ist ein K.o.-Spiel, an diesem Abend geht es um alles. Punkt. Aus“, sagt Kohfeldt. „Ich kann für mich nur sagen, dass dieses Spiel einer der Gründe ist, warum ich mich irgendwann einmal dafür entschieden habe, auf diesem Niveau diesen Job zu machen. Wenn dich das nicht kitzelt, dann gibt es nicht mehr so viele Sachen, die gut sind, Dann wird es nämlich negativer Druck – aber für mich ist dieses Spiel kein negativer Druck. Ich freue mich drauf.“

Zumal er sich selbst weiterhin keinen Gedanken um seinen Arbeitsplatz machen muss. Unmittelbar nach dem Ende der Hinrunde hatte Aufsichtsrats-Chef Marco Bode klare Worte gefunden: „Wir steigen alle zusammen ab und wir bleiben alle zusammen drin", sagte der 50-Jährige seinerzeit. Nur wenige Wochen später ist die tabellarische Lage weiter bedrohlich, Frank Baumann hatte die Gesamtsituation unlängst als "dramatisch" bezeichnet. Und eben jener Werder-Sportchef war es nun auch, der am Montag die Frage gestellt bekam, ob die Worte von Marco Bode denn noch immer Bestand hätten. "Ja", antwortete Baumann rigoros und ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass ein Trainerwechsel kein Thema ist. Mehr noch: "Vor allem entscheide ich mich für die zweite Variante. Wir werden in der Klasse bleiben."

„Wir werden leiden müssen“

Die Frage ist, in welcher Verfassung die Mannschaft dieses Unternehmen nach dem Dortmund-Spiel angehen wird. Mit einem irgendwie gearteten Rückenwind oder einem zusätzlichen Negativerlebnis, das die Psyche nur noch mehr belastet. „Es ist in diesem Geschäft so, dass sich die Situation ohnehin nach jedem Spiel verändert hat. Ganz egal, ob du nun eine gute oder schlechte Phase hast“, sagt Kohfeldt. „Nach dem Spiel kann ich das daher erst seriös beantworten. Im Vorhinein bin ich mir aber sicher, dass die Chancen, die uns dieses Spiel gibt, gegenüber den möglichen Risiken überwiegen.“

Trotzdem weiß auch er, dass es momentan nicht viele unangenehmere Aufgaben gibt. Hier der kriselnde Außenseiter, dort der torhungrige Favorit. „Für uns kommt es darauf an, gewisse spielerische Dinge zu akzeptieren, die sie machen werden“, sagt Florian Kohfeldt. „Ein Stück weit werden wir auch leiden müssen. Definitiv. Wir werden nicht so viel Ballbesitz haben wie gewohnt.“ Es waren Worte, die den Bremer prompt stocken ließen. „Also nicht so viel, wie wir mal gewohnt waren“, ergänzte er. An der generellen Marschroute ändern die Vorzeichen dennoch nichts. „Wir werden es wieder probieren mutig zu spielen.“

Am Spielstil festhalten

In dieser Hinsicht hatte es zuletzt kräftig gehakt. Warum also gerade jetzt nicht mehr? Kohfeldt bat um Verständnis. Nicht für die sportliche Misere, aber einen Teilaspekt dessen. „Ich weiß, wie viele Frusterlebnisse wir alle in letzter Zeit hatten. Ich weiß auch, was die Fans für Frusterlebnisse hatten. Ich verstehe das alles“, sagte er. „Eines ist aber auch ganz wichtig: Wir müssen Fehlpässe spielen dürfen. Wenn wir irgendwann anfangen, nur noch die Bälle hinten rauszukloppen, dann wird es nicht klappen. Wir müssen uns trauen zu spielen. Da wird ein bisschen Frustration dazugehören, es wird nicht gleich wieder Traumkombinationen geben. Auch gegen Dortmund nicht. Garantiert nicht.“

Der Geduldsfaden, der vielerorts allmählich zu reißen droht, soll also noch etwas länger halten. „Wir wissen, wie ernst unsere Lage in der Bundesliga ist, aber dieses Mal spielt das keine Rolle“, wiederholte Kohfeldt daher. „Wir dürfen uns auch auf dieses Spiel freuen, die Fans auch. Ich weiß, dass wir nicht in guter Form sind, aber ich will jedes Spiel gewinnen.“ Florian Kohfeldt wusste selbst nicht so genau, ob die letzte Aussage bei scheinbar derart klaren Vorzeichen angebracht war. Deshalb schob er noch hinterher: „Ich persönlich mag solche Spiele. Und aus der Erfahrung der vergangenen zweieinhalb Jahre heraus glaube ich, dass unsere Jungs das eigentlich auch mögen.“ Da war es tatsächlich. Ein wenig versteckt zwar, aber deutlich hörbar. „Eigentlich“. Ein Wort, das für so vieles in dieser Saison gilt. Denn eigentlich, ja eigentlich, gehört Werder in der Bundesliga-Tabelle auch nicht so weit nach unten. Die Wahrheit ist ein andere.

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