Bundesliga-Kolumne von Wontorra

Achterbahnfahrt mit mehr Spaß als Leiden

Unser Kolumnist Jörg Wontorra empfindet diese Werder-Saison als Achterbahnfahrt, die er bislang eher positiv bewertet. Doch da kommt noch diese englische Woche, die sehr entscheidend für das Ziel Europa wird.
15.12.2018, 09:54
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörg Wontorra
Achterbahnfahrt mit mehr Spaß als Leiden
Mein Werder

Wo steht Werder wirklich in dieser Saison? Okay, wer Tabellen lesen kann, erkennt messerscharf, dass sich das Team derzeit auf Platz acht einsortiert – in Sichtweite zum anvisierten Ziel Europa – , und so eine Zwischenbilanz beruhigt dann ja schon mal. Aber auf den Klub wartet halt auch noch diese englische Woche, die es in sich hat. Dortmund, Hoffenheim, Leipzig: Drei echte Kracher, die einem in nur acht Tagen die komplette Hinrunde verhageln können.

So weit werden es die Protagonisten auf dem Platz dann hoffentlich nicht kommen lassen. Denn zum einen können sie sich an guten Tagen auch mit der Elite der Liga messen, und zum anderen wollen sie ja auch möglichst unbeschwerte Weihnachten genießen. Glauben wir also dran, dass noch was geht. Aber bleiben wir auch realistisch, weil die bisherigen Leistungsnachweise nicht ausschließlich dazu taugen, in ungebremste Euphorie zu verfallen. Unterm Strich war es bisher halt doch eine Achterbahnfahrt – wenn auch eine, die mehr Spaß machte als Leiden auslöste.

Verschenkte Punkte hier (Hannover, Nürnberg, Stuttgart), ungeahnte Siege dort (Frankfurt, Augsburg, Schalke). Dazu echte Einbrüche (Leverkusen, Gladbach) und nur wenige erwartbare Ergebnisse (Freiburg, Bayern, Düsseldorf). Für die zahlreichen Tipprunden war Werder bisher jedenfalls kein verlässlicher Partner. Dazu fehlte dann eben doch die Konstanz, und in der Phase von fünf Spielen ohne Sieg fehlte auch die Substanz.

Bei dieser oder jener Niederlage wurde Grün-Weiß dann auch noch ausgerechnet der Stilwechsel zum Verhängnis, für den Grün-Weiß von ausgewiesenen Experten so sehr gelobt wurde: Weg vom Sicherheitsfußball, hin zur offensiven Wir-wollen-jedes-Spiel-gewinnen-Mentalität. Florian Kohfeldt musste die leidvolle Erfahrung machen, dass man sich mit dieser hehren Idee in den Hochrisiko-Sektor begibt und dem Gegner geradewegs ins offene Messer laufen kann. Stuttgart, Leverkusen oder Gladbach freuen sich heute noch über Werders offene Art.

Meine persönliche Zwischenbilanz

In mancher Hinsicht muss der Trainer mit seinem Kader also noch Feinjustierungen vornehmen, zumal die Spieler nachweislich nicht die Schnellsten in der Liga sind und somit wenig geeignet für erfolgreichen Umschaltfußball. Aber es gibt erfreuliche Ansätze, die die kleineren Defizite schnell ausgleichen können. Die Mannschaft kommt mit einer höheren individuellen Qualität daher als vor Jahresfrist, sie strahlt mehr Selbstbewusstsein aus, und sie versprüht zuweilen auch spielerischen Glanz.

So gesehen müsste am Ende also mehr herausspringen als der elfte Platz aus der vergangenen Saison. Aber Europa? Rechnen wir doch einfach mal: Zuletzt waren 53 Punkte nötig, um ins internationale Geschäft zu rutschen. Macht knapp 27 Punkte pro Halbserie. Werder müsste demnach in der englischen Woche noch sechs Punkte einfahren, um auf Kurs zu sein. Daraus leite ich meine persönliche Zwischenbilanz ab: Wenn die Truppe das schafft, dann schafft sie auch ihr Saisonziel.

Die schlechtere Variante dazu heißt: Wenn Werder aus den nächsten drei Spielen keinen Punkt holt, hat Werder zur Halbzeit doch nur wieder den gleichen Ertrag wie im vergangenen Jahr (21 Punkte). Soll heißen: Wo der Klub wirklich steht, das wissen wir also wohl doch erst nach der englischen Woche.

Zur Person:

Jörg Wontorra (70) war Sportchef bei Radio Bremen, Aufsichtsrat bei Werder und ist Moderator des Sky-Talks „Wontorra“. Im wöchentlichen Wechsel mit Lou Richter, Thomas Eichin, Christian Stoll und Klaus-Dieter Fischer schreibt er in dieser Kolumne, was ihm im Bundesliga-Geschehen aufgefallen ist.

Die Umfrage zum Spiel gibt es hier:

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