Werders erster Trainingslager-Tag

Algorfa liegt jetzt in Johannesburg

Trotz der weiten Reise nach Südafrika ändert sich nicht plötzlich alles in der Winter-Vorbereitung bei Werder. Nur die mitgereisten Fans müssen noch um eine Sache bangen.
03.01.2019, 20:02
Lesedauer: 4 Min
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Von Jannik Sorgatz
Algorfa liegt jetzt in Johannesburg
nordphoto

Nach mehr als zehn Stunden in der Luft kam die Landung dann doch plötzlich. Die Crew hatte gerade das Frühstück abgeräumt, der Pilot den Beginn des Landesanfluges verkündet, schon setzte die Boeing 747 um kurz nach neun Uhr Ortszeit auf dem Rollfeld in Johannesburg auf. Der eine oder andere könnte etwas unsanft aus dem Schlaf gerissen worden sein, den sollten Werders Spieler, das Trainer- und das Betreuerteam auf dem Weg nach Südafrika in der Business Class ausreichend erhalten. Als am Nachmittag um 16.30 Uhr die erste Einheit des Trainingslagers am anderen Ende der Welt begann, machte zumindest keiner einen außerordentlich müden Eindruck.

„Die Anreise hat gezeigt, dass die Entfernung kein Problem ist. Durch den Nachtflug verschenkt man wenig Zeit, das ist im Winter-Trainingslager ein wichtiger Punkt", sagte Frank Baumann am Donnerstag. Der Sportchef hatte nicht im Flieger gesessen, sondern die Weihnachts- und Silvestertage genutzt, um in Südafrika etwas Sonne zu tanken und trotz einiger Aufgaben abzuschalten. Ab jetzt gelten aus sportlicher Sicht die gleichen Anforderungen wie an ein Winter-Trainingslager in der Türkei oder in Spanien: gutes Wetter, gute Platzbedingungen, ruhiges Arbeiten und Wohnen, kurze Wege.

Drei Rückkehrer im Training

Als der Tross erstmals auf dem Gelände des Randburg Football Club aus dem Bus stieg, sah es ganz danach aus, als gebe es keinen Grund für Zweifel. Das war am Neujahrstag noch anders gewesen. Es hatte seit Tagen fast ununterbrochen geregnet, und Trainer Florian Kohfeldt befürchtete nach eigenen Angaben bereits, das Bremer „Schietwetter“ auch in Südafrika anzutreffen. Am Donnerstag wurde sein Team jedoch von Sonnenschein und 24 Grad auf dem Platz begrüßt.

Von den 29 Spielern, die mit dabei sind, verpasste nur Torwart Jiri Pavlenka die erste Einheit. Er war mit einer leichten Erkältung im Hotel geblieben. In Philipp Bargfrede, Stefanos Kapino und Fin Bartels gab es drei Rückkehrer, die Werder Wochen, Monate oder in Bartels' Fall sogar ein ganzes Jahr gefehlt hatten. Er wird es allerdings erst noch ruhiger angehen lassen müssen. „Wir reden nicht von Tagen, bis er komplett wieder dabei ist. Das wird noch dauern“, sagte Kohfeldt.

Zumindest den ersten Tag ging die gesamte Mannschaft mit einer gewissen Ruhe und Geduld an. Nach längeren Warmmach- und Athletikübungen kam noch der Ball dazu. „Es geht nur darum, reinzukommen“, rief Kohfeldt seinen Spielern zu. Immerhin hatte Claudio Pizarro mit zwei Flügen über jeweils 10.000 Kilometer den Anreiserekord aufgestellt: Südamerika-Bremen-Südafrika. An Bord wurde der 40-Jährige auf dem Weg in sein unter Umständen letztes Trainingslager mit einem besonderen Programm unterhalten: „Bundesliga Special #6: Goals and Glory – Claudio Pizarro“ stand bei den Sportsendungen ganz oben.

(K)ein Höhentrainingslager?

Am Trainingsplatz wurde Pizarro von ein paar Mitarbeitern des Randburg FC dann auch besonders freudig begrüßt. Darüber hinaus hielten sich spezielle Ehren für Werders Reisegruppe in Grenzen. Der Pilot wünschte beim Aussteigen ein schönes Trainingslager, und als die Spieler vom Gepäckband zum Bus gingen, begrüßte sie ein einziger Werder-Fan, allerdings ein besonderer: Kgalabi Phale hielt stolz den Werder-Schal hoch und stimmte ein Lied an, das in der Ankunftshalle ordentlich hallte. Der Südafrikaner hat einst ein Austauschjahr in Wildeshausen gemacht.

Dass die Werderaner in Johannesburg nicht empfangen werden wie der FC Barcelona in Japan, überrascht die Vereinsführung nicht. „Wir haben nichts anderes erwartet", sagte Frank Baumann. "Bei allem Respekt vor uns selbst ist unser Aufenthalt nicht ganz so entscheidend." Es soll dann eben im Kern doch ein Trainingslager wie die meisten anderen werden, "wie überall mit Vorteilen und Nachteilen", betonte Baumann. Bei einem Faktor sind sie sich noch nicht ganz sicher, welchen Einfluss er haben wird: Johannesburg liegt etwa 1700 Meter über dem Meeresspiegel auf dem Highveld-Plateau. Ein wenig Anpassung sei nötig, erklärte Kohfeldt, mehr aber nicht. "Vielleicht erhöht das auch die Ausdauerleistungsfähigkeit in den Wochen danach, aber das wird man erst dann sehen", sagte der Trainer. Südafrika lohnt sich in diesem Punkt zumindest so sehr, dass neben Werder auch Gesa Krause, die deutsche Rekordhalterin über 3000 Meter Hindernis und aktuelle Europameisterin, im Flieger saß. Sie absolviert ein Höhentrainingslager in Südafrika.

Laufen, laufen, laufen wird Werder dagegen nicht, an Kondition hat es in der Hinrunde nicht gemangelt. Kohfeldt hat sich defensiv wie offensiv einiges vorgenommen. Trotz zweier Testspiele und eines freien Tages wird er an den kommenden neun Tagen jede Menge Zeit haben, um seine Mannschaft auf die Rückrunde vorzubereiten. Während die Werder-Fans in der Heimat wie gewohnt beide Tests über den vereinseigenen Kanal verfolgen können, müssen die etwa 30 mitgereisten Anhänger in Südafrika noch bangen. Die Premier Soccer League erlaubt während der Saison keine Testspiele vor Zuschauern. So entgeht Werder auch die Möglichkeit, durch Übertragungen der beiden Spiele gegen die Erstligisten Kaizer Chiefs und BidVest Wits in Südafrika für sich zu werben – was schließlich im Namen der Deutschen Fußball-Liga (DFL) ein Zweck der Reise ist. Sportchef Baumann sieht daran durchaus einen Widerspruch. „Das ist schon nicht optimal“, sagte er. Man wolle das Beste draus machen, „und vielleicht kommen wir irgendwann mal wieder.“ Nach dem ersten Tag in Südafrika spricht zumindest nichts dagegen. So richtig los geht es aber erst am Freitag.

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