So einfach macht es Werder den Gegnern

Alle 25 Minuten ein Gegentor

Weniger als 40 Gegentore wollte Werder in dieser Saison kassieren. Die Mannschaft war zwischenzeitlich voll auf Kurs. Doch nur drei Spiele haben dafür gesorgt, dass das Ziel ganz schwer zu erreichen sein wird.
12.11.2018, 08:02
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Jannik Sorgatz
Alle 25 Minuten ein Gegentor
nordphoto

Bis zum 28. Oktober um 18.07 Uhr war die Werder-Welt nicht nur in Ordnung, sie war so rosarot wie einst Tim Wieses Torwarttrikot. In der Anfangsphase des Heimspiels gegen Bayer 04 Leverkusen stand Florian Kohfeldts Mannschaft auf Platz drei der virtuellen Tabelle, mit der besten Abwehr der Bundesliga. Danach vergingen keine zwei Wochen, knapp 270 Minuten Fußball – und auf einmal ist Werder nicht nur aus den Europapokalrängen gerutscht, sondern hat auch gleich elf Gegentore in drei Spielen kassiert.

„Das ist uns schon gegen Leverkusen passiert“, sagte Kohfeldt über das 0:1 gegen Gladbach. So einiges kam einem bekannt vor, denn eins ist klar: Werder macht viele Fehler und Werder wiederholt seine Fehler. Allein fünf Gegentore fielen durch Standards oder unmittelbar im Anschluss. „Wir müssen in Situationen, die scheinbar klein wirken, besser verteidigen“, versuchte Kohfeldt, ein Schema in der Gegentorflut auszumachen. So richtig ausgespielt worden sind die Bremer nur selten, in den meisten Fällen haben sie es dem Gegner enorm leicht gemacht.

9. Spieltag, 2:6 gegen Bayer 04 Leverkusen

0:1 Volland, 8. Minute

Maximilian Eggestein verliert 30 Meter vor dem Tor den Ball gegen Kai Havertz, sogleich ist die neu formierte Defensive ungeordnet. Im Halbraum hat Bayers Julian Brandt viel Platz und viel Zeit, Karim Bellarabi bekommt den Ball, weil Ludwig Augustinsson und Marco Friedl sich beide nicht für ihn verantwortlich fühlen. Und dann verliert im Zentrum auch noch Milos Veljkovic den Torschützen Kevin Volland aus den Augen. Eine Fehlerkette der klassischeren Sorte.

0:2 Brandt, 38. Minute

Als Florian Kohfeldt nach dem Gladbach-Spiel betont, dass dieser Fehler schon gegen Leverkusen passiert sei, meint er dieses Tor: Werder will nach einer gegnerischen Ecke selbst kontern, doch Yuya Osako verliert kurz hinter der Mittellinie den Ball. Hinten pennt Friedl völlig, müsste längst zehn Meter weiter aufgerückt sein. So erwischt ihn Aleksandar Dragovic mit einem langen Ball auf dem falschen Fuß. Die Hereingabe von Bellarabi wehrt Jiri Pavlenka nach vorne ab, aus dem Rückraum kann Brandt unbedrängt abschließen.

0:3 Bellarabi, 45. Minute

Warum Friedl die erste Halbzeit mit einer starken Zweikampfquote beendet, obwohl er völlig neben sich gestanden hat, wird in dieser Szene deutlich. Als Bayer schnell umschaltet, ist der Österreicher weit davon entfernt, überhaupt in einen Zweikampf mit Bellarabi zu kommen. Der hat nach Vollands Zuspiel alle Zeit der Welt, um auf 3:0 für Leverkusen zu erhöhen.

2:4 Havertz, 67. Minute

Die Spiele gegen Leverkusen und Gladbach vereint die Tatsache, dass Werder nicht nur zu viele Fehler gemacht hat, sondern auch noch zu viele Fehler gegen Mannschaften, die diese eiskalt ausnutzen dank ihrer individuellen Klasse. Volland schickt hier Havertz auf die Reise, und der Youngster chippt den Ball aus spitzem Winkel überragend ins Tor.

2:5 Dragovic, 72. Minute

Jiri Pavlenka hält momentan keine unhaltbaren Bälle mehr wie in der Rückrunde der vergangenen Saison, obendrein streut er auch immer mal wieder eine Unsicherheit ein. Nach Brandts Ecke fliegt der Tscheche unter dem Ball durch, der Dragovic auf den Oberschenkel fällt und von dort ins Tor.

2:6 Havertz, 77. Minute

Am Ende ging dann alles schief: Mitchell Weiser flankt von rechts, Havertz trifft Langkamp mit der Hacke und vom Bremer Verteidiger wird der Ball ins Tor gelenkt. Die Deutsche Fußball-Liga spricht den Treffer fast schon mitleidig Havertz zu. Ein Eigentor hätte in dieser Liste noch gefehlt.

10. Spieltag, 1:2 gegen FSV Mainz 05

0:1 Mateta, 25. Minute

Es gibt Fälle, in denen eine blitzschnelle Entscheidung vonnöten ist, und es gibt solche, in denen ein Spieler anscheinend zu viel Zeit hat. Daniel Brosinski flankt aus dem Halbfeld. Dass ihn Florian Kainz kaum dabei behindert, ist weit entfernt von einem Fauxpas. Den leistet sich Niklas Moisander, dessen Abwesenheit gegen Leverkusen noch als Erklärung für die Klatsche hergehalten hatte, indem er ein Luftloch schlägt. Im Hintergrund ist auch Veljkovic nicht auf der Höhe, Jean-Philippe Mateta entwischt ihm und trifft.

0:2 Gbamin, 51. Minute

Ein Kandidat für das vermeidbarste der elf Gegentore: Brosinski wirft auf der rechten Seite ein, Jean-Philippe Gbamin hatte alle Zeit der Welt, einen Doppelpass mit ihm zu spielen, weil Davy Klaassen und Augustinsson nur zuschauen. An der Strafraumgrenze – Gbamin hat sich auch noch in aller Ruhe Richtung Tor drehen dürfen – rückt Philipp Bargfrede erst heraus, als es schon zu spät ist.

11. Spieltag, 1:3 gegen Borussia Mönchengladbach

0:1 Plea, 39. Minute

Nach einer Gladbacher Ecke hat Werder zweimal die Möglichkeit, die Situation zu bereinigen. Den entscheidenden Zweikampf verlieren Klaassen und Martin Harnik gegen Alassane Plea, der sich eigentlich vom Tor wegbewegt und sich den Ball auch noch auf den schwächeren Fuß legen muss. Mit dieser Aktion vor der Pause – nach einer defensiv stabilen Halbzeit – bringt sich Werder selbst auf die Verliererstraße.

0:2 Plea, 48. Minute

Das fünfte Tor, das im Kontext einer Standardsituation fällt. Diesmal lässt sich Werder mit einer einstudierten Variante düpieren. „Das war so vorbereitet“, erklärt Gladbach-Trainer Dieter Hecking nach dem Spiel, sein Assistent Dirk Bremser hatte den Spielzug mit der Mannschaft ausgetüftelt. Wieder trifft Plea, der sich im Bogen vom zweiten Pfosten in Richtung des ersten bewegt. Als seinem Gegenspieler Klaassen, der schon wieder in der Verlosung ist bei einem Standard, klar wird, was da gerade passiert, ist es bereits zu spät. Während Plea von Thorgan Hazard flach bedient wird, eilt der Niederländer durch die Menschenmenge im Strafraum wie ein Pendler, der vergeblich versucht, den abfahrbereiten Zug zu erreichen. Dass Pleas Schuss durch zwei Beinpaare abgefälscht wird, ist die bittere Pointe aus Bremer Sicht.

0:3 Plea, 52. Minute

Vier Bremer werden von zwei Gladbachern ausgespielt, hinten deckt Veljkovic einen imaginären Gegner am ersten Pfosten, während Plea sich in seinem Rücken absetzt. Hecking frohlockt: „Das war unser am schönsten herausgespieltes Tor in dieser Saison.“ Ein schwacher Trost für Werder.

Es war das 19. Gegentor, in der Defensiv-Tabelle der Liga ist die untere Hälfte erreicht. Gelingt es nicht, die zahlreichen kleinen Fehler abzustellen, droht dieses Schicksal auch in der Gesamtwertung. Denn die Gegentorflut ist – genau wie die Top-Werte zum Saisonstart – kein Zufall. Das Ziel, unter 40 zu bleiben, wird nur ganz schwer noch zu erreichen sein.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+