Aufschwung bei Werder Bremen

Alle lieben Viktor Skripnik

Zwei Spiele, zwei Siege: Viktor Skripnik hat dafür gesorgt, dass Werder Bremen wieder lebt. Der neue Trainer setzt - zumindest vorerst - auf das kleine Einmaleins des Fußballs.
03.11.2014, 04:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Alle lieben Viktor Skripnik
Von Marc Hagedorn
Alle lieben Viktor Skripnik

Klare Ansagen: Viktor Skripnik gibt die Richtung vor.

nordphoto

Es gibt eine Szene aus dem Fußballerleben von Viktor Skripnik, die eine Menge über den neuen Werder-Trainer verrät. Es passierte im März 2002 in einem Bundesligaspiel in Nürnberg. Werders linker Außenverteidiger Skripnik düste die Seitenlinie entlang dem Ball hinterher. Erst knapp hinter der Torauslinie erreichte Skripnik den Ball, schaffte es aber trotzdem irgendwie, von hier aus ins Tor zu treffen. Dieser Schuss in Nürnberg war ein Kunststück, auch wenn der Treffer am Ende nicht zählte.

In Bremen ist es gerade an der Zeit, dass man wieder ein bisschen Zauberei von Viktor Skripnik erwartet. Er soll Werder als Cheftrainer in der Bundesliga zum Klassenerhalt führen. Nach seinem ersten Spiel hat es immerhin schon mal mit dem ersten Saisonsieg geklappt. Den „Beckham der Ukraine“ nannten sie Skripnik zu seiner aktiven Zeit, aber das war ironisch gemeint, denn mit dem eleganten Spice-Boy und Foto-Model aus England hatte Skripnik nun wirklich nicht viel gemein. Skripnik wirkte Zeit seiner Fußballer-Karriere viel eher wie ein Anti-Beckham. Solide bis unauffällig, aber sehr, sehr zuverlässig.

Man sollte sich jedoch nicht täuschen lassen, man darf Viktor Skripnik nicht unterschätzen. Er hat es mit Ausdauer und Zielstrebigkeit auf eine lange Karriere als Nationalspieler und Bundesliga-Profi gebracht, und auffällig viele Werder-Spieler betonen diesen Aspekt, wenn man sie nach den Vorzügen des neuen Trainers fragt. „Er war Abwehrspieler“, sagt Innenverteidiger Alejandro Galvez, „er weiß, wie Abwehrspieler denken, was sie brauchen.“

Lesen Sie auch

Vergleiche mit dem Vorgänger sind nach Trainerentlassungen unvermeidbar, auch wenn sie den Beteiligten meist unangenehm sind, weil es immer ein bisschen so aussieht, als mache der Neue alles besser als der Alte, der damit im Grunde eine Niete gewesen sein muss. Über Robin Dutt sprechen die Werder-Profis nach wie vor mit echter Sympathie und Anerkennung. Kapitän Clemens Fritz etwa vergaß nicht, auch Dutt einen Anteil am 2:1-Sieg in Mainz zuzusprechen. Und Rouven Schröder, Direktor Profifußball, sagte: „Ich will unsere Entwicklung nicht nach vorher und nachher bewerten.“

Indirekt tun es die meisten Beobachter dann aber doch. „Der Trainer impft uns frisches Blut ein“, sagt Mittelfeldspieler Zlatko Junuzovic. „Wir spielen vielleicht etwas mutiger“, sagt Felix Kroos. „Er hat eine klare Ansprache“, sagt Fin Bartels. Bei Robin Dutt wirkte jede Veränderung am Ende vergeblich. Bei Skripnik wendeten sich die Dinge nun binnen weniger Tage schon zum zweiten Mal ins Gute, ohne dass man es abschließend und erschöpfend erklären kann.

Im DFB-Pokal schießt der Chemnitzer Fink beim Stand von 0:0 an den Pfosten, und es gibt nicht wenige Leute, die überzeugt sind, dass der Ball unter dem Cheftrainer Robin Dutt bestimmt zum 0:1 im Bremer Tor gelandet wäre. Oder die erste Halbzeit von Mainz. 30 Minuten lang schaffte es Werder tatsächlich, noch schlechter als zuletzt unter Dutt zu spielen. Der Schaden hielt sich mit einem 0:1-Rückstand dennoch in Grenzen. Werder hatte sogar so viel Glück, dass es kurz vor der Pause dann auch noch einen strittigen Elfmeter bekam – und fortan lief das Spiel.

Lesen Sie auch

Viktor Skripnik glückt eine ganze Menge zurzeit. Seine personellen Umstellungen machen sich bezahlt. Galvez hinten innen, mal Izet Hajrovic, mal Bartels als zweite Spitze, mal Ludovic Obraniak, mal Levent Aycicek zentral in der Raute, die er im Mittelfeld bevorzugt – es ist nie zum Schaden des Ganzen. Skripnik scheint der rechte Mann zur rechten Zeit am rechten Platz zu sein.

Es wird zurzeit viel von dem Trainerteam Viktor Skripnik/Torsten Frings geschrieben und geredet, und die gängigste Deutung ihrer Zusammenarbeit besagt, dass Skripnik der Mann für die Taktik, Neudeutsch für den Matchplan sei, während Klub-Ikone Frings für die richtige Ansprache und die Ausstrahlung zuständig sei. Doch das stimmt nicht. Skripnik ist eindeutig der Chef im Team.

Lesen Sie auch

Seine Ansprachen an die Mannschaft sind klar und direkt. Jeder Ohrenzeuge, der Skripnik auf dem Trainingsplatz erlebt hat, kann das bestätigen. Skripnik macht den Fußball nicht größer und komplizierter als er ist, nicht wissenschaftlicher als nötig. Er geht in Mannschaftssitzungen nicht akribisch Videosequenz um Videosequenz durch, er arbeitet nicht ständig mit Beamer und Power-Point. Er setzt – zumindest für den Moment – auf das kleine Einmaleins des Fußballs. „Die Jungs können ja Fußball spielen“, sagt Rouven Schröder.

Und was sagt Viktor Skripnik? Er bleibt bescheiden. „Vielleicht erleben wir im Moment nur eine emotionale Reaktion“, sagte er nach seinem zweiten Sieg im zweiten Spiel, „wir sehen auch noch viele Defizite.“ Viktor Skripnik weiß, wovon er spricht. Wunder dauern für gewöhnlich länger. In besagtem Bundesliga-Spiel gegen Nürnberg vom Textanfang lief für Werder trotz des 4:0-Sieges längst nicht alles glatt. Kurz vor Schluss vergab Werder einen Elfmeter. Der Name des Fehlschützen: Viktor Skripnik.

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+