Werder Bremen Allofs setzt nach Pizarro-Weggang auf Petersen

Bremen. Nach der Ankündigung von Claudio Pizarro, Werder Bremen verlassen zu wollen, steht Klaus Allofs vor einer Herausforderung. Der gesamte A-Sturm ist weg. Der Werder-Manager setzt nun ganz auf die Verpflichtung von Bayern-Stürmer Nils Petersen.
16.05.2012, 05:00
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Allofs setzt nach Pizarro-Weggang auf Petersen
Von Olaf Dorow

Bremen. Am Mittag hatte Werders Trainer noch eine Art Ultimatum formuliert. Claudio Pizarro müsse sich demnächst entscheiden, ob er bleiben oder gehen wolle. Sonst würde der Verein reagieren – und sein Angebot zurückziehen. Die Entscheidung nahm Pizarro Werder ab. Er sagte dem Verein ab.

Thomas Schaaf hat am Dienstag im Zusammenhang mit Claudio Pizarro ein Wort gesagt, das zwar im Duden steht, das aber ein böses Wort ist. Es ist sozusagen die Mutter aller Schimpfworte, und auf Anlässen wie diesem geht man sehr sparsam damit um. Werders Trainer saß im Weserstadion in einer Presserunde mit sechs Journalisten. Es ging um die letzte und auch um die nächste Saison, und als es um Pizarro ging, fiel das Wort "Scheiße".

Dabei war das gar nicht der Kommentar zu einer Nachricht, die kein Trainer dieser Welt gut gefunden hätte. Der beste Stürmer geht. Claudio Pizarro verlässt Werder Bremen. Als Schaaf mit den Reportern zusammensaß, existierte die Nachricht noch gar nicht. Es war um die Mittagszeit herum, und man saß auf der Ostseite der Arena. Zeitgleich saßen auf der Nordseite Manager Klaus Allofs und Claudio Pizarro zusammen. Schaaf war verhindert, weil er ja mit den Reportern verabredet war.

Er habe sich ja recht optimistisch gezeigt, was den Verbleib des großen Angreifers anbelangt, fragte man den Trainer. "Hätte ich sagen sollen: ’Mein Gefühl sagt, er geht weg’?", fragte Schaaf und beantwortete das gleich selbst: "Das wär’ Scheiße." Und wenn bis nächste Woche, wenn Pizarro nach Peru fliegt, immer noch keine Entscheidung gefallen wäre? "Das wär’ auch Scheiße", sagte Schaaf. Dann müsste der Verein eine Entscheidung fällen. Das heißt, sein Angebot zurückziehen. Damit hatte Schaaf nicht weniger als ein Ultimatum formuliert.

Parallel dazu auf der Nordseite verlor das Ultimatum gerade seinen Sinn. Pizarro sagte ab. Er ist der dienstälteste, erfahrenste, erfolgreichste, bestverdienende, namhafteste und torgefährlichste Werder-Spieler. Und der süßeste, werden viele weibliche Fans ergänzen wollen. "Das war eine ganz schwierige Entscheidung für mich, denn ich empfinde eine große Liebe für die Mannschaft und diesen Klub. Aber ich möchte gegen Ende meiner Karriere noch einmal etwas anderes machen", wurde er später auf der Homepage des Klubs zitiert. Heute will er sich auf einer Pressekonferenz äußern. Seinen neuen Arbeitgeber könne er noch nicht nennen. "Ich habe einige Angebote, die ich noch prüfe", sagte er auf der Homepage.

Thomas Schaaf kommt dort natürlich auch vor. Nach dem Pressetermin eilte er in Allofs’ Büro. "Wir müssen diese Entscheidung akzeptieren. Ich hätte gern noch weiter mit ihm gearbeitet", wird er zitiert. Es sei aber auch gut, dass nun die Planungen für die nächste Saison vorangetrieben werden könne. "Wir werden jetzt nach attraktiven Lösungen suchen." Das war die politisch korrekte Kommentierung. Die Risiken und Nebenwirkungen von Werders großem Aderlass lassen manch einen jetzt schon schwindlig werden, auch wenn noch nichts passiert ist. Die neue Saison fordert Werder erst in drei Monaten mit Pflichtspielterminen.

Nach Wiese und Marin geht mit Pizarro nun der nächste namhafte Spieler. Immer wieder hatten zuletzt die Trainer der Werder-Gegner davor gewarnt, dass vor allem Pizarro eine Gefahr sei. Diese Werder-Waffe gibt es nun nicht mehr. So wie es den gesamten A-Sturm nicht mehr gibt, weil auch Markus Rosenberg geht. Beziehungsweise gehen muss. Werder muss sich komplett neu erfinden und kann dabei alles andere als aus dem Vollen schöpfen. "Ausverkauf in Bremen geht weiter", titelte die deutsche Presse-Agentur.

"Unser Umbruch ist so noch etwas deutlicher. Wir können einen Weltklasse-Stürmer wie Claudio Pizarro sicher nicht eins zu eins ersetzen", sagte gestern Klaus Allofs. Er sagte auch, dass er es "positiv sehen" würde. Es würden "sich aus seinem Abgang für uns neue Möglichkeiten" ergeben. Derzeit bemüht sich Werder, den Transfer des Bayern-Stürmers Nils Petersen nach Bremen einzutüten.

Claudio Pizarro ist, nein: war, muss es ja jetzt heißen, einer der wenigen Werderaner, die zurückkehrten nach Bremen und genauso stark waren wie beim schmerzvollen Abgang. Er war noch immer ein Star. Er war eigentlich immer ein Star. Selten hat ein Fußballer das über einen solch langen Zeitraum geschafft. Es dauerte einst im Spätsommer 1999 nur ein paar Tage, bis sein Trikot im Fanshop ausverkauft war. Er kam geografisch aus den Anden und fußballerisch aus dem Nichts, um sofort der Liebling von ganz Bremen zu sein. Als er 2001 zu den Bayern wechselte, kassierte Werder rund acht Millionen Euro. Das war damals ungemein viel Geld und trug dazu bei, dass Werder sich ein Jahr später Johan Micoud leisten konnte. Die goldenen Jahre begannen.

Als Pizarro 2008 heimkehrte, war zwar Micoud nicht mehr Spielmacher. Aber es gab noch Diego und gab schon Özil und es war sehr golden. 2009 holte Werder den Pokal und beinahe auch den Uefa-Pokal. Doch den schleichenden Niedergang hin zu einem Fast-Absteiger und zur schlechtesten Rückrunde aller Zeiten konnte auch Pizarro nicht aufhalten. Wenn er diesmal geht, kassiert Werder nichts. Er geht ablösefrei. Was bleibt, ist eine große Lücke.

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