Werder enttäuscht in Berlin

Am Plan vorbei

Werder bleibt zwar ungeschlagen im Jahr 2019, kommt in der Tabelle aber nicht voran. Florian Kohfeldt kritisiert seine Mannschaft für die Leistung gegen Hertha BSC, ohne sie an die Wand zu nageln.
17.02.2019, 17:27
Lesedauer: 4 Min
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Von Jannik Sorgatz
Am Plan vorbei
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Die Nachrufe auf die beeindruckende Tor-Serie waren so gut wie geschrieben. In 22 Bundesligaspielen hintereinander hatte Werder getroffen, zuletzt hielt die Treffersicherheit vor 15 Jahren länger an. Nun waren 95 Minuten rum gegen Hertha BSC, beide Mannschaften hatten sich durch die Nachspielzeit gerudelbildet, die Gastgeber führten im Berliner Olympiastadion weiter mit 1:0. Doch noch eine Chance sollte es geben für Werder, Claudio Pizarro nahm sich der Sache aus 18 Metern an, wo der Ball zum Freistoß bereitlag. Einen Schuss des Peruaners und mehrere Berliner Beinberührungen später rollte der Ball tatsächlich über die Linie – und die Nachrufe auf die Tor-Serie konnten mit dem 1:1 eingestampft werden.

Werder bleibt also dank des historischen Pizarro-Tores die einzige Bundesliga-Mannschaft, die in jedem Saisonspiel erfolgreich war. Nicht nur weil es so spät fiel, waren die Bremer der ungewollten Null noch nie so nah gewesen. Lediglich zwei Schüsse bekam Herthas Keeper Rune Jarstein am Sonnabend auf sein Tor, einen halbwegs harmlosen von Milot Rashica direkt nach der Pause und Pizarros abgefälschten Freistoß mit der letzten Aktion des Spiels. „Die erste Halbzeit war schlecht. Die zweite war besser, aber immer noch nicht richtig gut“, sagte ein selbstkritischer Maximilian Eggestein. „Deshalb müssen wir mit dem Punkt leben, der war wichtig für die Moral.“

Trainer Florian Kohfeldt ging betont differenziert an die Bewertung seiner Mannschaft heran. „Ich will hier nicht zur großen Kritik ansetzen, das wäre verrückt. Wir haben zuletzt vor zwei Monaten verloren. So vermessen sollten wir nicht sein. Sonst müssen wir uns leider rote Trikots anziehen, auf denen Bayern München steht. Aber das will ich nicht“, sagte er. So wurde es eine mittelgroße Kritik, aus der sich Kohfeldt selbst – anders als nach dem enttäuschenden 1:1 beim 1. FC Nürnberg vor zwei Wochen – herausnahm. „In Nürnberg war der Plan vielleicht nicht so gut. Heute kann ich nicht einmal sagen, ob der Plan gut war, weil wir ihn nicht umgesetzt haben“, sagte er.

Mannschaft setzt Vorgaben nicht um

Die erwarteten Räume habe Werder vorgefunden, aber nicht korrekt angespielt. „Die Jungs haben nicht das gemacht, was wir taktisch besprochen haben“, erklärte Kohfeldt, der auf die Frage nach dem Warum kurz nach dem Spiel noch keine Antwort fand. Positives konnte er jedoch der Moral seiner Mannschaft abgewinnen. „Es gab Zeiten, da haben wir solche Spiele definitiv verloren. Jetzt kann man sagen, dass es die 96. Minute war. Aber wir haben zumindest die gesamte Zeit versucht, etwas fürs Spiel zu machen“, sagte er. „Der Gegner hat versucht, es zu zerstören und zu kontern. Wir müssen daran arbeiten, dass wir wieder besser Fußball spielen, um so einen Gegner zu bestrafen.“

Dass Werder ganz ordentlich angefangen hatte in Berlin, war da schon fast in Vergessenheit geraten. Maximilian Eggestein bediente Milot Rashica, doch der lag mit seiner Entscheidungsfindung nicht so goldrichtig wie noch in der Vorwoche beim 4:0 gegen den FC Augsburg. In der 16. Minute wurde Davy Klaassen von Max Kruse auf die Reise hinter die Hertha-Abwehr geschickt, aber knapp vor dem Strafraum von Niklas Stark gestoppt. Eine klare Gelbe Karte, mit seiner Ball-gespielt-Geste lag Schiedsrichter Sören Storks falsch. Dass Stark nach einem harten Foul an Rashica kurz darauf wieder ohne Karte davonkam, war dagegen noch schwerer zu glauben.

Ausgleich passt ins Bild

„Wenn du so verteidigst wie Hertha, ist es so lange erlaubt, wie es der Schiedsrichter erlaubt. Es war hart und mit dieser Härte sind wir nicht so richtig klargekommen. Danach haben wir nicht mehr so Fußball gespielt, wie wir wollten. Ob das der Grund war, weiß ich nicht“, sagte Kohfeldt, der Storks‘ großzügige Linie auf seiner Problemliste ganz unten notieren wollte. „Das größte Problem war, dass wir es nicht geschafft haben, uns zielstrebig Chancen herauszuspielen.“ Wie der Ausgleich letztendlich zustande kam, passte ins Bild der 95 Minuten zuvor.

Zwei Siege und drei Unentschieden stehen für Werder nach der Winterpause zu Buche, im Vergleich zur Ausbeute der Hinrunde liegt die Mannschaft nun zwei Punkte im Minus, kann sich mit einem Sieg gegen den VfB Stuttgart am kommenden Freitag aber in den Plusbereich hieven. „Wir sind ungeschlagen in diesem Jahr, das wollen wir nicht vergessen. Aber der Ausgleich streut mir auch keinen Sand in die Augen“, sagte Kohfeldt. Tatsächlich teilte er die Ekstase seiner Spieler und der Männer neben ihm auf der Bank bei Pizarros Rekord-Tor mit Abstrichen. Zu groß war der Ärger über eine uninspirierte Leistung. Bei einer 0:1-Niederlage wäre seine Analyse deshalb nicht anders ausgefallen, betonte Kohfeldt, „aber jetzt haben wir einen Punkt mehr. Ergebnistechnisch ist das kein Schaden, sondern ein Auswärtspunkt in Berlin.“

Das Unentschieden sorgt dafür, dass Werder weiter im Bus der Europapokal-Kandidaten sitzt, aber als Zehnter eben ganz hinten. Auf dem Weg zur Schule ist das cool, in der Tabelle könnte es cooler sein. Dafür ist das Alleinstellungsmerkmal, immer getroffen zu haben, in letzter Sekunde gerettet worden. „Wir hören nie auf, dran zu glauben“, sagte Kohfeldt. „Ich bin schon sehr zufrieden, dass meine Mannschaft für so etwas steht.“

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