Zurückgeblättert: 26. November 1993

„Am Thron des Meisters zeigen sich Risse“

Seit 1963 spielt Werder in der Bundesliga, mehr als fünf Jahrzehnte, in denen sich im Fußball, bei Werder und in der Berichterstattung viel verändert hat. Mein Werder zeigt die Originaltexte und Zeitungsseiten.
26.11.2018, 09:43
Lesedauer: 3 Min
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Von (mw)

Der WESER-KURIER schrieb am 26. November 1993:

Genau vier Wochen zu früh war Klaus-Dieter Fischer plötzlich nach dem Fest der Freude zumute. „Höchste Zeit, daß es Weihnachten wird und die Fußballpause kommt„, sagte Werders Vizepräsident am späten Abend des 24. November, hoch oben auf der Tribüne des „Estadio das Antas“ von Porto. Minuten vorher war dort mit der 2:3-Niederlage der so sehnliche Wunsch aller Werderaner nach Bescherung mal wieder enttäuscht worden, der deutsche Meister steht nach mageren Bundesliga-Wochen vorerst auch in der so heiß ersehnten „Champions League„ mit leeren Händen da. Und Werders Delegationsleiter in Portugal befürchtete weiteres Ungemach: „Es sieht so aus, als ob der Tanz auf drei Hochzeiten doch zuviel würde.“

Morgen in Stuttgart geht der Bundesligatanz weiter, am Dienstag wird zum Pokal- Viertelfinale gegen den 1. FC Kaiserslautern aufgespielt. Das Ringen ums erlösende Erfolgserlebnis droht immer verkrampfter zu werden, nach der nur scheinbar glimpflichen 2:3-Pleite von Porto wurde so deutlich wie nie zuvor in diesen Wochen: Die einstmals heile Welt des deutschen Meisters, sie hat deutliche Risse bekommen. Bei Werder ist nicht mehr alles so wie es war. „Es ist Zeit für eine Aussprache, wir sollten uns zusammensetzen„, sagte plötzlich Andreas Herzog. Worüber zu sprechen ist, mochte er dann nicht mehr erzählen, doch über die Zielrichtung sind sich auch andere Werder-Profis einig: „Wir müssen wieder eine geschlossene Mannschaft werden.“

Wie das? Otto Rehhagels Recken, seit Jahren Inbegriff fußballerischer Eintracht und Harmonie, hat sie etwa der heimtückische Bazillus der Spaltung und Grüppchenbildung befallen? Natürlich war dafür keine offizielle Bestätigung zu erhalten, doch Beobachtungen und Bemerkungen in Porto lieferten Indizien. Noch nie habe er erlebt, daß ein Torschütze nicht beglückwünscht worden sei, wunderte sich etwa Peter Elstner aus Österreich nach den Bremer Treffern. Und der Fernsehmann vom ORF, ein Wegbegleiter seines Landsmanns Andreas Herzog durch dessen Profijahre, war überzeugt: „Andy ist nicht der einzige, der bei Werder unzufrieden ist."

Dann gab es den folgenschweren Fall von Befehlsverweigerung zu diskutieren, so geschehen in der 9. Minute, direkt nach dem 0:1. Da bekamen die Bremer einen indirekten Freistoß zugesprochen, direkt am portugiesischen Torraum, nur ein halbes Dutzend Schritte vor der Torlinie. Eine sichere Sache für eine professionell zu Werke gehende Mannschaft, sollte man meinen, doch die Bremer vergaben amateurhaft. „Abgesprochen war eine ganz andere Variante, aber die Spieler haben sich nicht daran gehalten", schimpfte Otto Rehhagel später. Schuldige mochte er nicht nennen, brauchte er aber auch nicht. Denn jeder hatte gesehen, daß Dieter Eilts später heftig von Mannschaftskameraden beschimpft worden war, weil er den Ball dem kopflos drauflos ballernden Legat zugeschoben hatte. Vorgesehen war: Rufer sollte passen und Basler schießen.

Es war beileibe nicht der einzige Fehler des Thorsten Legat in Porto, wo viele Bremer Fans hinterher meinten, es sei Rehhagels größter Fehler gewesen, ihn überhaupt aufzustellen. Denn Werders Spieler mit der größten Kraft war zu schwach, die Kreise des Bulgaren Kostadinow auf der linken Abwehrseite einzuengen. Beide Tore der ersten Halbzeit hatten dort ihren Ausgangspunkt, und da spielte es letztlich keine Rolle, daß die Schüsse sehr glücklich ihr Ziel fanden; Werders Abwehrloch lag links, mit Tendenz zur Mitte: „Habt ihr gesehen, wie oft ich alleine hinter Kostadinow herrennen mußte?", fragte später entrüstet Rune Bratseth, als Libero eigentlich nur für gelegentliche Not-Situationen zuständig.

Doch die Not war oft groß beim Meister, der Durchblick nicht nur abhanden gekommen, als für 18 Minuten das Flutlicht im „Estadio das Antas„ ausgefallen war. „Grauenhaft, wenn man die Probleme sieht und nicht helfen kann“, klagte auf der Tribüne der gesperrte Uli Borowka, der kurz vor Schluß noch seinen Nebenmann verlor: Vizepräsident Fischer mochte nicht mehr hinsehen und stand auf, als die Portugiesen in der 81. Minute das 3:0 geschossen hatten, noch ein Desaster zu befürchten war.

Zwar hieß es beim Schlußpfiff lediglich 2:3, doch der Verlierer akzeptierte die Begründung von Porto-Trainer Ivic ohne Widerspruch. „Wir haben zu früh aufgehört zu spielen, wir waren vom Sonntag wohl noch etwas müde„, sagte der Serbe und verkündete: „Wäre es auf Tore angekommen, hätten wir viel höher gewonnen.“ Daß er dann anschließend versicherte, Werder sei dennoch stärker als Mailand und Barcelona, entlockte selbst Otto Rehhagel ein lebhaftes und durchaus verständliches Dementi: Wer den Schaden hat, braucht schließlich nicht auch noch den Spott einzustecken.

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