Werder-Gegner Bielefeld in der Analyse Alles bleibt anders

Arminia Bielefeld hat es mit „seinem“ Fußball in der Bundesliga versucht und drohte spektakulär zu scheitern. Trainer Uwe Neuhaus reagierte sofort - seitdem ist die Arminia eine der Überraschungen der Saison.
05.02.2021, 10:27
Lesedauer: 3 Min
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Von Stefan Rommel

Frankfurt, Stuttgart, der FC Union, vielleicht auch Freiburg: Das sind die positiven Überraschungen der bisherigen Bundesliga-Saison. Mannschaften, die es im Zwischenklassement erstaunlich weit nach vorne geschafft haben und teilweise deutlich über den Erwartungen der meisten Experten platziert sind.

Von Arminia Bielefeld redet in diesem Zusammenhang niemand. Das mag an der prekären Lage der Mannschaft liegen, Bielefeld belegt derzeit den Relegationsplatz. Und am eher unspektakulären Fußball einer Mannschaft mit eher unspektakulären Spielern. Und an der Tatsache, dass der andere Aufsteiger aus Stuttgart - den die Arminia in der zweiten Liga noch geradezu deklassierte - sechs Plätze besser steht und mit dem Abstiegskampf wohl nicht mehr viel zu tun haben wird.

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Aber 17 Punkte nach 19 Partien zu erspielen, mit dieser Mannschaft und diesen Voraussetzungen am kleinsten Standort der Liga: Das ist doch sehr außergewöhnlich. Bielefeld hat bei allem Respekt vor dem Klub den schwächsten Kader der Liga. Torhüter Stefan Ortega hat gehobenes Format, dazu kommen ein paar interessante jüngere Spieler, natürlich Fabian Klos oder der ausgeliehene Ritsu Doan. Aber das Gros der Mannschaft besteht aus Spielern, die kaum zufällig zuvor noch keine Minute in der Bundesliga gespielt hatten.

Die Tormaschine der letzten Zweitliga-Saison (65 Treffer) stößt eine Klasse höher an ihre Grenzen. 15 Tore sind zusammen mit Schalke der schwächste Wert der Liga - damit aber schon fünf Siege einzufahren und damit so viele wie Werder, spricht schon wieder für eine erstaunliche Effizienz. Der Schlüssel zum Erfolg ist der ausgeprägte Pragmatismus von Trainer Uwe Neuhaus. Der formte mit einem sehr ansprechenden Fußball aus einem Abstiegskandidaten der zweiten Liga in kürzester Zeit einen Bundesligisten.

Weniger Dominanz, mehr Pragmatismus

Zu Beginn der Saison versuchte Neuhaus, seinen Plan einfach eins zu eins eine Klasse höher zu implementieren und holte sich eine blutige Nase. Nach einem guten Frühstart gingen sieben Spiele in Folge verloren und Neuhaus modifizierte einige seiner Prinzipien. Bielefeld hatte immer einen sehr guten Mix aus tiefen Aufbauelementen, mit einer flachen, riskanten Zirkulation in der ersten Linie und langen Bällen in die Spitze.

Die Mannschaft war meisterhaft darin, den Gegner so ins Pressing und damit hoch ins Feld zu locken, dass in der Tiefe viel Platz entstand, der dann bespielbar wurde. Abstände, Positionen, Ballvortrag: Das war im Positionsspiel alles klar und sauber strukturiert und organisiert. Mit Ortega als einem der besten spielenden Keeper der Liga kann Bielefeld auch jetzt noch den Gegner anlocken und bei Bedarf flach durchs Pressing kombinieren. Waren diese Situationen im Herbst aber noch die Regel, wurden sie im Verlauf der letzten Wochen und Monate eher zur Ausnahme.

Die Bewegungsdynamik im Mittelfeld mit einem abkippenden Sechser zum Aufbau und zwei hochstehenden Achtern hat teilweise deutlich abgenommen. Die Grundordnung mit einem tiefen Block im Aufbau und fünf, sechs höher postierten Spielern für den langen Ball ist seltener geworden. Stattdessen hat Neuhaus vom dafür perfekten 4-3-3 auf ein konservatives flaches 4-4-2 umgestellt und hält seinen Zentrumsblock kompakt zusammen. Damit lässt sich noch tiefer und enger verteidigen und geht die Jagd auf zweite Bälle als Folge der vermehrt langen Bälle ins Angriffszentrum leichter von der Hand.

Aus Plan B wird Plan A

Aus dem ehemaligen Plan B, dem langen Ball übers gegnerische Pressing direkt in die Spitze auf Klos als Wandspieler, ist der aktuelle Plan A geworden. Bielefeld funktioniert also im Grunde zwar immer noch nach den alten Inhalten, hat diese aber neu aufeinander abgestimmt. Die Mannschaft hält sich nicht mehr so lange in der eigenen Spielfeldhälfte auf, was wohl eine Reaktion auf das deutlich bessere Pressing der Gegner und deren individuelle Qualität ist. Und wenn das Thema Ballsicherheit zu Beginn der Saison noch eins sehr großes war, ist es mittlerweile nur noch ein eher unwichtige Randnotiz. Das Bielefelder Spiel wirkt nun nicht mehr so gepflegt, eher etwas schmuddelig. Aber ist nicht genau aus diesem Stoff in der Regel der Klassenerhalt eines Aufsteigers gemacht?

Die neue Herangehensweise der Arminia haut nicht immer hin, ab und an bezieht die Truppe auch ganz fürchterliche Prügel. Aber die Regel sind Spiele, in denen wegen des stärker ausgeprägten Sicherheitsgedankens wenige Tore fallen und die Arminia zumindest auf Augenhöhe mit dem Gegner agiert. Vor den jüngsten beiden Niederlagen gegen Frankfurt und in Köln gab es zehn Partien, in denen höchstens drei Tore fielen und von denen Bielefeld vier Siege und ein Remis einfuhr. Das allein sollte Warnung genug sein für Werder.

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