Anfangs schwieriger Start bei Werder Alles noch ziemlich undurchsichtig

Die ersten beiden Trainingseinheiten hat Markus Anfang bei Werder hinter sich. Nach den ersten Eindrücken zeigte sich der neue Coach zufrieden und schilderte seine Prioritäten für die Zweitliga-Saison.
20.06.2021, 18:31
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Von Daniel Cottäus

Die Einheit war so gut wie vorbei, als sich die Mittagshitze am Sonntag mehr und mehr über „Platz 11“ breitmachte – und Markus Anfang in Richtung seiner neuen Mannschaft rief: „Wenn ihr noch so viel reden könnt, müsst ihr ja noch reichlich Luft haben!“ Das breite Lächeln, das dabei über das Gesicht des Werder-Trainers huschte, verriet, dass er mehr frotzeln denn ernsthaft kritisieren wollte. Und tatsächlich: Kurz darauf war Schluss, und Anfang ging auch nach seinem zweiten Training – einen Tag nach dem Auftakt am Samstag – sichtlich zufrieden vom Platz.

„Ich bin mit einem guten Gefühl gestartet. Die Jungs haben Spaß und geben Gas. Es ist alles in bester Ordnung“, sagte der 47-Jährige später zu Beginn einer Medienrunde und klang dabei im ersten Moment wie ein Trainer, der wunschlos glücklich ist. Was natürlich nicht zutrifft. Anfangs Startbedingungen in Bremen sind äußerst kompliziert, weil er zum jetzigen Zeitpunkt höchstens erahnen kann, wie seine fertige Mannschaft nach Ende der Transferphase einmal aussehen wird. „Die Arbeit macht das insofern schwieriger, weil wir nicht wissen, wer später noch hier ist, oder wen wir noch dazubekommen können“, sagte Anfang und sprach von einer „Ausnahmesituation“. Training im Trüben könnte man auch dazu sagen. Anfang ist aber bemüht, genau das als Chance für sich und sein Team umzudeuten.

Werders Grundproblem nach dem Abstieg ist hinlänglich beschrieben worden: Für die 2. Liga muss der Kader im großen Stil umgebaut werden, wofür aber schlicht das Geld fehlt. Erst wenn Profis (möglichst teuer) verkauft werden, kann Werder personell nachlegen. Zwar verweist Sportchef Frank Baumann darauf, auch jetzt schon „in einem überschaubaren Rahmen“ handlungsfähig zu sein – er betont aber auch: „Unsere wirtschaftliche Situation ist ja bekannt. Es ist schon so, dass wir erstmal Transfererlöse erzielen müssen.“ Weil das aber nach wie vor – auch wegen eines noch sehr trägen Transfermarktes – auf sich warten lässt, offenbart sich dem neuen Cheftrainer eine, sagen wir, unerfreuliche Situation. Viele Akteure, denen er während der Vorbereitung nun seine Spielidee näherbringt, werden bald weg, andere dafür, die diese Idee noch nicht kennen, irgendwann da sein. Was zur Folge hat, dass sich Anfang in seinen ersten Bremer Wochen fühlen dürfte wie ein Sisyphos an der Seitenlinie.

„Wir müssen aber trotzdem unsere Inhalte an die Jungs vermitteln und werden unser Programm durchziehen. Es ist ja auch nicht so, dass alle Spieler weggehen“, sagte Anfang, der darauf setzt, dass diejenigen, die bleiben, später zu einer Art Hilfslehrer seiner Spielidee werden und die neuen Kollegen auf dem Platz anweisen. 

Ähnlich wie schon Sportchef Baumann wich der neue Coach der Frage aus, welche Profis aus dem bestehenden Aufgebot denn schon Grünes Licht für die 2. Liga gegeben haben: „Ich bin natürlich in der Kommunikation mit den Spielern, aber soweit, dass wir sagen könnten: ,Der bleibt, oder der geht', sind wir einfach noch nicht.“

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Baumann hatte erst am Samstag erklärt, dass es „zahlreiche“ Spieler gäbe, die intern zugesagt hätten, dass sie nach dem Abstieg am Projekt „Wiederaufstieg“ mitwirken wollen, war aber jeglichen Namen schuldig geblieben, was man sowohl als verwunderlich, aber auch als verständlich einordnen kann. Verwunderlich, weil Werder beispielsweise mit der Nachricht „Füllkrug bleibt!“ für eine Aufbruchstimmung sorgen könnte, die außerhalb des Weserstadions bisher kaum jemand verspürt. Aber eben auch verständlich, weil genau so eine Nachricht, zu früh in die Welt gesetzt, im Zweifel verhindert, dass für den Spieler urplötzlich doch noch ein Angebot reinkommt, dass die finanzschwachen Bremer nicht ablehnen können.

Gut möglich also, dass Anfang sehr wohl bereits weiß, mit wem er (ziemlich sicher) planen kann, es nur einfach noch nicht sagen möchte, um hinterher nicht unglücklich dazustehen. „Es kann ja auch passieren, dass für den einen oder anderen Spieler ein Angebot reinkommt, wir mit dem Spieler darüber sprechen, und er sich vielleicht verändern will, das jetzt aber noch gar nicht sagen kann, weil er dieses Angebot noch nicht hat“, erklärte der Coach. Und weiter: „Man muss jetzt ein bisschen abwarten. Der Faktor Zeit wird eine große Rolle spielen, was den Wiederaufbau und die Entwicklung der Mannschaft betrifft. Diesen Faktor können wir nicht einfach wegradieren.“

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Nun ist es in der Regel so, und auch Werder ist da keine Ausnahme, dass von Bundesliga-Absteigern direkt erwartet wird, dass sie im Unterhaus oben mitspielen, um möglichst schnell wieder aufzusteigen. Das haben sich auch die Bremer als Ziel gesetzt, und dennoch sind sie aus den beschriebenen Gründen gerade nicht in der Position, Kampfansagen vom Osterdeich in die Liga zu schicken. „Wir müssen erstmal etwas aufbauen, müssen Spieler bekommen, die wir besser machen können, sodass die Mannschaft besser wird und wir bessere Ergebnisse erzielen können“, beschrieb Anfang einen Prozess, der eher nach mittel- denn kurzfristiger Natur klang. „Wiederaufstieg ist der Schritt, der dann irgendwann auf der Zeitachse folgen wird. Ob das im ersten Jahr sofort umsetzbar ist? Natürlich wünschen wir uns alle den kurzfristigen Erfolg und verschließen uns dem auch nicht, aber dafür brauchen wir erstmal den Wiederaufbau, ein Gerüst, von dem wir sagen können: Jetzt können wir angreifen“, betonte Anfang und fasste zusammen: "Wenn wir jetzt den Wiederaufstieg vor den Wiederaufbau stellen, dann haben wir etwas verpasst."

Wie schon bei seiner Antritts-Pressekonferenz vor zwei Wochen strahlte der neue Coach auch am Sonntag glaubhaft aus, die Herausforderung Werder mit großer Lust und Energie anzugehen. „Wir haben hier jetzt eine Riesenchance, Dinge zu verändern, neu aufzubauen und umzustrukturieren“, sagte Anfang. „Natürlich haben wir noch keine Konstanz, was den Kader betrifft, aber das sorgt aber auch für die Möglichkeit, dass wir uns auf verschiedenen Positionen neu aufstellen können. Wenn du fest besetzt bist auf den Positionen, weil du laufende Verträge hast, dann kann es sein, dass du da keine Veränderung rein bekommst.“
Frank Baumann hatte in diesem Zusammenhang am Samstag von „frischem Blut, neuer Energie und Dynamik“ gesprochen, die sich Werder nach dem Abstieg in den Kader holen wolle. Bis das aber tatsächlich und vollumfänglich geklappt hat, wird wohl oder übel der neue Cheftrainer Markus Anfang diese Eigenschaften trotz aller Ungewissheiten nach außen transportieren müssen.    

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