Taktikanalyse zur 3:5-Pleite gegen Hoffenheim Anschauungsunterricht für Werder

Werder und Hoffenheim setzten auf einen stark veränderten Spielplan, aber nur der der Gäste ging auch vollends auf. Werders Ideen entpuppten sich als Bumerang. Unsere Taktikanalyse.
14.05.2017, 12:28
Lesedauer: 9 Min
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Von Stefan Rommel

Werder und Hoffenheim setzten auf einen stark veränderten Spielplan, aber nur der der Gäste ging auch vollends auf. Werders Ideen entpuppten sich als Bumerang. Unsere Taktikanalyse.

Werder-Coach Alexander Nouri veränderte seine Mannschaft im Vergleich zum Köln-Spiel personell auf zwei Positionen: Für den gesperrten Niklas Moisander rückte Maximilian Eggestein ins Team und Serge Gnabry bekam den Vorzug vor Florian Grillitsch. Theodor Gebre Selassie verteidigte wieder auf der linken Seite, Robert Bauer blieb wie schon gegen Köln auf dem rechten Flügel.

Es waren aber nicht die Protagonisten, die den großen Unterschied zu den letzten Wochen darstellten, sondern Werders Grundordnung. Nouri wollte Hoffenheim mit einem 4-4-2 mit Mittelfeldraute begegnen. Ohne Moisander und den verletzten Luca Caldirola gingen Werder schlicht die Innenverteidiger aus. Dass damit gleichzeitig auch noch zwei Linksfüße für den Spielaufbau fehlten, machte die Lage doppelt prekär.

Unter anderem deshalb entschied sich das Trainerteam für eine Viererkette in der letzten Linie. Zuletzt hatte Werder Anfang März gegen Darmstadt auf die Viererkette gesetzt, die Spiele danach alle im 3-1-4-2 bestritten.

Hoffenheim überrascht Werder

Das Problem: Hoffenheim tat Werder nicht den Gefallen und trat im gewohnten 3-1-4-2 an, sondern bereitete sich schon die ganze Trainingswoche über mit einer Viererkette im 4-3-3 auf den Gegner vor und setzte diese Grundordnung in der ersten halben Stunde auch auf dem Feld um.

Hoffenheim lief Werder hoch an, die Umstellungen in der Formation und beim Personal in Bremens Abwehrkette wollten sich die Gäste schnell zu Nutze machen und hatten damit Erfolg. Hoffenheim rückte mit den ballnahen Angreifern aggressiv auf die Innenverteidiger durch, baute so früh Druck auf und drückte die Aufbaulinie nach hinten.

Werder hatte deshalb ein großes Loch im zentralen Bereich, weil Eggestein weit zurückfiel, um beim Anspielen auszuhelfen, Delaney und Junuzovic auf den Halbpositionen aber hoch schoben. So wurde die Distanz im Aufbau zwischen den Mittelfeldspielern sehr groß und Hoffenheim kontrollierte diesen Raum - oder aber Werder spielte mit hohen, unkontrollierten Bällen darüber hinweg.

Selbst wenn die Gäste ihren Pressingdruck gar nicht durchzogen und nur andeuteten, spielte Werder hastige Bälle nach vorne. So fehlte es Werder an jeglicher Ballzirkulation, Dominanz oder wenigstens ein bisschen Sicherheit im Spiel.

Werder mit Problemen in allen Bereichen

Im Gegenteil: Von Beginn an konnte man bei Werder eine gewisse Unsicherheit in vielen Aktionen feststellen, das Selbstverständnis für und der Wohlfühlfaktor des 3-1-4-2 waren weg. Werder hatte in allen Bereichen des Spielfelds Probleme, im Aufbau, im Übergangsdrittel durch die schlechten Verbindungen der Mittelfeldspieler und im Angriffsdrittel, wo sich zwar gleich drei Spieler tummelten, alle drei aber kaum eingebunden waren.

Die eigentliche Hoffnung, mit der klaren Besetzung des Zehnerraums in der Raute eine zusätzliche Linie im Offensivspiel zu haben und dadurch saubere Übergänge im Spielvortrag bis ins Angriffsdrittel zu bekommen, erfüllte sich nicht.

Max Kruse hatte große Probleme, jene Räume zu finden, die ihn so schwer greifbar machen. Fast schien es, als würde ihm Serge Gnabry den Raum zwischen Mittelfeld und Angriff zulaufen, als könne sich Kruse nicht so frei bewegen wie gewohnt. Kruse, Gnabry und Fin Bartels, der einen ganz schwachen Tag erwischte, waren nahezu komplett abgemeldet.

Hoffenheim dagegen spielte trotz des ungewohnten Systems sein typisches Hoffenheimer Spiel. Ruhig im Aufbau, mit Kevin Vogt als drittem Aufbauspieler neben den beiden Innenverteidigern, mit hoch stehenden, wuchtig anschiebenden Außenverteidigern und einer enormen Ballsicherheit im Positions- und Kombinationsspiel.

Hoffenheim blieb die komplette erste Halbzeit für Werder nicht auszurechnen. Meist spielten die Gäste über die Flügel. Die stark anschiebenden Zuber und Kaderabek waren ein großes Problem für Werder, weil die Hoffenheimer in ihrer Vorwärtsbewegung nicht aufgenommen wurden und dann immer ein Fall für die Bremer Außenverteidiger waren - die aber schon mit Kramaric und Uth gut beschäftigt waren.

Veränderte Ausrichtung bereitet Hoffenheim keine Schwierigkeiten

Dann streute Hoffenheim plötzlich Angriffe mit Tempo durchs Zentrum ein, Ausgangspunkt vieler tiefer Zuspiele war der bärenstarke Vogt. Gerne wurde auch Szalai mit einem hohen Ball und für eine Ablage auf Uth oder Kramaric gesucht und gefunden. Der Raum neben dem einzigen Bremer Sechser Eggestein war ein steter Anlaufpunkt für die Angriffe der Gäste, diese Zone bespielte Hoffenheim sehr gut. Und weil die Kraichgauer immer wieder eine gute und schnelle Tiefe fanden, waren sie eine permanente Gefahr für das Bremer Tor.

Ohne den Sechserblock im Zentrum und in den Halbräumen mit der Dreierkette und davor dem Sechser flankiert von seinen beiden Achtern im gewohnten 3-1-4-2, fehlte Werder die nötige Kompaktheit, um der Hoffenheimer Ballfertigkeit so etwas wie Widerstand entgegenzustellen. Die Raute sollte dies im Zentrum eigentlich auffangen - Hoffenheim spielte aber meist einfach um das Zentrum herum und fand auf den Flügeln genug Platz, um von dort aus dann im Angriffsdrittel wieder in die Mitte zu spielen und torgefährlich zu werden.

Schnell wurde klar, dass Hoffenheim in einem gelernten Spielsystem daherkam, dass die Abläufe saßen und es der Mannschaft gar nichts ausmachte, in einer veränderten Ausrichtung anzutreten - was sie fundamental zu Werders Auftreten in der ersten Halbzeit unterschied. Die Bremer konnten sich überhaupt nicht auf den Gegner einstellen und hatten keine Idee, wie sie mit Hoffenheim umgehen sollten.

Nach elf Minuten stand es 0:2. Ein Tor fiel nach einem schnellen Hoffenheimer Angriff durchs Zentrum, das andere nach einem Umschaltmoment. Beim 0:1 presste Werder im Prinzip richtig, rannte sich aber im Mittelfeld in Person von Gnabry und Delaney gegenseitig über den Haufen und klärte einen einfachen Ball am eigenen Sechzehner nicht sauber (Sané).

Werder wird eiskalt erwischt

Beim 0:2 entschied Hoffenheim einen Gegenpressingmoment am rechten Flügel für sich. Auf der ballfernen Seite war Bauer - vielleicht aus Gewohnheit - auf Verdacht weit nach vorne aufgerückt und entblößte seine Abwehrseite. Hoffenheim verlagerte mit einem sauberen Pass auf links, Kramaric wurde von Sané nur unzureichend attackiert, Felix Wiedwald reagierte beim Schuss ins kurze Eck nicht schnell genug.

Bremen wurde von Hoffenheim mit den ersten beiden Torschüssen eiskalt erwischt - eine Effizienz, die man eigentlich von Werder in den letzten Spielen gewohnt war. Aber es gab auch Parallelen zum Köln-Spiel: Wieder führte der Gegner mit zwei Toren, ehe Werder selbst überhaupt zum ersten Abschluss kam. Wieder setzte es frühe Gegentore, 23 sind es mittlerweile in den ersten 30 Minuten einer Partie. Dazu war die Passquote ganz schwach (64 Prozent).

Nach einer halben Stunde stellte Hoffenheim wieder auf die angestammte 3-1-4-2-Grundordnung um. Die Gäste pressten jetzt nicht mehr so hoch und aggressiv, sondern verlagerten ihre Anlaufhöhe um die Mittellinie. Hoffenheim hatte nun noch mehr Absicherung und erstickte die zarten Bremer Offensivbemühungen damit im Keim.

Eigentlich hätte man diese Änderung von Nouri erwartet, der bis dahin mehrfach mit seinen Spielern an der Seitenlinie diskutieren und Anweisungen geben musste. Werders Trainer blieb seinem Plan aber bis zum Pausenpfiff treu - und kassierte kurz vor dem Wechsel sogar noch das 0:3.

Wieder konnte sich Hoffenheim aus einer umkämpften Situation am rechten Flügel befreien und verlagerte mit einem Diagonalball nach links. Werders Viererkette stand - gemessen an der Position des Balles - zu weit ins Zentrum eingerückt, Bauer attackierte Zuber nicht und der schlenzte diesmal unhaltbar ins lange Eck.

Werder fehlt die Aggressivität

Die strukturellen Unterschiede waren ein Grund für die schwächste Halbzeit seit langer Zeit unter Nouri. Ein anderer war noch viel profaner: Werder fehlte es an einer gesunden Grundaggressivität. Zweikampfstatistiken sind immer auch mit Vorsicht zu genießen, beziehungsweise bedarf es dabei einer subjektiven Einordnung. Aber an diesem Nachmittag machte allein schon die Menge an schlecht geführten direkten Duellen einen veritablen Unterschied zwischen beiden Mannschaften aus.

Werder musste gleich fünf Startspieler verkraften, die deutlich unter der 50-Prozent-Quote in den Zweikämpfen lagen: Gnabry (37,5 Prozent), Junuzovic (27,3), Delaney (25), Bartels (19) und Veljkovic (16,7). Bei Hoffenheims Startspielern hatte Steven Zuber mit 43,8 Prozent noch den schlechtesten Wert vorzuweisen.

In der Pause stellte Nouri auf das gewohnte 3-1-4-2 um. Bauer, Sané und Veljkovic (von rechts nach links) formierten sich nun zur Dreierkette in der Abwehr, Bartels rückte auf die rechte Außenbahn. Gnabry und Kruse bildeten den Zwei-Mann-Angriff. Es dauerte aber keine sechs Minuten und die erhofften Änderungen waren wirkungslos verpufft - weil die Partie zu diesem Zeitpunkt endgültig entschieden war.

Der Gegentreffer zum 0:4 fasste das gesamte Spiel bis dahin auf den Punkt zusammen.

Nouri wechselte nach dem fünften Gegentreffer doppelt, nahm Eggestein und Gnabry vom Platz und brachte Philipp Bargfrede und Santiago Garcia. Werders Coach stellte auf eine Doppel-Sechs im Zentrum um (Bargfrede/Delaney) und zog Gebre Selassie auf der linken Seite deutlich höher. Junuzovic übernahm die Zehnerposition.

Gebre Selassie trifft für Werder

Hoffenheim schraubte seine immense Intensität in der Folge merklich herunter. Die Kraichgauer waren bis zu diesem Zeitpunkt fast fünf Kilometer mehr unterwegs als Werder und spielten nun aus einer tieferen Verteidigungsposition und lauerten auf Konter. So kam Bremen nach Ermin Bicakcic‘ Kopfballtor zu einer Serie von sieben zu Null Torschüssen, darunter Gebre Selassies 1:5 nach einer Halbfeldflanke.

Hoffenheim wechselte innerhalb von zehn Minuten dreimal und verlor auch dadurch etwas den Rhythmus. Trotzdem hatten die Gäste bis zum Ende weiterhin sehr gute Konterchancen, zweimal schloss Kramaric zu eigensinnig ab, einmal konnte Rudy einen einfachen Ball auf gleich vier in die Tiefe startende Hoffenheimer nicht über den einzigen Bremer Verteidiger Bargfrede lupfen.

Eine Viertelstunde vor dem Ende kam Florian Kainz für Delaney, der Österreicher ging auf die Zehn, Junuzovic rutschte dafür eine Linie nach hinten und spielte neben Bargfrede auf der Sechs. Am überschaubaren Tempo bis fünf Minuten vor Schluss änderte all das nichts. Werder hatte den Ball, aber keine Torchancen, Hoffenheim verwaltete nur noch.

In der Schlussphase machte Hoffenheim dann leichtsinnige Fehler, rückte nicht mehr auf die zweiten Bälle raus, ließ das Spiel austrudeln. Werder nutzte diese einzige richtige schwache Phase der Gäste sofort aus, baute Dauerdruck auf und kam immer wieder in den Rücken der Abwehr.

Bargfrede nach einer flachen Hereingabe und Bauer nach einem nochmal tief gespielten Ball nach einer abgewehrten Ecke trafen noch und gestalteten nicht nur das Ergebnis erträglicher, sondern drehten damit auch die Stimmung im Stadion wieder.

Werder mit neun Gegentoren in zwei Spielen

Unterm Strich bleibt dennoch ein ernüchterndes Spiel, das nächste nach der Niederlage in Köln. Neun Gegentore in zwei Spielen erinnern stark an die Vorrunde. Von den drei erzielten Toren sollte man sich nicht blenden lassen: Hätte Hoffenheim bis zum Ende konzentriert durchgezogen, hätte es eine richtige Klatsche gegeben.

Eine Mannschaft wie Hoffenheim ist Werder in der Entwicklung wohl mindestens eine Stufe voraus, das konnte man am Samstag beobachten. Wie sicher und selbstverständlich die Gäste ein ungewohntes Spielsystem nach nur wenigen Trainingseinheiten umsetzen und einen Gegner dominieren können, war schon bemerkenswert.

Diese Flexibilität, das problemlose Springen zwischen den Grundordnungen ohne großen Qualitätsverlust, war so etwas wie Anschauungsunterricht für Werder.

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