Anthony Jung im Interview

„In dem Punkt bin ich Kind geblieben“

Seit einigen Wochen ist Anthony Jung jetzt bei Werder, bald beginnt der Ernst der 2. Bundesliga. Im Interview spricht der 29-Jährige über Ziele mit Werder, Videospiele und einen Hund, der im Rollstuhl sitzt.
05.07.2021, 19:46
Lesedauer: 5 Min
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Von Daniel Cottäus
„In dem Punkt bin ich Kind geblieben“

Anthony Jung ist kürzlich aus Kopenhagen nach Bremen gewechselt.

Andreas Gumz

Im bequemen Korbsessel auf der sonnigen Terrasse des Hotels hat sich Anthony Jung weit zurückgelehnt. Er trägt Turnschuhe, dazu Shorts und Shirt – und wirkt während des Interviews mit unserer Deichstube extrem locker, obwohl im Zillertal bereits eine kräftezehrende Einheit hinter ihm liegt. „Mit gefällt es hier in den Bergen“, sagt der 29-Jährige, der vor wenigen Wochen vom dänischen Meister Bröndby Kopenhagen zu Werder gewechselt ist und in der folgenden halben Stunde erfrischend offen Auskunft geben wird. Über seine spanischen Wurzeln. Seine große Leidenschaft Videospiele. Natürlich die Ziele mit Werder. Und einen Hund, der im Rollstuhl sitzt.

Herr Jung, Sie sind in Spanien geboren, tragen einen amerikanischen Vornamen und sind deutscher Staatsbürger. Wie passt das zusammen?

(lacht) Das ist ein bisschen kompliziert. Mein Vater ist Spanier und heißt Antonio wie sein Vater auch. Das geht in unserer Familie schon über Generationen so. Meine Mutter, die aus Deutschland stammt, war von dem Vornamen nicht so begeistert, bis mein Opa dann einen Kompromiss vorgeschlagen hat: Anthony, die amerikanische Variante von Antonio. Jung ist der Nachname meiner Mutter. Meine Eltern haben nicht geheiratet, sie haben sich relativ früh getrennt. Meine Mutter und ich sind weg aus Spanien, als ich drei war. Ich spreche auch leider kein Spanisch, sondern bin komplett eingedeutscht. Ich höre nur immer wieder, dass ich aussehe wie ein Spanier.

Das heißt, Sie haben heute keinen Bezug mehr zu Ihrem Geburtsland?

Doch! Ich verfolge zum Beispiel die Nationalmannschaft. Als Kind hatte ich eine Phase, in der ich für Spanien war, wenn Spanien gegen Deutschland gespielt hat. Bei der EM bin ich jetzt natürlich auch für das Land meines Vaters. Er lebt noch in Spanien, und wir tauschen uns regelmäßig aus.

Warum haben Sie nie in Spanien Fußball gespielt? Hat es sich nicht ergeben?

Nein, nicht wirklich. Ich hatte aber auch nie ein großes Bedürfnis danach. Als ich noch jung war, habe ich im Fernsehen immer die spanische Liga geschaut, damals gab es noch „Laola TV“, das habe ich geliebt. Ich habe den deutschen Fußball aber auch schnell zu schätzen gelernt.

Was Sie auch ganz besonders schätzen sollen, sind Videospiele. Woher kommt Ihre Leidenschaft für das Zocken?

Ich bin damit groß geworden, gemeinsam mit meinem Onkel, der nur fünf Jahre älter ist als ich. Er ist bis heute wie ein Bruder für mich. Die Konsole war eigentlich immer und überall dabei. Über das Online-Spielen habe ich während meiner Zeit in Dänemark zum Beispiel Kontakt zu Freunden in Deutschland gehalten. Es hat also auch eine soziale Komponente.

Eine Zeit lang haben Sie auch Videos im Internet veröffentlicht, die Sie beim Spielen zeigen. Machen Sie das noch?

Nein, das habe ich aufgegeben. Ich habe mich darin mal versucht, auch wegen der Idee, darüber in Interaktion mit den Fans zu kommen. Um das Thema Streaming gibt es gerade ja generell einen großen Hype. Ich habe aber wieder damit aufgehört, weil Fragen aufkamen wie: Muss das sein nach einer Niederlage? Damit wollte ich mich einfach nicht mehr beschäftigen.

Was spielen Sie denn so?

In bestimmten Phasen natürlich „FIFA“, immer wenn der neue Teil erschienen ist. Ansonsten „Call of Duty“ oder auch „Fortnite“. Angefangen habe ich früher mit „Counter Strike“ im Internetcafé, wo man mit den anderen Gästen direkt nebeneinander vor dem Bildschirm saß (lacht). Das ist echt schon lange her. Ich bin in diesem Punkt aber einfach Kind geblieben.

Bei Werder soll es eine kleine Mario-Kart-Connection geben. Haben Sie schon würdige Gegner für sich ausmachen können?

Ich habe auch gehört, dass Mario Kart in der Mannschaft hoch im Kurs steht. Meine „Nintendo Switch“ habe ich vorsichtshalber mal mit ins Trainingslager genommen. Wenn es die nächste Runde gibt, bin ich gerne dabei und schaue mir an, was die Kollegen so können.

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Auf dem Platz haben Sie das bereits getan. Während der Einheiten im Trainingslager wirkt es so, als wären Sie schon lange Teil des Teams.

Die Jungs sind sehr offen, es wird viel geredet. Und da ich auch jemand bin, der nicht auf den Mund gefallen ist, ging das mit dem Integrieren ziemlich schnell.

Bei Bröndby waren Sie Publikumsliebling, Stammkraft und hätten in der Champions League spielen können. Warum haben Sie all das für die 2. Liga sausen lassen?

Von außen betrachtet wirkt das wirklich etwas überraschend, denn klar habe ich in Kopenhagen einiges aufgegeben. Mein Standing bei Bröndby bis hin zum Publikumsliebling habe ich mir über die Jahre erarbeitet. Das waren viele schöne Momente. Trotzdem wollte ich mich selbst gerne noch einmal im deutschen Fußball sehen, auch wegen meiner familiären Situation. Da hat sich das Angebot aus Bremen sofort sehr interessant angehört.

Was meinen Sie mit familiäre Situation?

Diesen Monat kommt unser erstes Kind, ein Junge, zur Welt. Meine Frau ist hochschwanger. Da wollten wir wieder ein Stück näher an der Familie sein. Wir stammen beide aus Wiesbaden. Die knapp 400 Kilometer bis nach Bremen sind zwar immer noch ein Stück, aber nur noch in etwa die Hälfte der Distanz nach Kopenhagen.

Das heißt, Sie schauen im Zillertal nach jedem Training aufs Handy und reisen sofort ab, wenn es losgeht?

Korrekt, ja. Weil wir in Bremen noch keine Wohnung oder ein Haus gefunden haben, wird das Kind in Wiesbaden zur Welt kommen. Bei Werder wissen alle Bescheid. Meine Frau hat die Handynummer vom Teammanager. Wenn es losgeht, kommt der Anruf, und ich mache mich sofort auf den Weg.

Bei Bröndby haben die jüngeren Mitspieler Sie „Big Brother“ genannt, weil Sie immer einen Rat für sie parat hatten. Eine Rolle, die Sie auch bei Werder anstreben?

Absolut. Bei Bröndby gab es nicht so viele ältere Spieler. Das ist bei Werder jetzt schon etwas anders verteilt. Aber wenn jüngere Spieler mal das Gespräch suchen, bin ich für sie da. Ich habe da ein offenes Ohr und packe mit an, wenn ich helfen kann. Ich möchte Verantwortung tragen.

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Privat tun Sie das gemeinsam mit Ihrer Frau auch für zwei Hunde, von denen einer im Rollstuhl sitzt. Wie kam es dazu?

Wir haben zwei französische Bulldoggen, die jetzt siebeneinhalb und acht Jahre alt sind. Meine Frau und ich sind beide mit Hunden groß geworden und haben damals gedacht: Ob wir nun einen Hund haben oder zwei, macht keinen Unterschied. Da wurden wir eines Besseren belehrt (lacht). Einer der beiden hatte vor zweieinhalb Jahren einen Bandscheibenvorfall und wurde operiert, aber der Schaden war so groß, dass die Funktion nicht mehr zurückkam. Seitdem sitzt er im Rollstuhl.

Und das funktioniert?

Ja! Natürlich bedeutet es für uns etwas mehr Arbeit, aber wir können heute ruhigen Gewissens sagen, dass der Hund große Lebensfreude hat und voller Tatendrang ist. Der Tierarzt hat damals zu uns gesagt: Geben Sie im noch zwei Wochen, dann schläfern wir ihn ein. Das wollten meine Frau und ich aber nicht akzeptieren, weil wir dem Hund eine Chance geben wollten. Wir haben uns dann für den Rollstuhl entschieden. Der wurde maßangefertigt. Wenn wir rausgehen, sitzt er drin, und zu Hause läuft er wie ein Pinguin. Das sieht schon lustig aus. Er ist aber völlig schmerzfrei. Wenn er uns über seine Körpersprache signalisiert hätte, dass er nicht mehr will, hätten wir ihn gehen lassen, aber so sind wir sehr glücklich, dass wir schon zwei Jahre länger mit ihm hatten, als es der Tierarzt prophezeit hat.

Kommen wir zum Abschluss nochmal zum Fußball. Sie sind als dänischer Meister zu Werder gewechselt, werden im November 30 Jahre alt. Was haben Sie sich für Ihre Karriere noch vorgenommen?

Die vergangene Saison mit Bröndby war sicher mein bisheriges Karrierehoch. Dänemark ist ein wunderbares Land mit wunderbaren Leuten, und Bröndby ist ein super Verein. Ich bin im Rückblick sehr dankbar für diese Zeit, auch wenn ich während der Transferphasen nicht nur einmal beim Sportdirektor im Büro war und um meine Freigabe gebeten habe. Obwohl ich darum gefeilscht und gekämpft habe, hat der Verein aber nie einen Grund gesehen, mich abzugeben (lacht). Ich habe dann bei Bröndby weiter Gas gegeben und bin dafür belohnt worden. So werde ich es auch bei Werder machen. Erstmal geht es darum, wichtig für die Mannschaft zu werden, und dann ist eines Tages die Bundesliga noch ein großer Traum von mir.    

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