Aue-Profi Hochscheidt im Interview "Werder ist eine Wundertüte"

Am Freitagabend spielt Werder gegen Aue - mit dabei ist auch Jan Hochscheidt. Der Mittelfeldmann spricht im Interview über die Probleme für die Traditionsclubs und den Abstiegskampf mit den Sachsen.
03.12.2021, 14:09
Lesedauer: 6 Min
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Von Hans-Günter Klemm

Viele Fragezeichen weist das Spiel in Bremen nach dem Trainerwechsel laut Jan Hochscheidt auf. „Werder mit Ole Werner ist für uns wie eine Wundertüte“, sagt der Routinier, der seit 2018 zum zweiten Mal für den FC Erzgebirge Aue aktiv ist. Der 34 Jahre alte Ex-Profi von Eintracht Braunschweig, ein ausgewiesener Kenner der 2. Liga, spricht im Interview mit der Deichstube über die Spielklasse, die Probleme für die Traditionsclubs und Abstiegskampf mit den Sachsen. Für den Mittelfeldmann, der nach einer Knieverletzung zu Saisonbeginn nun wieder fit ist, sind weder die Erstliga-Absteiger Werder Bremen und Schalke 04 noch der Hamburger SV die Titelfavoriten. Hochscheidt favorisiert St. Pauli: „Eine ausgeglichene Mannschaft und ein toller Zusammenhalt.“

Welche Gemeinsamkeit haben Erzgebirge Aue und Werder Bremen in dieser Saison, Jan Hochscheidt?

Da fallen mir spontan nur zwei Dinge ein. Erstens die Tradition und sehr viele Fans sowie die zweite Gemeinsamkeit, dass wir dieses Jahr ausnahmsweise mal in derselben Klasse spielen.

Und noch etwas: Auf dem Papier werden nun beide Vereine schon von dem vierten Trainer betreut.

Vierter Trainer bei uns? Wieso?

Zunächst ging Aue mit Aleksey Shpilevski in die Saison. Als dieser abgelöst wurde, übernahm Marc Hensel, nach zwei Spielen offiziell Carsten Müller interimsweise, und nun ist Pavel Dotchev als Sportlicher Leiter und Interimstrainer aktiv. In Bremen amtierten nach dem Aus von Markus Anfang zunächst vorübergehend Danijel Zenkovic und Christian Brandt, bevor am Wochenende Ole Werner eingesetzt wurde.

Wenn man das so rechnet, dann passt es natürlich.

Wer ist denn nun faktisch Trainer? Hensel oder Dotchev?

Es gibt eine klare Rollenverteilung. Marc Hensel ist Teamchef und leitet das Training. Pavel Dotchev ist natürlich auch dabei, beobachtet alles und gibt Ratschläge.

Dotchev ist also auf dem Platz stets präsent?

Klar. Wir haben hier auf unserer Anlage kein schönes Häuschen, was beheizt ist und in das man sich zurückziehen kann. Also ist Pavel Dotchev hautnah bei unseren Übungsprogrammen dabei.

Mit dem Trainerwechsel ist der Aufschwung von Aue verknüpft. Eine richtige Beobachtung?

Auf alle Fälle, so ist es abgelaufen. Mit dem Sieg gegen Ingolstadt haben wir eine gute Serie gestartet. Wir sind als Mannschaft noch mal enger zusammengerückt nach den Geschehnissen beim Start.

Zuletzt gab es eine Niederlage gegen Darmstadt. Ist damit der Aufwärtstrend gestoppt?

Das denke ich nicht. Es war nur ein kleiner Dämpfer, den wir verkraften werden. Wir haben auch in dieser Partie gezeigt, dass wir stabil spielen können. Darmstadt ist ein absolutes Spitzenteam, die Mannschaft steht nicht umsonst oben. Die Darmstädter haben aus den wenigen Chancen, die sie hatten, eiskalt die Tore gemacht. Und dies zeichnet nun mal eine Spitzenmannschaft aus.

Was sind die Ziele beim nächsten gegen Werder Bremen und bis zum Jahreswechsel?

Wir müssen alle unsere Sinne schärfen, um bis zum kurzen Weihnachtbreak noch zu punkten. Mit den 14 Punkten, die wir bisher auf dem Konto haben, könnte es sonst ganz eng werden für
uns.

Ist für Aue der Klassenerhalt möglich?

Mittlerweile schätze ich unsere Chancen, den Verbleib zu schaffen, als ganz gut ein. Zuletzt haben wir bewiesen, dass wir wieder Spiele gewinnen können, auch schwere Spiele wie in Rostock.

Was war die besondere Schwierigkeit in Rostock, außer dass der Club von der Ostsee ein direkter Rivale ist?

Es war schon ein besonderes Extrem, dort vor vollem Haus antreten zu müssen und eine Woche später im Heimspiel vor leeren Rängen. Das Team hat dies aber gut angenommen. Bitter nur, dass wir mit Darmstadt auf eine so abgezockte Truppe getroffen sind. Ähnlich schwer wird die Partie in Bremen. Wir freuen uns, dass dort im Stadion Zuschauer zugelassen sind.

Wie bewerten Sie die momentane Diskussion um die Belegung der Arenen?

Ich kann nur für uns sprechen. Im Erzgebirge ist die Inzidenz sehr extrem. Dass der Besuch in den Stadien reglementiert werden muss, ist nachvollziehbar. Doch es ist nur schwer zu vermitteln, wenn Spiele in Leipzig und in Aue ohne Fans angeordnet werden und beispielsweise in Köln gut 50.000 Zuschauer erlaubt waren.

Ist es für Aue ein immenser Nachteil im Abstiegskampf ohne die Anfeuerung der Fans auskommen zu müssen?

Es ist alles andere als schön, ohne die Unterstützung unserer Fans die Spiele bestreiten zu müssen. Das beste Beispiel ist unser Sieg gegen Ingolstadt. Letzter gegen Vorletzter, die Fans haben uns nach vorn gepeitscht, haben uns unterstützt, obwohl es nicht so gut
lief. Ich vermute, wenn es ein Spiel vor leeren Rängen gewesen wäre, hätten wir es verlieren können. Unsere Fans sind schon ein Faktor.

Wie geht es Ihnen? Sind Sie wieder fit nach Ihrer Verletzung zum Start?

In der Vorbereitung bin ich bei einem Zweikampf hängengeblieben und habe mir das Knie verdreht. Es handelte sich um eine Luxation der Kniescheibe, ich musste operiert werden in der Woche vor dem Start der Punktspiele, bin danach neun bis zehn Wochen ausgefallen.

Sind Sie nun wieder voll einsatzfähig?

Ja, die Operation bei uns im Helios Klinikum Aue ist gut verlaufen, ebenso die Reha. Ich bin fit und hoffe, der Mannschaft helfen zu können.

Wie schon angesprochen, tritt Werder Bremen nun mit dem neuen Trainer Ole Werner an. Ist dies ein Nachteil für Aue?

Wir kennen Ole Werner aus Kiel. Es ist bekannt, wie er dort hat spielen lassen. Doch es stellt sich die Frage: Passt sein Stil aus Kiel auch zu Werder? Oder muss er mit dem in Bremen vorhandenen Personal etwas ändern und einen neuen Weg finden? Ich glaube, auf uns kommt am Freitagabend mit Werder eine Wundertüte zu. Wir müssen abwarten, müssen sehen, wer spielt und wie die Werder-Elf auftritt.

Wie haben Sie den bisherigen Auftritt des Absteigers in der 2. Liga erlebt?

Werder hat das gleiche Problem wie der bekannte Nachbar etwas weiter nördlich, dessen Name ich nun nicht nennen möchte. Es ist nun mal so, dass viele Zweitligisten eine Extramotivation aus der Tatsache ziehen, dass sie in so einem geilen Stadion gegen das „große Werder“ spielen dürfen. Damit muss Bremen erst einmal
klarkommen. Es ist nicht so einfach, wenn solche Spiele alltäglich werden.

Mit Eintracht Braunschweig haben Sie vor Jahren in der Bundesliga gegen Bremen gespielt. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Es war mein erstes Erstligaspiel, eine riesige Sache. Ich erinnere mich an das gigantische Konfetti-Spektakel, das die Eintracht-Fans damals veranstaltet haben. Einfach super, toll. In der Rückrunde beim Heimspiel stand ich nach einer langen Verletzungspause erstmals wieder im Kader. Meine Erinnerung? Es war Winter, es war einfach nur kalt.

Sie kennen die 2. Bundesliga. Welchen Rat haben Sie für die als Topfavoriten gehandelten Traditionsclubs wie Bremen, Schalke und Hamburg? Wie gelingt der Wiederaufstieg?

Für Spieler und Vereine, die lange in der 2. Liga dabei sind, sind die Begegnungen mit den genannten ruhmreichen Vereinen das Highlight des Jahres. Das erschwert die Aufgabe. Die Clubs müssen zu Konstanz finden, sie müssen sich als Team finden, um wieder erfolgreich zu sein. Das ist oftmals gar nicht so einfach nach der Enttäuschung des Abstiegs. Doch nur als geschlossene Einheit kann der Aufstieg gelingen. Nur mit Einzelkönnern gelingt dies nicht. Es ist und bleibt die größte Herausforderung, ein stabiles Team zu formen. So ist es dem VfB Stuttgart gelungen, der zunächst dank der individuellen Klasse einzelner Akteure hat aufhorchen lassen. Doch den Aufstieg erst perfekt gemacht hat, als alle als Mannschaft funktioniert haben.

Momentan machen mit Spitzenreiter St. Pauli, Regensburg, Paderborn und Darmstadt gleich vier Außenseiter von sich reden. Können diese bis zum Ende im Aufstiegskampf mitmischen?

Ich traue es einigen schon zu, wenn sie von argen Verletzungen verschont bleiben.

Stand heute: Wer ist Ihr Aufstiegsfavorit?

St. Pauli. Es ist ein gutes Beispiel dafür, wie schnell es gehen kann. Vor einem Jahr noch unten platziert, haben sich die Hamburger gesteigert. Sie besitzen eine ausgeglichene Mannschaft mit einem tollen Zusammenhalt. Auch Darmstadt wird ein Wort mitreden.

Vor Saisonbeginn wurde der Superlativ formuliert: Die beste 2. Liga aller Zeiten! Stimmt es?

So hieß es schon, als der HSV abgestiegen ist, danach Hannover 96, nun Werder und Schalke. Zweifellos – diese Spielklasse ist in dieser Zusammensetzung ein absolutes Brett. Ich weiß nicht, wie dies noch getoppt werden könnte. Doch wer weiß? Wenn wieder zwei Außenseiter aufsteigen und von oben kommen namhafte Vereine herunter, wie beispielsweise ein Big-City-Club.

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