Gespräch mit Bayern-Legende Augenthaler: "Es ist kein Zufall, dass Werder so weit oben steht"

Bayern-Legende Klaus Augenthaler mag die Art, wie Werder als Aufsteiger agiert. Im Interview spricht der heute 65-Jährige unter anderem darüber, welche Chancen er den Bremern im Spiel gegen Bayern einräumt.
08.11.2022, 15:25
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Hans-Günter Klemm

Werders Sieg gegen Schalke  hat er sich im Fernsehen angeschaut: Denn Ex-Profi Klaus Augenthaler denkt nicht nur an seinen FC Bayern München. Der Weltmeister von 1990, der als Experte beim Bayern-TV aktiv ist und als Nachwuchstrainer das internationale Programm des Rekordmeisters begleitet, schaut sich viele Spiele an. Und er 65-Jährige mag die Art, wie Werder als Aufsteiger auftritt. Im Interview mit unserer Deichstube spricht der ehemalige Ausputzer über die Bremer Chancen im Duell mit dem FC Bayern (Dienstag, 20.30 Uhr), die aus seiner Sicht übertriebene Kritik an Bayern-Coach Julian Nagelsmann und über ein besonderes Treffen mit dem damaligen Werder-Manager Willi Lemke.

Herr Augenthaler, es wird in Gesprächen mit Ihnen ständig die legendäre 42-Sekunden-Pressekonferenz als Trainer in Wolfsburg thematisiert, als Sie sich selbst eine Frage gestellt und die Antwort gegeben haben. Also: Welche Frage würden Sie sich vor der Partie Bayern München gegen Werder Bremen stellen?

Klaus Augenthaler: Wie kann Bayern diese Werderaner knacken? Wie ich beobachte, hat Bremen eine gute und intakte Mannschaft.

Haben Sie im TV Werders Sieg gegen Schalke verfolgt?

Sicher.

„Ich bin der ewige Fußballer“ haben Sie mal über sich gesagt. Es stimmt also, wenn Sie für dieses Spiel den Abend am Samstag „opfern“?

Ich schaue mir viele Spiele an, nicht nur die Spiele, die aus Bayern-Sicht interessant sind.

Lesen Sie auch

Hat dieser Auftritt des Aufsteigers Werder überrascht?

Ein wenig schon, dass Werder so überzeugend spielt und aktuell so gut dasteht. Eigentlich schade, dass Bremen abgestiegen ist. Wie der Hamburger SV oder auch Hannover 96 und Düsseldorf, diese Vereine mit ihren fantastischen Stadien gehören einfach dazu. Doch bezüglich Werder sei noch mal betont: 21 Punkte, der siebte Tabellenplatz - ich vermute, damit haben die Bremer selbst nicht gerechnet.

Was sind die Gründe für diesen Höhenflug des Aufsteigers?

Die Mannschaft hat eine gute Mischung, ein gutes Alter. Es ist ein Team, das funktioniert. Und Werder hat mit Ole Werner einen Trainer,  der perfekte  Arbeit leistet und alles in die richtige Bahnen lenkt.

Trauen Sie Werder zu, auf Sicht gesehen diese Position in der Liga zu halten? Kann eventuell sogar Europa angepeilt werden?

Es sind nur wenige Punkte zu den Clubs, die ganz oben platziert sind. Und es ist kein Zufall, dass Werder so weit oben steht.

Was ist die besondere Stärke der Truppe?

Eindeutig die Geschlossenheit, das Kollektiv, es ist eine Einheit. Es gibt keine Superstars. Zudem haben sich Spieler wie Weiser oder Bittencourt über die Jahre famos entwickelt.

Ist Torjäger Niclas Füllkrug in dieser Truppe momentan nicht der Superstar?

Seine Leistung ragt natürlich heraus. Daher steht Füllkrug mit Recht so im Blickpunkt. Zu meiner Zeit hat es das auch gegeben. Der FC Bayern war „Breitnigge“: Rummenigge und Breitner. Doch diese beiden Superstars haben es sich nicht anmerken lassen. Gerade Paul Breitner hat damals als Kapitän vorgelebt, was es heißt, Fußball als Mannschaftssport zu begreifen. Und so sehe ich den Ausnahmespieler Füllkrug bei Werder auch.

Die Tore sprechen für Füllkrug, der gegen Bayern verletzungsbedingt ausfallen wird.  Die Diskussion um seine Berufung in die Nationalelf hat nach der schweren Verletzung von Timo Werner noch mehr Fahrt aufgenommen. Wie ist Ihre Meinung?

Die Leistung spricht für Füllkrug. Er wird gesucht, er bekommt viele Bälle und er bestätigt Woche für Woche seine Klasse.

Lesen Sie auch

Am letzten Wochenende hat auch Dortmunds Moukoko kräftig Werbung für sich gemacht. Wenn Sie Hansi Flick wären, wen würden  Sie für die WM bevorzugen? 

Das kann man nicht vergleichen und werten. Mit Füllkrug habe ich einen Akteur, von denen es wenige gibt. Imponierend sind seine Statur und seine Kopfballstärke, Fähigkeiten, die gefragt sein könnten, wenn die deutsche Elf mal zurückliegt und die Brechstange auspacken muss. Das ist kein Plädoyer gegen Moukoko, der ein großartiger Fußballer ist und mit seinen erst 17 Jahren eine große Zukunft vor sich hat.

Ein Shootingstar in München ist Jamal Musiala. Wie sehen Sie seine Entwicklung?

Er hat eine unwahrscheinliche Entwicklung gemacht. Obwohl er so schmächtig  wirkt, hat er ein körperliche  Robustheit aufgebaut. Er ist stabil im Zweikampf und kann sich behaupten. Und die anderen Qualitäten sind bekannt: Schnelligkeit, eine überragende Technik, ein super Abschluss und eine unglaubliche Übersicht, gerade, wenn es eng wird.

Lesen Sie auch

Die Bayern hatten mit der Niederlage in Augsburg und der Remis-Serie punktemäßig  eine kleine Delle. Haben sie sich nun gefangen?

Ich glaube schon. Wer genau hinschaut, erkennt, wie unglücklich die Partien in jener Zeit gelaufen sind. Beispielsweise hätten die Bayern gegen Gladbach mit 5:1 gewinnen müssen. Doch ich sehe einen anderen Aspekt: Es tut der Bundesliga unglaublich gut, wenn  München nicht wieder schon frühzeitig als Meister feststeht, wenn es spannend bleibt. Wenn in der Endphase der Saison noch zwei oder drei Mannschaften berechtigte Chancen haben, den Titel zu holen.

So wie früher, als Sie mit den Bayern siebenmal die  Schale erobert haben.

Richtig, da gab es diese engen Duelle. Gerade mit Werder oder mit dem HSV. Ich  erinnere an 1986, diese Dramatik, als Werder lange vorn war und wir sie noch eingeholt haben. So eine Spielzeit ist unvergleichlich, aus Sicht der Fans, aber auch der Spieler.

Die Münchner haben sich nunmehr  aus der „kleinen Krise“ geschossen. Auch dank Choupo-Moting?

Sicher ist das ein Aspekt. Choupo-Moting ist ein hervorragender Fußballer, der vielfach noch unterschätzt wird. Als Ersatz für Lewandowski stand er lange im Schatten. Nun kann er zeigen, was er drauf hat.

War der Verkauf von Lewandowski unvermeidlich?

Es war richtig, ihn gehen zu lassen. Doch ich habe damals im Sommer gleich gesagt, dass dies ein großes Thema wird in dem Moment, wenn es nicht läuft.

Ein Thema wurde dann auch der Trainer. War die Kritik an Julian Nagelsmann zu drastisch?

Absolut übertrieben. Für die Presse war es ein gefundenes Fressen. Ich kenne dies, dieses Schicksal des Trainerdaseins:  Hast du Erfolg, bist du der Größte, hast du keinen Erfolg, bist du allein. Die Bayern und Nagelsmann sind nun wieder erfolgreich.

Lesen Sie auch

Stichwort Katar: Wie schätzen Sie das Leistungsvermögen der deutschen Mannschaft ein? Gehen Sie mit einem guten Gefühl ins Turnier?

In erster Linie freue ich mich auf die WM. Dabei steht für mich hinter der Elf von Hansi Flick ein dickes Fragezeichen. Es wird interessant  sein, wie sich das Team präsentiert und ob die zuletzt sichtbaren Schwachpunkte ausgemerzt werden können.

Wer ist WM-Favorit?

Ich sehe keinen Topfavoriten, auch nicht zwei oder drei Nationen mit den besten Chancen. Es ist ein breites Feld von Mannschaften, die sich etwas ausrechnen dürfen.

Eine Frage, die in Interviews mit Ihnen unvermeidlich ist. Wie blicken Sie heute auf Ihr damals folgenschweres Foul am Bremer Rudi Völler im November 1986. Wie kommen Sie mit Rudi, der sich dabei schwer verletzt hat, aus?

Kaum ein Mensch kannte damals die Hintergründe. Wir hatten uns kurz danach ausgesprochen, alles war somit rasch geklärt zwischen uns. In der Winterpause war ich mit einigen Bayern-Kollegen zum Skilaufen in Leogang. Zufällig waren auch ein paar Bremer da. Wir hatten Spaß und waren  gemeinsam Eisstockschießen. So kam es zur Aussprache.

„Ein normales Foul“, hat Sie Manager Uli Hoeness damals in Schutz genommen. „Ein brutales Foul“, haben Sie später die Aktion bewertet, für das Sie nur Gelb gesehen haben.

Es gibt eine schöne Geschichte dazu: Vor drei Wochen hat mir jemand ein Video geschickt von einem Amateurspiel, bei dem ein Spieler für ein ähnliches Foul vom Platz musste. Sein Kommentar: Und Du hast nicht die Rote Karte gesehen! Ich habe ihm geantwortet. ich sei halt einen Schritt zu spät gekommen und das Ganze habe schon brutal ausgeschaut. Doch es darf nicht vergessen werden, wie alles hochgeschaukelt worden ist, hochgepuscht in dem damaligen Klima. Das ewige Duell Bayern gegen Werder, die Scharmützel Uli Hoeneß gegen Willi Lemke. Da fällt mir noch eine schöne Anekdote ein: Jahre später war ich wieder beim Skifahren. Schlechtes Wetter, ich sitze in der Gondel. Mir gegenüber ein Mann, der mir unbekannt war. Schließlich nahm er Mütze und Skibrille runter. Und wer war es? Der Herr Lemke. Aber wir haben nicht groß gesprochen.

Das Gespräch führte Hans-Günter Klemm.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+