Werders Gegner in der Analyse

Augsburger Umschaltspezialisten

Der FC Augsburg hat einige Stärken, die Werder durchaus weh tun könnten. Vielleicht ringt sich Trainer Florian Kohfeldt deshalb zu einer Planänderung durch, um dem FCA Einhalt zu gebieten.
01.02.2020, 08:38
Lesedauer: 5 Min
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Von Stefan Rommel

Das sind Augsburgs Stärken:

Martin Schmidt ist einer der wenigen hartnäckigen Verfechter der Viererkette und auch darüber hinaus nicht für große Experimente oder Variabilität bei der Grundordnung seiner Mannschaften bekannt. So hält es der Trainer auch beim FC Augsburg, von dem man im Prinzip recht genau weiß, was man bekommt. Schmidt hat früher in Mainz und danach in Wolfsburg entweder im flachen 4-4-2 oder im 4-2-3-1 spielen lassen und hat diese Formation auch auf seine aktuelle Mannschaft übertragen. Gleichbleibendes Merkmal ist die Doppel-Sechs vor der Abwehr, die in ihrer Arbeitsaufteilung auch sehr klassisch daherkommt mit einem Abräumertypen (Rani Khedira) und einem zusätzlich spielerisch-kreativen Spieler (Daniel Baier).

Gegen den Ball wird in der Regel in einem 4-4-2 verteidigt, das den Gegner ab Höhe der Mittellinie empfängt. Die eingestreuten Phasen des höheren Angriffspressings sind für den Gegner unangenehm, aber eher die Ausnahme und situationsbedingt. Augsburg legt das Augenmerk auf eine sehr kompakte Verteidigungsstrategie im Zentrum. Ab und an verteidigt die Mannschaft auch über das gesamte Spielfeld mit klaren Zuteilungen, gerade im höheren Pressing wird dann mannorientiert verfolgt und zugestellt.

Augsburg rückte zu Beginn der Saison, als einige sehr wichtige Spieler fehlten und nach schmerzhaften Abgängen die Balance noch nicht gefunden war, nach einem Ballverlust nicht so riskant ins Gegenpressing auf, sondern war um ein schnelles Fallen und das zügige Herstellen von Ordnung und Struktur bemüht. Im Laufe der Hinserie aber wurde die Mannschaft immer sicherer im Gegenpressing, fand besser in die Abläufe und setzt dieses Stilmittel nun auch durchaus gewinnbringend ein - was insbesondere mit einer sehr wichtigen Offensividee zu tun hat.

Augsburg ist die Mannschaft mit dem kleinsten Ballbesitzanteil der Liga, dieser liegt derzeit bei nur knapp 41 Prozent. Das Umschalten nach einem eigenen Ballgewinn ist so etwas wie der Markenkern der Mannschaft. Augsburg zeichnet sich durch eine enorme Körperlichkeit aus. Ohne Ball bedeutet das viel Laufarbeit für den FCA und viele Zweikämpfe für den Gegner. Auf beides ist die Mannschaft gut vorbereitet. Und auch mit dem Ball sind Wucht und Geschwindigkeit die vorrangigen Parameter. Augsburg spielt einen sehr direkten Fußball, sucht schnell das Tempo in seinen Aktionen.

Das ist die nächste Erklärung für das gewollt wenig dominante Augsburger Spiel: Die eigenen Angriffe werden nicht besonders lange und durch eine ausdauernde Ballzirkulation Linie für Linie vorbereitet, sondern so viele Abwehrketten des Gegners wie möglich überspielt. Das bedeutet auch, dass viel mit langen Bällen in die Spitze agiert wird oder auf einen der Flügelangreifer, um dann mit dem Zehner und mindestens einem Sechser auf den Ball aufzurücken. Ein besonderes Merkmal sind auch die Außenverteidiger, die je nach Besetzung zwei recht unterschiedliche Aufgaben haben: Während Stephan Lichtsteiner oder Raphael Framberger gerne bis zur Grundlinie durchlaufen, bricht auf der linken Seite Philipp Max auch schon mal vorher ab und flankt den Ball bei Gelegenheit zur Mitte. Diese Gefahr droht dem Gegner fast nur von links, während von der rechten Seite gar nicht so häufig „einfach nur“ geflankt wird; überhaupt hält sich hartnäckig die Vermutung, Augsburg wäre wegen Max eine regelrechte Flankenmaschine - in Wirklichkeit versucht es bis auf Paderborn aber keine andere Mannschaft seltener als der FCA auf diese Art.

Stattdessen wird viel über Dribblings der ebenso schnellen wie trickreichen Flügelspieler versucht, mit Marco Richter und dem erstaunlich kopfballstarken Ruben Vargas hat Augsburg dafür zwei sehr interessante Spieler. Und im Zentrum steht seit einigen Wochen auch wieder Alfred Finnbogason zur Verfügung, einer der komplettesten Angreifer der gesamten Liga. Er ist wiederum für die sehr starken Standards, vor allen Dingen von Max getreten, ein herausragend guter Abnehmer.

Das sind Augsburgs Schwächen:

Der FCA hat einen starken ersten Plan, das Umschaltspiel ist überaus gefährlich. Massive Probleme bekommt die Mannschaft aber immer dann, wenn sie selbst das Spiel machen soll. Dann bleibt als erstes die Option, über die Flügel anzugreifen und mit Hereingaben zu arbeiten. Oder Spieler ins Eins-gegen-Eins zu schicken. Das Positionsspiel ist aber nicht besonders gut, es fehlt an Kreativität und einem vorbereitenden kontrollierten Aufbauspiel. Augsburg versucht es deshalb schon früh mit Diagonalbällen auf die hochstehenden Außenverteidiger oder spielt - noch simpler - die Linie entlang nach vorne. Das kann immer mal wieder funktionieren, ist in der Regel aber ziemlich vorhersehbar und ausrechenbar und hat sich im Laufe der Hinserie auch nicht wirklich positiv entwickelt.

Die eine Kernfrage wird deshalb sein: Wie reagiert Werder auf diesen Umstand? Eigentlich ist die Mannschaft ja gewillt, das Spiel selbst in die Hand zu nehmen - damit würde Werder dem FCA aber einen veritablen Gefallen tun. Vielleicht wäre es besser, sich auf den Gegner in der Art einzulassen, dass Werder dem Gastgeber den Ball überlässt und selbst mehr aus einer Umschaltposition heraus nach vorne gelangt. Florian Kohfeldt hatte zuletzt angedeutet, dass es durchaus sein könnte, sich mehr auf den oder die Gegner einzulassen. Augsburg kann sich gut an Gegner anpassen, die einen anderen Stil pflegen als der FCA selbst. Mit Mannschaften, die ähnlich ausgerichtet sind oder wie zuletzt der FC Union selbst darauf aus sind, das gegnerische Spiel zu zerstören, haben die Schwaben dagegen große Probleme.

Kollateralschäden des Umschaltspiels sind entsprechend überschaubare Werte in der Offensive: Keine Mannschaft hat eine schlechtere Passquote (nur knapp 74 Prozent) und nur Hertha BSC schießt pro Partie seltener aufs gegnerische Tor als Augsburg. Punktuell ist das zu kompensieren, wenn etwa die entsprechende Effizienz vor dem gegnerischen Tor gegeben ist und die Qualität der Torchancen so hoch bleibt. Auf Dauer dürfte Augsburg damit aber noch einige Probleme bekommen.

Defensiv bleiben die Schwierigkeiten beim Verteidigen von Verlagerungen und in den Halbräumen. Die ballferne Seite ist ein wunder Punkt, der beim FCA sehr ausgeprägt ist. Und im Tor bleibt die mittlerweile schon traditionelle Baustelle: Seit dem Abgang von Marwin Hitz haben die Augsburger einiges ausprobiert und eigentlich sollte mit dem Zukauf von Tomas Koubek nun endlich ein Schlussstrich gezogen werden. Der Tscheche kam als viertteuerster Torhüter der Bundesligageschichte (7,5 Millionen Euro Ablöse) nach Augsburg, hat bisher aber nicht so richtig überzeugt. Stattdessen schwanken die Leistungen überspitzt formuliert zwischen Weltklasse und Kreisklasse.

Das ist der Schlüsselspieler:

Jeffrey Gouweleeuw ist der Abwehrchef, Daniel Baier das Herz der Mannschaft - seit der Rückkehr der beiden Führungsfiguren hat sich der FCA stabilisiert. Der Spieler der Hinserie war aber Florian Niederlechner. Der Angreifer kam im Sommer für die Schnäppchensumme von 2,5 Millionen Euro aus Freiburg und schlug nach ein paar Wochen Eingewöhnungszeit beim FCA ein wie eine Bombe. Niederlechner ist ein Schleicher, der auf den ersten Moment gar nicht so dynamisch und explosiv wirkt, dem Gegner im Kopf aber schon anderthalb Schritte voraus ist. Sein Freilauf- und Anbietverhalten ist exzellent, das Gespür für den Raum ebenfalls. Niederlechner ist zudem mit dem Rücken zum Tor ein sehr schlauer Spieler, kann Bälle nicht nur stark festmachen und ablegen, sondern sich auch schnell um den Gegner winden und selbst den Weg zum Tor suchen. Und er ist - für einen Angreifer in der Bundesliga keine Selbstverständlichkeit - auch uneitel und mannschaftsdienlich genug, um den besser postierten Mitspieler in Szene zu setzen. Zehn Tore und neun Assists sind für einen Spieler des FC Augsburg eine sagenhafte Ausbeute.

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