Zurückgeblättert: 3. Dezember 1973 „Ausgleich 30 Sekunden vor Schluß“

Seit 1963 spielt Werder in der Bundesliga, mehr als fünf Jahrzehnte, in denen sich im Fußball, bei Werder und in der Berichterstattung viel verändert hat. Mein Werder zeigt die Originaltexte und Zeitungsseiten.
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Von (mw)

Der WESER-KURIER schrieb am 3. Dezember 1973:

Werner Görts, 32jähriger Flügelstürmer des SV Werder, hatte eine seiner besten Ideen in seiner fast zehnjährigen Profilaufbahn in Bremen: „Schieß du, Horst!" rief er nach 89 Minuten und 20 Sekunden des Pokalspiels in Bochum, als seine Mannschaft beim Stand von 1:2 25 Meter vor dem VfL-Tor einen Freistoß zugesprochen bekam, der die letzte Chance war, die so sehnlichst herbeigewünschte Verlängerung noch zu ermöglichen. Der Appell verfehlte seine Wirkung nicht: Obwohl Höttges zunächst abgewinkt hatte, eilte er aus dem eigenen Strafraum nach vorn, trat mit größtmöglichem Kraftaufwand gegen das Leder und sah wie seine jubelnden Kameraden, daß es - von der Zehn-Mann-Mauer der Bochumer abgefälscht - unhaltbar im Netz landete. Selbst der Freistoßschütze vom Dienst, Rudi Assauer, gab hinterher zu: „Geschossen hätte ich wohl kaum, ich hätte den Ball in den Strafraum gelupft." Nur gut, daß Werner Görts wußte, was die Stunde geschlagen und sich nicht auf seinen Kameraden Karl-Heinz Kamp verlassen hatte: „Als wir ausglichen, dachte ich, es seien noch zehn Minuten zu spielen..."

Tatsächlich ging es nur wenige Sekunden später in die zusätzlichen 30 Minuten, die freilich trotz aller Anstrengungen auf beiden Seiten nichts mehr am für die Bochumer schmeichelhaften 2:2 änderten. So stehen sich beide Mannschaften bereits übermorgen erneut gegenüber, diesmal im Weser-Stadion. Die Parallele vom Vorjahr ist unverkennbar, als Werder in Bochum ein 4:4 erzielte und im Rückspiel mit einem 2:1-Sieg weiterkam.

Wie sehr sich die Mühen gelohnt hatten, erfuhr die Mannschaft erst eine gute halbe Stunde nach dem Abpfiff: Der nächste Pokalgegner Bayern München (im Falles eines Erfolges über Bochum) löste fast nur Zustimmung und Freude aus. Schatzmeister Wilhelm Riethmöller sah „weitere Sanierungsmöglichkeiten", fast jeder Spieler war überzeugt: „Zu Hause können wir auch Bayern packen!" Die Stimmung war auch deshalb so optimistisch, weil Werder in Bochum etwas geschafft hatte, was ausgesprochenen Seltenheitswert besitzt: Die Elf hatte einen fast aussichtlosen 0:2-Rückstand aufgeholt und stand schließlich sogar vor einem Sieg. „Solange ich bei Werder bin, haben wir ein 0:2 noch nicht wettgemacht", staunte selbst Rudi Assauer, der immerhin schon fünf Jahre für die Bremer spielt.

Daß in Bochum das 0:2 ausgeglichen werden konnte, war allerdings vor allem ein Verdienst von Assauer. Er spielte in den zweiten 45 Minuten im Mittelfeld und zeitweise sogar vierter Stürmer. Auch Höttges zeigte sich ungewohnt offensiv, was im Klartext heißt: „Ganz Werder„ stürmte minutenlang auf das Bochumer Tor, das Prinzip der eigenen Torsicherung war völlig aufgegeben worden. Dabei hätte sogar ein 3:2-Sieg herausspringen können, wenn nicht der schwache Schiedsrichter Huster einen weiteren Elfmeter übersehen hätte. Vor allem Höttges ärgerte sich später: „Heute hätte ich als Libero sogar einen Hattrick erzielen können; der zweite Elfmeter wäre bestimmt auch drin gewesen!“

Auch diese Äußerung spricht für neues Selbstbewußtsein, das sogar die„beiden „Küken“ auszeichnete: Die 19jährigen Erkenbrecher und Brexendorf hatten maßgeblichen Anteil am Umschwung nach der Pause, nachdem Trainer Piontek die enttäuschenden Schildt und Bracht ausgewechselt hatte. Vor allem Erkenbrecher hatte viele gute Szenen und übertraf sogar noch die soliden Außenverteidiger Zembski und Kontny, der zu viele Freistöße verursachte. Dieter Burdenski im Tor war am schnellen 0:2 schuld- und später meist beschäftigungslos. Was auf sein Tor kam, bewältigte er trotz minus acht Grad und einer zehn Zentimeter hohe Schneedecke fehlerlos.

Fehlerlos spielte auch sein Gegenüber Scholz, dem allerdings nur von Flügelflitzer Görts Gefahr drohte, weil sich Weist nach seiner Verletzung merklich zurückhielt. Görts allerdings machte dieses Manko durch eine prachtvolle Leistung wett und überdeckte auch die Schwächen von Dietrich und Kamp, bei denen zu viele Pässe nicht den Mitspieler erreichten.

Erreicht hat Werder dennoch viel, der Mannschaft ist es aber noch nicht genug. So entschloß man sich auf der Bus-Rückfahrt, bereits heute nachmittag ins Trainingslager zu gehen und dort bis Sonnabend, bis zum Bundesligaspiel gegen den MSV Duisburg, zu bleiben. Was das bedeutet, weiß Trainer Piontek am besten: einer ähnlichen freiwilligen Kasernierung über sechs Tage unterzog sich die Mannschaft zuletzt 1965 - im Jahr der deutschen Meisterschaft.

Statistik

VfL Bochum: Scholz, Fromm, Dewinski, Fediner, Versen, Tenhagen, Lameck, Laufer, Baltes (91. Eggert), Walitza, Eggeling (63. Bomm).

Werder Bremen: Burdenski, Kontny, Zembski, Höttges, Assauer, Kamp, Schildt (46. Brexendorf), Dietrich, Weist, Bracht (46. Erkenbrecher), Görts.

Schiedsrichter: Huster (Lohnstein).

Zuschauer: 4500.

Tore: 1:0 (12.) Versen, 2:0 (16.) Laufer, 2:1 (50.) Höttges (Foulelfmeter), 2:2 (89.) Höttges.

Das hochauflösende PDF der Original-Zeitungsseite gibt es hier (bei iOS den Link länger gedrückt halten).

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