Interview mit Clemens Fritz "Ausland - das könnte ich mir vorstellen"

Bremen. Er ist zwar nicht in Redelaune, gibt dann aber doch ein paar interessante Antworten: Clemens Fritz spricht im Interview über Werder Bremen als Bayerm-Jäger und seine Zukunftspläne.
29.09.2011, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Oliver Matiszick

Bremen. Die Szene nach dem Training Mittwochvormittag sagte viel aus über Clemens Fritz. Ein Radioreporter wollte einige Fragen beantwortet haben, Werders neuer Mannschaftskapitän betonte zwar, gerade nicht in "Redelaune" zu sein - kam der Bitte aber wie selbstverständlich trotzdem nach. Oliver Matiszick unterhielt sich anschließend mit dem 30-Jährigen über seine neuen Rollen im Werder-Gefüge, das vermeintlich beste Fußballeralter und seine Zukunftspläne.

Ihre Redelaune ist inzwischen hoffentlich zurückgekehrt?

Clemens Fritz (lacht):Als ich das vorhin gesagt habe, wusste ich genau, dass ich das sofort im Interview um die Ohren gehauen bekomme. Aber wir trainieren sehr intensiv im Augenblick - ich finde, da ist es verständlich, dass man erst mal einen Moment braucht, um sich zu erholen.

Der Trainer hat die Mannschaft in den Einheiten dieser Woche bisher vor allem spielen lassen - und das mit hohem Tempo.

Jetzt haben wir die Gelegenheit, das, was wir am Wochenende schlecht umgesetzt haben, intensiv aufzuarbeiten. Wenn man so will, ist es vielleicht das einzig Positive daran, dass wir in diesem Jahr unter der Woche nicht international spielen.

Wenn man auf die Tabelle schaut, hat man nicht den Eindruck, dass bei Werder gerade viele Dinge schlecht laufen.

Klar, im Augenblick stehen wir oben - aber es ist noch längst nicht alles so, wie wir uns das vorstellen. Wenn wir - wie gegen Hertha - in der 93. Minute das Siegtor machen, ist da auch Glück dabei. Wir sind noch steigerungsfähig.

Das muss in den Ohren der Konkurrenz irgendwie beunruhigend klingen.

Auf die anderen müssen wir doch überhaupt nicht schauen. Klar ist das schön, wo wir stehen - aber da müssen wir weitermachen. Die Bayern spielen einen hervorragenden, sehr souveränen Fußball - da muss mir doch keiner erzählen, dass wir die Bayern-Jäger sind.

Aber als genau das, als Bayern-Jäger, wird Werder jetzt wahrgenommen. Die Liga wundert sich - doch worüber muss sie sich eigentlich wundern? Dass Werder wieder so stark ist - oder aber dass Werder vergangene Saison so schwach war?

Ich kann verstehen, wenn sich jetzt einer wundert, dass wir da oben stehen. Wir sind ja auch schon in der Vorbereitung kritisch beäugt worden - und da lief sicherlich nicht alles rund. Und nach dem Pokal-Aus in Heidenheim haben alle gedacht: Was passiert jetzt mit Werder? Aber wir haben konzentriert weitergearbeitet. Wir verlassen uns nicht mehr nur auf das Spielerische, nun ist auch die läuferische Bereitschaft da, nach Angriffssituationen umzuschalten und schnell wieder hinter den Ball zu kommen. Deshalb wundert es mich nicht, dass wir momentan dort oben stehen.

Mit etwas mehr Eitelkeit hätten Sie aber auch sagen können: Es läuft ganz gut, seit der Kapitän Clemens Fritz heißt.

(lacht) Nein. Ich freue mich einfach über das Vertrauen, das ich bekommen haben - und versuche die Verantwortung zu übernehmen. Wir haben mit Torsten Frings und dann kurzfristig Per Mertesacker menschlich wie sportlich zwei wichtige Charaktere verloren - und jeder stellt sich der Aufgabe, das gemeinsam als Mannschaft aufzufangen. Das ist für mich entscheidend.

Ungefähr eine solche Antwort haben wir erwartet - weil Sie von der Art, wie Sie als Kapitän auftreten, sehr an Frank Baumann erinnern. Ruhig und besonnen, trotzdem präsent - aber keiner, der sich aufspielt.

Ich war so - und werde mich durch die Rolle als Kapitän auch nicht verändern. Ich bin nicht der Typ, der große Sprüche klopft oder anfängt, auf den Tisch zu hauen - aber dafür gibt es im Augenblick ja auch keinen Grund.

Zugleich ist Ihre Verantwortung auch im Spiel eine andere geworden. Sie sind von der Abwehr ins Mittelfeld umgezogen.

Ich fühle mich wohl dort. Im Spiel fühle ich mich dadurch präsenter - rechts hinten in der Abwehr ist man durch die Außenlinie ja zu einer Seite begrenzt. Im Mittelfeld hat man da mehr Möglichkeiten, kann variieren - mir tut das gut.

Früher war Ihr Spiel das aus der Tiefe des Raums. Was sind Sie jetzt - ein Mann der Mitte?

Nein, denn als Mittelfeldspieler habe ich ja auch das Defensivdenken noch drinnen. Wenn meine Nebenleute nach vorne gehen, lasse ich mich etwas fallen und sehe zu, dass es nicht zu offensiv wird. Die Mischung passt im Augenblick - ich denke, wir sind dadurch im Mittelfeld komplexer geworden.

Auch auf der anderen Halbposition leistet Aaron Hunt ein zuvor unbekanntes Defensivpensum ab. Im Vergleich zur Vorsaison wirkt Werder so wesentlich stabiler in der Rückwärtsbewegung.

Darauf haben wir in der Vorbereitung auch hingearbeitet. Laufbereitschaft ist wichtig, aber wichtiger noch ist, dass wir nach abgeschlossenen Angriffen schneller wieder in unsere Ordnung reinkommen. Das hat in der Vergangenheit zu lange gedauert, weshalb wir anfälliger waren. Jetzt machen wir das wirklich gut.

Stichwort Laufbereitschaft: Mit Ihrer Position hat sich auch das körperliche Anforderungsprofil verändert. Fällt die Umstellung schwer?

Im Mittelfeld ist man dauerhafter unterwegs, hinten kann man sich die Kräfte dagegen etwas besser einteilen, weil man nicht jeden Angriff mitgehen muss. Aber so groß ist der Unterschied letztlich nicht. Nach den Spielen tut mir jetzt nicht mehr weh als in der vergangenen Saison...

Von denen, die momentan zu Werders Stammelf zählen, sind Sie einer der ältesten Spieler...

... da kann man mal sehen, was wir für eine junge, gute Mannschaft haben.

Genau darum geht es: Mit bald 31 Jahren wird die Luft für einen Profi inzwischen dünner. Dortmund ist vergangene Saison mit einer sehr jungen Mannschaft Meister geworden - und die halbe Liga, selbst die Nationalelf versucht das Modell zu kopieren.

Tatsächlich merkt man, dass sich die Altersgrenze in der Liga verschoben hat. Als ich damals angefangen habe, war Sebastian Deisler der einzige 18-Jährige, der in der Bundesliga für Furore gesorgt hat. Damals war man mit 30, 31 Jahren im besten Fußballeralter - heute ist man es mit 25, 26 Jahren. Daran sieht man, wo der Trend hingeht.

Macht Ihnen das Sorgen?

Nein. Ich fühle mich körperlich gut - und solange ich mich gut fühle, möchte ich auch auf hohem Niveau spielen. Wenn ich merke, dass das nicht mehr möglich ist, muss ich aufhören.

Gibt es schon eine Idee von der Zeit danach?

Ich will mich da überhaupt nicht festlegen. Was ich mir aber überhaupt nicht vorstellen kann, ist Trainer im Profigeschäft zu werden. Aber ich könnte mir gut vorstellen, die Erfahrungen, die ich gesammelt habe, an Jugendliche weiterzugeben. Ich bin, seit ich ein Kind war, immer mit dem Sport verbunden gewesen - und dabei möchte ich bleiben. Es ist eine Zeit, der ich mit Spannung entgegensehe; aber das hat noch Zeit.

Und die nächste Zukunft? Was wird mit Ihnen über den nächsten Sommer hinaus, wenn Ihr Vertrag in Bremen endet?

Ich bin da völlig entspannt - zum passenden Zeitpunkt werden wir uns dann schon zusammensetzen. Ich glaube, im Moment sind da auch Thomas Schaaf und Klaus Allofs wichtiger. Ich bin ja nicht der einzige, dessen Vertrag ausläuft.

Wäre es denn eine Option, die Karriere bei Werder auch zu beenden?

Es ist immer alles möglich. Aber ich könnte mir auch gut vorstellen, noch einmal den Weg ins Ausland zu gehen - so wie bei Torsten Frings jetzt in Nordamerika, das finde ich eine spannende Sache. Ich glaube, dass einem das unheimlich viel fürs Leben gibt.

Von dem Leben, das Ihnen der Fußball ermöglicht hat, geben Sie umgekehrt etwas ab. Sie haben vor Jahren die Clemens-Fritz-Stiftung gegründet, die bedürftige Menschen und soziale Projekte in Ihrer Heimatstadt Erfurt unterstützt. Das ist auch nicht gerade alltäglich.

Damit will ich gar nicht groß hausieren gehen. Aber ich habe immer gesagt, von dem Glück, das ich im Leben hatte, möchte ich etwas abgegeben. Die Stiftung ist eine Sache, die ich nach meiner Karriere, wenn ich mehr Zeit habe, gerne noch ausbauen möchte. Aber mein Hauptjob ist jetzt das Fußballspielen.

Und wo wird der Hauptjob Sie diese Saison mit Werder hinführen?

Ich bin jetzt seit sechs Jahren in Bremen dabei - und es ist die erste Saison, dass wir nicht international spielen. Ich glaube, nach der vergangenen Saison sitzt jetzt keiner von uns gerne vor dem Fernseher und schaut sich dienstags und mittwochs die Champions League an. Dass wir da wieder hinkommen, das ist unser aller Anspruch.

Und wann darf offiziell vom Bayern-Jäger Werder gesprochen werden? Am 34. Spieltag?

Wir können ja noch mal in der Rückrunde darüber reden...

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