Fanforscher über die Rivalität im Nordderby

„Aussagen, die beschwichtigen sollen, sind kontraproduktiv“

Fanforscher Johannes Berendt hat Rivalitäten im Fußball untersucht. Mit MEIN WERDER spricht er über das verblüffende Ergebnis: Ein bisschen Säbelrasseln kann Fan-Aggressionen sogar durchaus vorbeugen.
22.02.2018, 10:08
Lesedauer: 3 Min
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„Aussagen, die beschwichtigen sollen, sind kontraproduktiv“
Von Patrick Hoffmann
„Aussagen, die beschwichtigen sollen, sind kontraproduktiv“

Tradition bei Nordderbys: Die Provokation des Gegners in der Fankurve.

nordphoto

Herr Berendt, der neue HSV-Präsident Bernd Hoffmann hat vor dem Derby gegen Werder gesagt: „Schon nächsten Sonnabend kommen wir mit 4000 oder 5000 Hamburgern zu Werder, und dann werden wir dort mal so richtig aufmischen.“ Was halten Sie von dieser Aussage?

Johannes Berendt : Diese Aussage ist sehr ungewöhnlich. Heutzutage wird vor einem Derby eigentlich nicht mehr versucht, die Stimmung anzuheizen, sondern eher, zu beschwichtigen. Wir haben aber in unseren Studien festgestellt, dass es wichtig ist, die besondere Rivalität anzuerkennen und sich auch entsprechend zu äußern. Wenn das die Intention von Herrn Hoffmann gewesen ist, ist das nicht unbedingt schlecht.

Ach ja? Wäre es nicht viel hilfreicher zu sagen: Liebe Leute, auch im Nordderby geht es bloß um drei Punkte.

Das wäre ganz falsch. Natürlich gibt es für den Gewinner auch im Nordderby nur drei Punkte, wie in jedem anderen Spiel. Aber solche Aussagen, die die Fans eigentlich beschwichtigen sollen, machen die Fans erst so richtig aggressiv. Sie sind also kontraproduktiv.

Wieso ist das so?

Die Rivalität ist ein wesentlicher Teil der Fan-Identität im Sport. Fußballfans identifizieren sich nicht nur darüber, wer sie sind, sondern auch insbesondere darüber, wer sie nicht sind. Für den Bremer ist klar: Ich bin Werder-Fan, und ich bin gegen den HSV. Ähnlich ist es bei Dortmundern und Schalkern. Oder bei Hannoveranern und Braunschweigern. Es gehört zum Selbstbild dazu, den anderen abzulehnen. Wenn der Konflikt mit dem Rivalen von den Vereinen nicht ernst genommen wird, reagieren die Fans verärgert. Bevor Trainer und Funktionäre also etwas herunterspielen, sollten sie lieber gar nichts sagen.

Wie genau sollten die Vereine denn dann kommunizieren?

In der Psychologie gibt es dafür den Ansatz der „dualen Identität“. Es geht darum, die Verschiedenheit der verfeindeten Gruppen zu wahren, sie jedoch gleichzeitig auf bestimmte Gemeinsamkeiten hinzuweisen. Nach dem Motto: „Wir sind Bremer, ihr seid Hamburger, wir sind verschieden, und das will auch niemand ändern. Aber: Wir stehen beide für den Norden.“ Unsere Studien haben gezeigt, dass auch rivalisierende Fans bereit sind, Gemeinsamkeiten anzuerkennen. Fans, die im Rahmen unserer Studie ein entsprechendes Statement zur „dualen Identität“ gelesen hatten, wiesen nachher signifikant niedrigere Aggressionen gegenüber rivalisierenden Fans auf als solche, die ein beschwichtigendes oder gar kein Statement gelesen hatten.

Was haben Sie in Ihren Studien noch gefragt?

Wir wollten zum Beispiel wissen: Wollen Sie, dass der Rivale absteigt?

Und, wie lautet das Ergebnis?

80 Prozent der Befragten haben gesagt, dass sie das nicht wollen. Wir haben Fans auch gebeten, eine Wunschtabelle nach dem 34. Spieltag aufzustellen, und da haben viele den Rivalen auf Platz 15 gesetzt, also auf den Platz, der das Leid des Rivalen maximiert unter der Bedingung, dass die Rivalität in der nächsten Saison fortgeführt werden kann. Das ist aber auch nicht überraschend, denn gegenseitige Frotzeleien gehören zum Sport dazu.

Die Rivalität zwischen Werder und dem HSV hat also durchaus positive Seiten?

Auf jeden Fall. In den Medien wird Rivalität ja meist negativ dargestellt, durch Berichte über Gewalt und andere Ausschreitungen. Aber Rivalität ist nicht gleich Hass. Und die Werder-Fans können sich glücklich schätzen, dass sie einen Erzrivalen haben. Dieses Glück hat nicht jeder Verein. Nehmen Sie nur mal den VfL Wolfsburg: Die werden von Hannover nicht ernst genommen. Die werden von Braunschweig nicht ernst genommen. Sie werden eher ignoriert, und wir wissen aus der Psychologie, dass es nichts Schlimmeres gibt.

Das Gewaltproblem lässt sich beim Nordderby aber nicht ganz wegdiskutieren.

Rivalität ist sicher ein zweischneidiges Schwert, mit positiven und negativen Konsequenzen. Aber Gewalt im Stadion ist ein komplexes Phänomen, und die Frage ist, ob sich die gewaltbereiten Fans durch eine andere Kommunikation überhaupt ändern ließen. Unser Ansatz hat sich eher an die breite Masse der Fans gerichtet. Und da ist eine Kommunikation mit dem Ansatz der „dualen Identität“ unsere ausdrückliche Empfehlung an die Vereine.

Das Gespräch führte Patrick Hoffmann.

Johannes Berendt

ist Mitarbeiter am Institut für Sportökonomie und Sportmanagement an der Sporthochschule in Köln. Der 36-Jährige hat für seine Studien zum Thema „Rivalität und Fan-Aggressionen“ 4000 Fans befragt.

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