Das Trainingslager-Tagebuch

Ballermann, Brummkreisel und Berlusconi

WK Flutlicht-Reporter Christoph Bähr verbachte eine Woche mit Werder auf Mallorca. Was er dabei Amüsantes und Kurioses abseits der Trainingseinheiten erlebte, fasst er seinem Tagebuch zusammen.
11.01.2020, 11:27
Lesedauer: 5 Min
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Ballermann, Brummkreisel und Berlusconi
Von Christoph Bähr
Ballermann, Brummkreisel und Berlusconi

Eine Vogelschar auf dem Trainingsplatz - das Mallorca-Trainingslager bot auch ungewöhnliche Impressionen und amüsante Erlebnisse.

nordphoto

Mallorca im Januar – da sind viele neidisch. In Deutschland friert es, und ich darf Werder ins Trainingslager nach Spanien begleiten. Es gibt wahrlich schlechtere Orte zum Arbeiten. Eines muss aber trotzdem festgehalten werden: So warm, wie manch einer in Deutschland denkt, ist das Wetter auf Mallorca zu dieser Jahreszeit nicht. Am späten Nachmittag frieren wir Journalisten am Trainingsplatz manchmal ganz schön. Ohne Winterjacke geht es nicht. Der Wind weht rau – auf der winterlichen Urlaubsinsel genauso wie im Bundesliga-Abstiegskampf. Trotz der ernsten Lage bei Werder passieren im Trainingslager aber auch amüsante Dinge.

Tag 1

Anna nickt höflich, aber ihr ist deutlich anzumerken, dass sie keine Ahnung hat, wovon ich rede. Die freundliche Dame an der Rezeption meines Hotels fragte beim Einchecken, was ich auf Mallorca mache. Also erzähle ich ihr, dass Werder Bremen gerade ein Trainingslager auf der Insel abhält, nur wenige Minuten vom Hotel entfernt trainiert und dass ich als Journalist darüber berichte. Am Ende meiner Ausführungen fragt sie: „Wie heißt der Verein nochmal?“ Ich wiederhole langsam: „Werder Bremen.“ Sie schaut mich an, als hätte ich gerade „Dnipro Dnipropetrowsk“ gesagt. „Den Namen muss ich mir gut merken. Mein Chef kennt die bestimmt.“ Die ganz große Nummer ist Werder auf Mallorca offenbar nicht. So ist das wohl, wenn man seit mehr als zehn Jahren nicht mehr europäisch gespielt hat.

Tag 2

„Ball am Mann statt Ballermann“ – dieses etwas sperrige, aber durchaus kreative Motto hat sich Werders Social-Media-Abteilung für das Mallorca-Trainingslager ausgedacht. Was für die Spieler gilt, muss aber ja nicht für mich gelten. Ich will doch zumindest mal kurz schauen, was Anfang Januar so los ist auf Mallorcas Partymeile. Der Anblick ist zunächst gespenstisch. Viele der großen Hotels für die Partytouristen sind komplett dunkel. Der riesige Mega-Park ist verrammelt, im Oberbayern ist es still. Nur einer hat immer geöffnet: der Bierkönig. Vereinzelt wird dort sogar getanzt zu den obligatorischen Ballermann-Hits. Richtig voll ist es aber nicht. Die zahlreichen Straßenhändler mit den bunten Sonnenbrillen im Angebot stehen draußen vor dem Bierkönig zusammen vor einem Fernseher. Kunden sind nicht in Sicht, also schauen sie spanischen Fußball – „Ball am Mann statt Ballermann“ gewissermaßen.

Tag 3

Interviewtermin mit Leo Bittencourt. Treffen in der Lobby des Mannschaftshotels. Das Castillo Hotel Son Vida thront auf einem Berg über Palma de Mallorca, es ist eine Mischung aus einem Palast und einer Ritterburg. Einen Burggraben gibt es zwar nicht, aber einen Turm und ein großes eisernes Tor. Nach dem Betätigen der Klingel öffnet es sich wie von Geisterhand. Rauf auf das riesige Gelände und den Eingang suchen, von der Terrasse aus lässt sich ganz Palma überblicken. Drinnen im Fünf-Sterne-Hotel erwartet mich eine ordentliche Portion Prunk: hohe Decken, edle Vorhänge, Plüschsofas, goldene Lampen. Im Januar 2019 logierte schon der 1. FC Köln während der Wintervorbereitung hier – und stieg am Ende in die Bundesliga auf. Vielleicht bringt Werder der Aufenthalt ja auch Glück.

Tag 4

Ein Testspiel gegen einen italienischen Drittligisten – das klingt erst einmal ausgesprochen langweilig. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass Werders Gegner AC Monza mehr Glamour zu bieten hat als man denkt. Das liegt vor allem an Silvio Berlusconi. Für 600 Millionen Euro verkaufte der Ex-Ministerpräsident seine Anteile am AC Mailand, um wenig später für drei Millionen Euro beim AC Monza einzusteigen. Dort versprach er sogleich: „Unsere Spieler werden keine Tattoos haben und ordentliche Haare tragen.“ Da Berlusconi steinreich ist, wurden auch schon Kaka und Zlatan Ibrahimovic als Zugänge in Monza gehandelt. Sie kamen nicht, die Mannschaft besteht ohnehin nur aus Italienern, auch das soll ein Wunsch Berlusconis gewesen sein. Gegen diese merkwürdige Truppe muss sich Werder mit einem 2:2 begnügen. Manch ein Journalist schaut sich dabei unter den rund 100 Zuschauern mal genauer um. Man kann ja nie wissen. Berlusconi ist allerdings nicht zum Spiel gekommen.

Tag 5

Mehr als eine halbe Stunde lang hat Davy Klaassen die Fragen der Journalisten beantwortet, doch als die Medienrunde auf der Terrasse des Mannschaftshotels zu Ende ist, will Werders Mittelfeldspieler selbst etwas wissen. „Was ist eigentlich dieser Ballermann?“, fragt der Niederländer und meint das ernst. „Was ist das? Alle Deutschen reden darüber. Ich kenne das gar nicht.“ Klaassen erfährt, dass es sich um eine beliebte Partymeile mit vielen Kneipen und Discos handelt. Seine Neugier weckt dies nicht. „Das ist nichts für mich“, sagt er nur und verabschiedet sich. Den folgenden freien Tag dürfte Werders Vize-Kapitän also eher nicht am Ballermann verbringen wollen.

Tag 6

Freier Tag für die Werder-Profis, da bleibt für mich Zeit, die Kathedrale von Palma und die imposante Altstadt zu besichtigen. Aber erst einmal hinkommen, ohne dass einem schwindelig wird, denn das eigentliche Wahrzeichen Mallorcas sind die Verkehrskreisel. Maximal einen Kilometer am Stück kann man geradeaus fahren, dann wartet wieder so ein zweispuriger Brummkreisel. Entspanntes Autofahren geht anders. Die Mallorquiner aber lieben ihre Kreisel sogar so sehr, dass oft Kunstwerke in der Mitte stehen. Vielleicht sind diese auch dafür da, dass man im Stau etwas zu gucken hat. Gerade in der Rush Hour geht im Kreisverkehr häufig nichts mehr. Nach welchen Regeln im Kreisel gefahren wird, erschließt sich einem ohnehin kaum. Ob Ampeln nicht für mehr Ordnung und einen besseren Verkehrsfluss sorgen würde? Solch eine Frage kann wahrscheinlich nur ein Deutscher stellen.

Tag 7

Spätestens jetzt steht fest: Ein neuer Spieler kommt im Trainingslager nicht mehr. Also sucht sich die „Bild“-Zeitung eine andere Story und lässt den Esel, der in der Nähe des Trainingsplatzes grast, per Möhren-Orakel vorhersagen, dass Werder absteigt. Damit aber nicht genug. In einer Medienrunde bekommt Jiri Pavlenka die Frage gestellt, wie die Mannschaft nun mit dieser Vorhersage umgehe. Die Antwort des Torwarts: Er lacht.

Tag 8

Im Charterflieger geht es zurück nach Bremen, und bei Flügen gilt: Die erste Reihe ist die Chef-Reihe. Yuya Osako weiß das anscheinend noch nicht, denn er nimmt zunächst ganz vorne im Flieger Platz. Als Cheftrainer Florian Kohfeldt kommt, muss der Stürmer seinen Sitz räumen. So viel Hierarchie muss dann doch sein. Also sucht sich Osako lächelnd einen Platz weiter hinten im Flugzeug, das uns alle sicher und pünktlich zurück nach Bremen bringt.

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