Zurückgeblättert: 26. Mai 1994

„Basler kokettiert mit einem Wechsel ins Ausland“

Seit 1963 spielt Werder in der Bundesliga, mehr als fünf Jahrzehnte, in denen sich im Fußball, bei Werder und in der Berichterstattung viel verändert hat. Mein Werder zeigt die Originaltexte und Zeitungsseiten.
27.05.2019, 10:25
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Von (mw)
„Basler kokettiert mit einem Wechsel ins Ausland“
Archiv Weser-Kurier

Am 26. Mai 1994 schrieb der WESER-KURIER:

Die beiden Wohnmobile sind rund zwölf Kilometer vor Malente an einem der vielen Waldwege der Holsteinischen Schweiz geparkt. Die Bundesstraße passieren derzeit täglich ein-, zweitausend Fußballfans auf dem Weg ins Quartier der deutschen Nationalmannschaft. Die Betreiber jener beiden Fahrzeuge tun ihr Angebot mittels eines signalgelben Kartons hinter der Windschutzscheibe kund: „Girls" steht darauf mit dickem schwarzem Filzstift. Solch simpel servierten Sinnesfreuden hätten sich Anfang der 70er Jahre zu Zeiten der wilden Breitners, Beckenbauers, Maiers und Co. sicherlich auch ins Trainingslager der nationalen Hoffnungsträger rumgesprochen. Doch das Loch im Zaun rund um die Sportschule des Fußballverbandes Schleswig-Holstein — heute sucht es keiner mehr.

„Wecken, Trainieren, Essen, Trainieren, Duschen, Fernsehen, Schlafen.„ So der vermutlich einzige Bremer WM-Teilnehmer Mario Basler, durchaus den Lebenslustigen der 90er Generation zuzurechnen, seinen derzeitigen Tagesablauf. Wobei Fernsehen und Schlafen meistens fließend ineinander übergehen. Könnten die Nationalspieler in ihren kargen Doppelzimmern den spanischen Sender „tve“ empfangen, gäbe es in diesen Tagen Mario Basler höchstselbst als Betthupferl. Die Spanier, deren Mannschaft am 21. Juni Deutschlands zweiter WM-Gegner sein wird, drehten gestern in Malente einen Film über den Gruppenfavoriten Deutschland und schoben ein Interview mit Werders Mittelfeldpieler nach — aus aktuellem Anlaß. Denn der schmächtige Deutsche mit dem goldenen rechten Fuß soll heißbegehrt sein beim spanischen Klub Atletico Madrid.

In solchen Fällen gehört es üblicherweise zu den Spielregeln bei Nationalmannschafts-Trainingslagem, sich in Zurückhaltung zu üben. Wie Andreas Möller, der alles und jeden Vereinsnamen, mit dem er gestern (mal wieder) konfrontiert wurde, dementierte. „Wie soll ich mit Dortmund verhandeln, ich bin doch hier„, fragte der Noch-Turiner treuherzig und mit der Routine von 38 Länderspielen. Bei Mario Basler sind derer erst zwei in der DFB-Statistik vermerkt, weshalb der Bremer ruhig etwas offensiver mit seiner Beliebtheit kokettieren darf. „Ich fühle mich sauwohl in Bremen. Aber ich wäre nicht abgeneigt, nach Madrid oder überhaupt ins Ausland zu wechseln, sonst wäre ich doch blöd“, sagte Basler.

Und das ist der gewitzte Pfälzer, der bei Werder erst vor knapp zwei Wochen einen glänzenden Vertrag herausgepokert hat, gewiß nicht. Jupp Heynckes, vormals Trainer von Athletic Bilbao und nun in Frankfurt, soll den Madrilenen jenen aufstrebenden Mittelfeldspieler aus Norddeutschland ans Herz gelegt haben. Bernd Schuster, einst Regent im Mittelfeld von Atletico Madrid, spielt in dem Gerücht die Rolle des Kontaktmannes zum Vereinspräsident Jesus Gil. Da auch noch Baslers Berater Wolfgang Vöge derzeit in der Sache Hany Ramsy (Werders möglicher neuer Libero von Xamax Neuchatel) ohnehin andauernd mit den Bremern verhandelt, möchte man kaum glauben, daß der Saisonaufsteiger „von dem Interesse aus Madrid nur aus der Zeitung" erfahren haben will.

Auch Willi Lemke, mit dem Basler in der Dämmerung von Malente ab und zu abendliche Telefonate führt, habe keine Anfrage vorliegen. Doch Mario Basler setzt sich, vorbeugend sozusagen, schon einmal mit dem Thema Vereinswechsel auseinander. „Mein Vertrag hat eine Klausel, nach der bei einem ausländischen Angebot ab sechs Millionen Mark verhandelt wird„, sagt er. Den Betrag darüber dürften sich Spieler und Verein, ähnlich wie zuvor bei den Tranfers von Völler und Riedle nach Italien, teilen. Also ist der Flirt mit Madrid — eigentlich nach Barcelona und Real die dritte Kraft auf der iberischen Halbinsel, aber in der abgelaufenenen Saison beinahe abgestiegen — für Basler „eine interessante Sache, die auch für Werder lukrativ wäre“.

Daß er schon nach einem Jahr Bremen der Bundesliga den Rücken kehren würde, empfindet Basler (25) nicht als ungewöhnlich. „Als Fußballer kann man sich das nicht aussuchen. Ob ein oder zwei Jahre bei einem Klub, ist in meinem Alter egal." Sprach's und würde, sollte sich Atletico (endlich auch offiziell) melden, „die entsprechenden Wege einleiten." Trost für die nun womöglich erschreckten Werderaner hat der WM-Star in spe aber auch: „Wenn mich der Verein nicht gehen läßt, bleibe ich eben in Bremen. Ich könnte mir sowieso vorstellen, in zehn, 15 Jahren meine Karriere bei Werder zu beenden. "

Das hochauflösende PDF der originalen Zeitungsseite von damals gibt es hier (bei iOS den Link länger gedrückt halten).

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