Emotionale Werder-Mitgliederversammlung

Baumann redet Klartext

Die Mitgliederversammlung von Werder Bremen war am Montagabend von emotionalen Momenten durchzogen. Die Vereinsmitglieder kritisierten diverse Entscheidungen und Frank Baumann räumte einige Fehler ein.
23.11.2016, 00:00
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Baumann redet Klartext
Von Marc Hagedorn
Baumann redet Klartext

Ein Abend mit Kritik und Selbstkritik: Sportchef Frank Baumann räumte auf der Mitgliederversammlung Fehler ein.

dpa

Die Mitgliederversammlung von Werder Bremen war am Montagabend von emotionalen Momenten durchzogen. Die Vereinsmitglieder kritisierten diverse Entscheidungen und Frank Baumann räumte einige Fehler ein.

So nahe wie Gerd Rathjen waren den Werder-Spielern zuletzt nur die Profis von Eintracht Frankfurt gekommen, und zwar im Bundesligaspiel am Sonntag im Weserstadion. Nun saßen am Montagabend Kapitän Clemens Fritz, Zlatko Junuzovic, Serge Gnabry, Philipp Bargfrede und Florian Grillitsch in der Werder-Halle an der Hemelinger Straße und verfolgten die Mitgliederversammlung.

Drei Stunden hatten sie schon hinter sich gebracht, als Rathjen, nur wenige Schritte vom Tisch der Profis entfernt, ans Mikrofon trat. Rathjen, jahrzehntelanges Werder-Mitglied und Inhaber der Trainer-A-Lizenz, sagte mit bebender Stimme: „Ich richte einen Appell an die Mannschaft: 6000 Bremer werden euch am Sonnabend nach Hamburg begleiten, jetzt seid ihr am Zug, zu gewinnen. Macht es und bringt die drei Punkte mit.“

Sechstündige Mitgliederversammlung

Rathjens Beitrag war nur einer von mehreren emotionalen Momenten auf einer Mitgliederversammlung, die so ganz anders war als die meisten Mitgliederversammlungen in der Vergangenheit. Zunächst einmal dauerte sie fast sechs Stunden.

Erst um 0:57 Uhr war Schluss. Manfred Müller, bis 2009 über 20 Jahre lang in leitender Position bei Werder tätig, sagte: „Das war neu, so etwas hatten wir noch nicht.“ Neu war auch der kontroverse Austausch von Meinungen, Einschätzungen und Positionen.

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Vereinsmitglieder hatten Redebedarf

Doch dass es finanziell wieder bergauf geht, rückte schnell in den Schatten, als die Vereinsmitglieder das Wort hatten. Sie hatten Redebedarf. Nach Rathjen formulierte erst der frühere Topsprinter Lars Figura in einem zehnminütigen Vortrag seine Kritik unter anderem an diversen Personalentscheidungen, dann war Detlev Reichelt an der Reihe. Der Jurist und Fußballer der fünften Herren trug aus einem 13-seitigen Papier vor.

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Reichelt kritisierte die Entscheider. „Werder wird schon seit Jahren nicht mehr unternehmerisch geführt“, behauptete Reichelt, „Vereine wie Mainz und Mönchengladbach sind uns sportlich und wirtschaftlich enteilt.“ Er kritisierte die personelle Fluktuation auf Schlüsselpositionen. „Seit 2011: drei Sportdirektoren, vier Trainer – wann hat es das in so kurzer Zeit jemals gegeben?“

Er kritisierte, dass den Mitgliedern erst am Wahlabend die drei Kandidaten für den neuen Aufsichtsrat vorgestellt wurden: „Haben wir überhaupt wirklich eine Wahl, oder sind wir nur Stimmvieh, das abnicken soll, was andernorts längst beschlossen wurde?“ Auch die Wahl der Aufsichtsratsmitglieder selbst – im Block und nicht in Einzelabstimmung – stellte Reichelt infrage. Er bekam bemerkenswert viel Applaus für seinen fast 20-minütigen Monolog.

Kritische Ausführungen

Das hinterließ Spuren. Als Thomas Krohne, Sportrechtevermarkter und später gewähltes Mitglied für den Aufsichtsrat, aufs Podium stieg, eröffnete er seine Vorstellung mit dem Hinweis: „Nach dem bisherigen Verlauf ist es gar nicht so einfach, sich vorzustellen.“ Bauunternehmer und Aufsichtsratsneumitglied Kurt Zech fand die kritischen Ausführungen „in der Summe etwas zu negativ“.

Zu behaupten, es ginge ein Riss durch Werder, es gäbe kein Miteinander mehr zwischen Basis und Spitze, wäre falsch. Was aber stimmt: Die Mitglieder sorgen sich, sie machen sich Gedanken darüber, warum Werder sportlich seit Jahren nicht vom Fleck kommt. Das führte zu sehr wahren, manchmal schmerzhaften, manchmal auch ungerechten und hier und da sachlich nicht ganz korrekten Einschätzungen.

Hubertus Hess-Grunewald ist aber bereit, dies in Kauf zu nehmen. „Wir müssen diese Auseinandersetzung lernen“, sagte der Geschäftsführer und Werder-Präsident, „oft gab es hier gar keine Wortmeldungen. Ehrlich gesagt, ist es mir so lieber.“

Eingeständnis von Frank Baumann

In diesem Sinne, also klare Worte zu wählen, war vorher auch Frank Baumann ans Rednerpult getreten, um sein Wirken zu bilanzieren. „Sechs Monate, eine Trainerentlassung, im Pokal raus, elf Spiele, sieben Punkte und 29 Gegentore – das ist alles nicht gut.“ So eröffnete Baumann seinen Beitrag.

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Es folgten ein Eingeständnis („Ich habe einige Fehler gemacht“) und eine Bestandsaufnahme von den Verhältnissen zu der Zeit seiner Amtsübernahme. „Wir hatten Ende Mai 36 Spieler unter Vertrag.“ „Wir hatten keine Scouting-Ergebnisse, weil wir kaum noch Scouts hatten.“ „Wir hatten nach dem Abgang von Jannik Vestergaard, der nicht mehr zu verhindern war, keinen Innenverteidiger, aber 16 Mittelfeldspieler.“ Die Bedingungen, die ihm sein Vorgänger Thomas Eichin hinterlassen hatte, waren keine einfachen, sollte das wohl heißen.

Baumann räumte ein: „Der große Kader ist definitiv nicht ideal.“ Baumann versuchte aber zu erklären: „Als wir die Chance hatten, Max Kruse, Robert Bauer und Serge Gnabry zu holen, hatte diese Chance Vorrang vor der Kaderverkleinerung.“ Mit den Konsequenzen muss sich Baumann nun in der nächsten und übernächsten Transferperiode auseinandersetzen.

Parallelen zu 1999

Er und Trainer Alexander Nouri („Wir werden den Weg mit ihm weitergehen“) müssen nun diejenigen Spieler identifizieren, die Werder helfen, und diejenigen Profis benennen, die der Klub besser abgibt. „Wir werden künftig eine andere Mannschaft erleben“, versprach der Geschäftsführer Sport, „wir werden die Mannschaft in die Pflicht nehmen.“

Versöhnlicher wurde Baumann erst gegen Ende. „Ich sehe viele Parallelen zu 1999“, sagte er, „eine Strukturdebatte wie heute, ein zu großer Kader und ein Team, das alle mit seinen Leistungsschwankungen in den Wahnsinn getrieben hat.“ 1999 war der damalige Jungprofi Frank Baumann gerade aus Nürnberg nach Bremen gekommen und spielte seine erste von zehn Saisons für Werder. 1999 gilt als das Jahr, nach dem langsam, aber stetig alles besser wurde.

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