Werders neue Stärke Baumann: "Standards mit der nötigen Konsequenz"

Sechs Tore hat Werder in den vergangenen fünf Spielen nach Standardsituationen erzielt. Woher kommt diese Stärke bei Standards? Werder-Sportchef Frank Baumann sagt, dafür gebe es mehrere Gründe.
20.03.2017, 00:00
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Von Andreas Lesch

Sechs Tore hat Werder in den vergangenen fünf Spielen nach Standardsituationen erzielt. Woher kommt diese Stärke bei Standards? Werder-Sportchef Frank Baumann sagt, dafür gebe es mehrere Gründe.

Frank Baumann überlegt kurz, dann entscheidet er sich für Florian Grillitsch. Das Tor des Mittelfeldspielers gegen RB Leipzig sei für ihn das schönste gewesen, das sein Team zuletzt aus einer Standardsituation erzielt hat, sagt Werders Sportchef. Grillitsch vollendete einen Freistoß-Trick, den die Bremer im Training geübt hatten: Zlatko Junuzovic hatte den Ball von der linken Seite quer gespielt, Grillitsch drosch ihn in den Winkel. Dieser Treffer ist bundesweit bestaunt worden. Auch in Bremen feiern sie ihn – als Teil eines neuen Trends.

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Sechs Tore hat Werder in den vergangenen fünf Spielen nach Standardsituationen erzielt. Beim 2:0 in Mainz traf Serge Gnabry per Kopf nach einem Eckball von Junuzovic, und Thomas Delaney verwandelte einen Freistoß direkt. Beim 2:1 in Wolfsburg traf Gnabry nach einem Freistoß von Junuzovic und anschließender Kopfball-Verlängerung von Lamine Sané. Das 2:0 gegen Darmstadt leitete Max Kruse durch einen Elfmeter ein. Das 1:1 in Leverkusen sicherte Claudio Pizarro, der nach einem Freistoß von Junuzovic einen Schuss von Robert Bauer ins Tor abfälschte. Und jetzt, beim 3:0 gegen Leipzig, traf eben Grillitsch.

Woher kommt diese Stärke bei Standards? Baumann sagt, dafür gebe es mehrere Gründe: „Wir sind stabiler, wir haben mehr Aktionen dort vorn. Wir haben das trainiert. Und wir schießen die Standards jetzt auch mit der nötigen Konsequenz, wir wollen uns durchsetzen.” Baumann lobt Assistenztrainer Florian Bruns, der für das Üben von Standardsituationen zuständig ist: „Flo macht das sehr, sehr gut. Und auch die Spieler bringen sich mit ein.” Die Tore nach Freistößen, Eckbällen und Elfmetern seien ein entscheidender Grund für die jüngste Bremer Erfolgsserie, sagt Baumann: „Das hat uns in den letzten Wochen sehr geholfen.”

"Es zeichnet uns aus, dass wir flexibel sind"

Besonders freut sich Baumann darüber, dass Werder durch ganz unterschiedliche Varianten zum Erfolg gekommen ist: „Es zeichnet uns aus, dass wir flexibel sind und nicht auf einen Schützen angewiesen.” Junuzovic sei am ruhenden Ball stark, genauso aber Delaney, Gnabry und Kruse, sagt Baumann: „Wir haben genug Quantität und Qualität.” Die Qualität sei entscheidend, sagt Frank Wormuth, der Leiter der Fußballlehrer-Ausbildung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB): „Das A und O sind die Standardschützen. Die müssen die Bälle bringen. Ihre Kollegen können sich im Strafraum bewegen, wie sie wollen, und sie können die größten Spieler der Welt sein: Wenn der Ball nicht kommt, dann bringt das alles nichts.”

Die Bedeutung von Standardsituationen könne man zum einen an Statistiken ablesen, sagt Wormuth. Bei Welt- und Europameisterschaften entstünden aus Freistößen, Eckbällen und Elfmetern rund 30 Prozent aller Tore. Zum anderen hätten Standardsituationen auch eine gefühlte Wichtigkeit: „Es heißt oft von Trainern, dass eine Standardsituation dazu geführt hat, dass das Spiel gekippt ist.” Kein Wunder, dass immer mehr Mannschaften solche Situationen gezielt üben. Wormuth beobachtet, dass mittlerweile in vielen Klubs der Co-Trainer für die Standards zuständig ist: „Da entwickelt sich auf jeden Fall etwas in den Mannschaften.” Sie wollen ihre Chancen am ruhenden Ball nicht mehr dem Zufall überlassen.

Federführend bei Standardsituationen sei in der Bundesliga der SC Freiburg, sagt Wormuth: „Da erarbeitet sogar die Mannschaft die Standards.” Freiburgs Co-Trainer Lars Voßler habe vor Jahren beim DFB mal einen Vortrag gehalten über Standardsituationen. Das habe sogar das Trainerteam der deutschen Nationalmannschaft inspiriert.

"Es geht also um Organisation, Laufwege und Abläufe"

Bei Werder hat Florian Bruns, seit er mit Alexander Nouri die Profis betreut, das Verhalten bei Freistößen und Eckbällen trainieren lassen – in der Offensive wie in der Defensive. Jede Woche stehe das Thema auf dem Programm, sagt Bruns: „Jeder muss wissen, was das Team in einer Situation von ihm verlangt. Es geht also um Organisation, Laufwege und Abläufe.” Der Co-Trainer merkt an, Standards seien „nur ein Baustein für ein erfolgreiches Spiel, nicht mehr und nicht weniger”. Er sagt aber auch: „Die Erfahrung zeigt, dass sie gerade auf sehr hohem Niveau ein Schlüssel sein können, um enge Spiele zu entscheiden.”

Werders Treffer in den vergangenen Spielen sind dafür der beste Beweis. Sportchef Baumann ist stolz darauf. Er sagt, sein Klub stehe bei Standards „im Liga-Vergleich schon sehr gut da”. Natürlich, betont Baumann, wolle Werder sich bei Freistößen und Eckbällen noch weiter verbessern: „Aber das ist Jammern auf hohem Niveau.”

Der DFB-Trainerausbilder Wormuth sagt, man müsse sich ohnehin alle sechs Wochen neue Standards einfallen lassen: „Denn nach einer gewissen Zeit sind die natürlich im Scouting der Gegner drin.” Manchmal, merkt Wormuth an, habe er das Gefühl, die Standardsituationen in der Bundesliga könnten mehr Esprit gebrauchen: „Sehr viele Freistöße werden einfach scharf auf den kurzen Pfosten getreten – weil sich herumgesprochen hat, dass das brandgefährlich ist.”

Wormuth mag es, wenn Mannschaften Varianten wagen, die noch keiner kennt. Das lohne sich, glaubt er, denn Standardsituationen böten eine Chance, die es sonst im Spiel nicht gibt. Wenn der Ball ruhe, vor einem Freistoß, Eckball oder Elfmeter, dann könne die verteidigende Mannschaft nur reagieren. Agieren könne allein das angreifende Team: „Die Mannschaft, die am Ball ist, entscheidet, wie’s läuft.” Wenn sie klug entscheidet, kommt vielleicht ein Tor wie das von Florian Grillitsch heraus.

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