Bittencourt macht Werders Kader komplett Baumann: „Wir haben uns verbessert“

Werders Sportchef zauberte am letzten Transfertag Leo Bittencourt statt Nabil Bentaleb hervor - eine offensivere, aber sinnvolle Wahl. Mit seinen Transfers und mit dem Kader ist Baumann nun sehr zufrieden.
03.09.2019, 12:21
Lesedauer: 4 Min
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Von Jean-Julien Beer

Werders Manager Frank Baumann hat seinen Ruf als Schlitzohr mal wieder bestätigt: Weil sich der lange geplante Transfer des Schalker Mittelfeldspielers Nabil Bentaleb wegen einer plötzlichen Knie-Operation des Algeriers nicht realisieren ließ, präsentierte Baumann am letzten Transfertag kurzerhand eine andere blau-weiße Lösung: Leo Bittencourt (25) wechselt auf Leihbasis von der TSG Hoffenheim an die Weser, nach dieser Saison kann Bremen den früheren deutschen Junioren-Nationalspieler kaufen.

„Manchmal ist es ganz gut, im Transferendspurt nicht alles auf ein Pferd zu setzen“, sagte Baumann dazu am Montagabend mit einem breiten Schmunzeln, „dann hat man noch Optionen, wenn sich in den letzten Tagen etwas verändert.“ Diesmal gab es sogar viele Veränderungen: Erst erfuhren die Bremer durch Bentalebs Berater von einer bevorstehenden Knie-Operation. Damit war für Baumann klar, „dass wir angesichts der vielen Verletzten bei uns lieber einen Spieler holen, der uns direkt helfen kann“. Dann meldete sich Bittencourts Berater mit dem Hinweis, dass der Spieler wechseln und gerne zu Werder kommen möchte. Gleichzeitig veränderte sich vereinsintern kurzfristig das Profil des gesuchten Mannes, „wegen der Ausfälle und unserer Situation“, wie Baumann es formulierte.

Eine Folge des Rashica-Ausfalls

Denn weil nach dem langen Ausfall von Milot Rashica (Muskelverletzung im Adduktorenbereich) ein Flügelspieler im Kader fehlte, konnte Werder sein Spiel zuletzt nicht wie gewohnt offensiv in die Breite ziehen. Bittencourt hilft genau hier weiter, er kann sowohl links als auch rechts auf dem Flügel agieren – aber auch als Zehner hinter den Spitzen oder als offensiver Achter. Letzteres könnte nach Rashicas Genesung und je nach Gegner sogar öfter greifen, wenn Trainer Florian Kohfeldt statt Nuri Sahin einen sprintstärkeren und aggressiveren Sechser braucht. Weil Bentaleb nicht kam, muss Kohfeldt dann nämlich Maximilian Eggestein ins defensive Mittelfeld beordern, davor würden als Achter Davy Klaassen und Bittencourt spielen. Diese Variante würde so lange greifen, bis Philipp Bargfrede nach seiner Knie-Operation wieder als Sechser zur Verfügung steht; wie lange Mittelfeldspieler Kevin Möhwald wegen seiner Knieprobleme ausfällt, ist noch offen. „Schon im letzten Jahr war Leo unser Wunschspieler„, erklärt Kohfeldt, “er ist ein technisch starker, gestandener Bundesligaspieler, der unser Offensivspiel mit seinen Qualitäten bereichert.“

Der Bittencourt-Transfer ging binnen drei Tagen über die Bühne, "am Montag um 17.28 Uhr war alles unterschrieben", freute sich Baumann. Der Offensivspieler stand zwar schon im vergangenen Sommer auf Werders Wunschliste, wechselte damals aber lieber für sechs Millionen Euro Ablöse vom 1. FC Köln nach Hoffenheim, wo er in der Champions League spielen konnte. In Bremen komplettiert er nun das Kölner Dreigestirn aus der jüngsten Abstiegssaison des FC: Damals standen neben Bittencourt auch die jetzigen Werder-Profis Claudio Pizarro und Yuya Osako am Geißbockheim unter Vertrag. Der Integration und dem Zusammenspiel dürfte das nicht schaden, zumal sich Bittencourt unter dem früheren Hoffenheimer Trainer Julian Nagelsmann taktisch und fußballerisch deutlich verbesserte. Nach dem großen personellen Umbruch im Kraichgau sah der Spieler jetzt aber kaum Chancen auf einen Stammplatz, weshalb sich für Werder relativ unverhofft die Tür öffnete. "Ich bin froh, dass es am letzten Tag noch geklappt hat", sagte Bittencourt am Montag, "ich kannte Frank Baumann und Florian Kohfeldt ja schon aus dem letzten Jahr und wir waren sofort auf einer Wellenlänge. Ich freue mich auf meine Zeit bei Werder.“ Es soll nun im zweiten Versuch miteinander klappen.

Neue mit Bundesliga-Erfahrung

Bittencourt ist ein typischer Spieler für Werders offensiven Ballbesitzfußball der Kohfeldt-Ära: technisch gut geschult, dribbelstark, schnell – jedoch auch nur 1,71 Meter groß. Dieses Maß erbte er aus der Familie: Sein Vater Franklin, in Brasilien geboren und langjähriger Bundesligaprofi bei Energie Cottbus, war nur einen Zentimeter größer.

Nach einem komplizierten Sommer zog Baumann ein zufriedenes Fazit. Nur ein Stammspieler ging: Max Kruse. Es wurden fünf Spieler verpflichtet: Niclas Füllkrug, Marco Friedl (war zuvor nur von Werder ausgeliehen), Ömer Toprak, Michael Lang und nun Bittencourt. Alle Neuzugänge kommen aus der Bundesliga. „Das hat den Vorteil, dass sie die Liga kennen und auch wir die Spieler schon besser kennen“, sagte Baumann. „Wir haben uns verbessert, wenn alle gesund sind“, urteilte der Sportchef mit Blick auf Werders Kader, den er „in der Breite und in der Spitze“ nun besser aufgestellt sieht. Natürlich müsse man „noch ein paar Wochen“ mit einer schwierigen personellen Situation leben, „aber das werden wir durchstehen“.

Bittencourt war schon am Montag im Weserstadion und wird an diesem Dienstag um 9 Uhr offiziell vorgestellt. Danach trainiert er zunächst individuell, bevor er am Mittwoch erstmals draußen mit der Mannschaft üben soll. Am Donnerstag steht ein Test ohne Zuschauer bei Hannover 96 an, Bittencourt und auch Lang sollen sich hier mit ihren neuen Werder-Kollegen einspielen.

Für Baumann war es einmal mehr ein intensiver Transfersommer. Auch wenn er „sehr überrascht“ war, dass in den letzten Tagen keine außergewöhnlichen Anfragen für Werders Stammspieler kamen: „Das lag wohl daran, dass wir uns klar positioniert hatten und keiner unserer Spieler hier weg möchte.“ Einen kleinen Seitenhieb auf die Branche konnte sich Baumann nicht verkneifen und erzählte seelenruhig, aber mit einem breiten Lächeln: „Es kommt immer noch sehr viel am Ende einer Transferphase, es werden einem auch sehr viele Spieler angeboten. Häufig auch dieselben Spieler von verschiedenen Leuten, das kommt sehr sehr häufig vor. Es passieren interessante Geschichten.“

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