Gladbach-Manager Max Eberl im Interview

„Bayern ist das beste Beispiel“

Hier spricht der Tabellenführer: Gladbachs Max Eberl im Interview des WESER-KURIER über richtige Entscheidungen bei Traditionsklubs, die Qualität des nächsten Gegners Werder Bremen und den Hoeneß-Rückzug.
08.11.2019, 13:23
Lesedauer: 9 Min
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Von Jean-Julien Beer
„Bayern ist das beste Beispiel“

Manager des Tabellenführers: Max Eberl von Borussia Mönchengladbach findet den nächsten Gegner Werder Bremen "sportlich herausragend aufgestellt".

dpa

Herr Eberl, es gibt einen beliebten Spruch unter Bundesliga-Managern: Wenn die Bayern mal ein schwächeres Jahr haben, dann muss man….

Max Eberl: …dann könnte man zur Stelle sein!

Ist Ihre Borussia schon stark genug, ein schwächeres Bayern-Jahr auszunutzen?

Bisher hat sich dieser Spruch bei uns bewahrheitet, wenn es um die Europapokalplätze ging. Unser Credo war immer: Wir wollen bestmöglich arbeiten, auf und neben dem Platz, um zur Stelle zu sein, wenn große Vereine schwächeln. So gehen wir in jede Saison. Derzeit stehen wir auf Platz 1, aber fast noch schöner ist die Tatsache, dass wir schon 22 Punkte geholt haben, weil wir hier im Sommer gerade erst etwas Neues begonnen haben und anfangs noch nicht so stabil unterwegs waren.

Welcher Manager-Typ sind Sie? Einer, der sich freut, nun jeden Tag irgendeine Meisterfrage gestellt zu bekommen? Oder einer, der sich jeden Morgen aufmacht, um alle Meisterfragen abzuwehren?

Ich pflege eher Zurückhaltung, habe aber trotzdem die Realität im Auge. Ich falle bei schlechten Resultaten nicht in den Keller und bin auch keiner, der nach Siegen himmelhochjauchzend ist. Mir ist aber natürlich klar, dass wir in den vergangenen Jahren alle zusammen in Gladbach einen sehr, sehr guten Job machen. Mit allen beteiligten Personen, und jetzt auch mit einem neuen Trainer. Viele Dinge müssen ja funktionieren, sonst wären wir nicht schon seit Jahren dabei, um Europa mitzuspielen. Wir waren auch schon in der Champions League und kämpfen jetzt wieder in der Bundesliga-Spitzengruppe mit. Ich wehre mich also nicht gegen solche Fragen, versuche aber, sie realistisch einzuordnen. Ich bin aber auch keiner, der sich über die Meisterfragen freut – weil es einfach noch zu früh ist.

Mönchengladbach ist inzwischen ein Vorbild für viele Klubs. Werder-Manager Frank Baumann wies zuletzt in einem Interview bei uns darauf hin, dass es für Traditionsvereine immer schwieriger wird, sich in der Bundesliga in einer guten Position zu halten. Wie kann man es schaffen?

Wir haben einen Weg beschritten, der mit einem prägenden Erlebnis startete, nämlich der Relegation 2011 – als wir um Haaresbreite dem Abstieg entronnen sind. Aber dann haben wir in der Summe viele richtige Entscheidungen getroffen. Wir hatten sehr gute Trainer, mit Lucien Favre und Dieter Hecking, zwischendrin war es Andre Schubert. Wir haben es immer geschafft, gute Spieler entweder zu verpflichten oder sie aus unserer Akademie nach oben zu holen und sie zu entwickeln. Mit ihnen erfolgreich zu sein, ist dann der erste wichtige Schritt – aber mit ihnen auch Transfererlöse zu erzielen, die wir wieder in die Mannschaft investieren konnten, das ist der zweite wichtige Schritt.

Man muss also sehr viel richtig machen. Trotzdem gibt es aber enorme Konkurrenz.

Das ist völlig richtig. Auch wenn wir in der Summe viele richtige Entscheidungen getroffen haben, sage ich immer wieder: Es gibt diese Top-6 in der Bundesliga mit Bayern, Leverkusen, Dortmund, Leipzig, Wolfsburg und Schalke. Die stehen von den finanziellen Möglichkeiten über den anderen. Jetzt kommt Hertha BSC noch dazu mit einem Investor und unfassbaren Summen, wenn ich die Zahlen aus Berlin höre. Wenn diese Klubs alles richtig machen, dann werden wir halt Siebter oder Achter in der Bundesliga. Frankfurt macht es auf unserer Augenhöhe, Hoffenheim auch. Und Werder Bremen kommt wieder dazu. Und wenn man sieht, wie eng diese Liga ist, dann muss man noch mehr auf Kontinuität achten und versuchen, sich nicht verbiegen zu lassen. Man muss realistisch bleiben, ob nach Siegen oder Niederlagen. Keine Extreme, sondern versuchen, gute Entscheidungen zu treffen. Das ist der Weg, den wir in den vergangenen acht Jahren gegangen sind.

Dieser Weg führte nun bis an die Tabellenspitze, seit vier Wochen schon, was Gladbach zuletzt in der Meistersaison 1976/77 erlebte. Wie fühlt sich Platz 1 an?

Man würde lügen, wenn man sagt, es fühlt sich nicht gut an. Gerade weil wir es schon seit vier Spieltagen verteidigt haben. Das ist ein absolut schöner Moment. Wichtiger sind für mich aber wie gesagt diese 22 Punkte aus zehn Spielen, die befähigen erst dazu, Tabellenführer zu werden. Zumal die Konkurrenz sehr ausgeglichen ist. Zwischen Platz zwei und Platz neun liegen nur zwei Punkte, da sieht man, wie eng es in der Liga zugeht.

Schon wird diskutiert, ob das ein Ausdruck von Stärke oder von Schwäche ist…

Für mich ist das ein Ausdruck von Qualität. Viele Vereine machen einen guten Job und andere, die man vielleicht oben erwartet hätte, die stottern noch etwas. Aber das kann sich wieder ändern, wenn diese Vereine ans Laufen kommen. Dass wir auf Platz 1 stehen, fühlt sich jedenfalls gut an. Ich brauche aber auch keinem zu sagen, dass es am allerschönsten ist, wenn man nach 34 Spieltagen oben steht. Es ist ein schöner Moment, aber es ist noch lange hin. Der Weg, den wir eingeschlagen haben, der ist jedenfalls richtig.

Wie groß ist der Anteil von Trainer Marco Rose daran?

Wir haben im Sommer eine Entscheidung gefällt, die für den Fußball untypisch war. Dass man nämlich einen Trainerwechsel vornimmt, obwohl man als Klub sehr erfolgreich ist. Mit Platz 5 waren wir extrem erfolgreich. Man sollte auch nicht denken, der Eberl oder die Borussia hätten das gemacht, um noch mehr Erfolg zu haben. Ich habe es vorhin ja angedeutet: Wir müssen immer wieder kreativ sein, wir müssen immer wieder neue Ansätze und Wege finden, um in diesem Wettbewerb der Großen dabei zu bleiben. Finanziell werden wir es nicht können, also müssen wir versuchen, es anders zu machen. Deshalb war unser Ansatz, noch etwas auf unseren erfolgreichen Ballbesitzfußball on top zu setzen, das zu Gladbach passt: Aktivität nach vorne, Pressing, etwas Körperlichkeit. Da haben wir mit Marco Rose den für mich passendsten Trainer gefunden, der nun definitiv einen großen Anteil hat. Und der sehr schnell die Mannschaft überzeugt hat. Das ist wichtig. Wir wollen ja weiter unseren Ballbesitzfußball spielen, aber mutiger und mit höheren Ballgewinnen. Da hat Marco in kürzester Zeit schon einen sehr guten Job gemacht. Auch in Sachen Mentalität, was ja gerade in Deutschland breit diskutiert wird. Wir hatten auch schon Spiele, die etwas holpriger waren, wo wir dann aber mit aller Macht versuchten, etwas mitzunehmen. Dafür wirst du belohnt. Der Anteil des Trainers ist also sehr groß – aber das haben wir uns ja auch gewünscht bei der Verpflichtung.

Man hat Ihnen angemerkt, dass es total schwer war, sich trotz guter Jahre von Dieter Hecking zu trennen und diesen Schritt mit Rose zu gehen. Wirkt der Erfolg jetzt wie Balsam nach diesem emotional schwierigen Trainerwechsel?

Das war wirklich so und es ist schön, wenn das auch außerhalb von Gladbach so wahrgenommen wird. Es ist uns und mir sehr schwer gefallen, weil Dieter Hecking ein großartiger Mensch und ein super Trainer ist. Aber ich möchte meinen Job bestmöglich machen und für meinen Klub die beste Entscheidung treffen. Das habe ich getan. Wenn wir jetzt erfolgreich sind, dann ist das schön. Weniger wegen der Leute, die den Trainerwechsel deshalb jetzt für richtig halten. Davon waren wir ja immer überzeugt, sonst hätten wir eine so gravierende Entscheidung nicht gefällt. Ich freue mich eher, dass so schnell viele Dinge in unserem Spiel gegriffen haben - obwohl wir bei allem Erfolg noch in der Entwicklung stecken und auch einige Spieler verletzt fehlen. Es unterstützt unseren neuen Weg definitiv, dass wir so früh viele Punkte geholt haben.

Gönnen Sie Dieter Hecking den Aufstieg mit dem HSV, damit es ein Wiedersehen im Borussia-Park gibt?

Absolut.

Stichwort Trainerwechsel: Den ersten gab es diese Saison erst nach dem 10. Spieltag, so spät wie seit 20 Jahren nicht. Bayern trennte sich von Niko Kovac. Ist die Zeit des wilden Wechselns in der Bundesliga etwa vorbei?

Das vergangene Jahr war sehr intensiv und hatte viele Trainerwechsel zur Folge. Jetzt haben wir eine Saison, in der es erst einen Wechsel gab, den beim FC Bayern. Und der war, wie ich es verstanden habe, noch vom Trainer selbst mit initiiert. Letztlich muss es jeder Verein für sich entscheiden. Mein Eindruck ist: Die Klubs, die nachhaltiger mit den Trainern und Verantwortlichen arbeiten, sind auf lange Strecke erfolgreicher. Natürlich gibt es mal gute Gründe für einen Trainerwechsel, und das macht übrigens kein Sportdirektor gerne. Manchmal habe ich das Gefühl, dass viele denken: Ach, die Sportdirektoren reagieren viel zu schnell. Aber es ist doch nicht unser Wunsch, einen Trainer zu entlassen. Es ist doch unser Wunsch, langfristig mit den Trainern zu arbeiten. Natürlich wünscht man sich, dass die jetzige Anzahl an Trainerwechseln eher die Regel ist in der Liga. Aber ich denke, das wird sich immer in einem gewissen Rahmen bewegen, dass doch am Saisonende der ein oder andere Trainer und auch mancher Sportdirektor den Verein verlassen musste.

Kommen wir zum Spiel am Wochenende. Gladbach steht nun für attraktiven Fußball und Leidenschaft. Wofür steht Werder Bremen?

Werder steht für mich eigentlich für ähnlichen Fußball. Florian Kohfeldt ist jetzt zwei Jahre im Amt. Ich denke, dass sich in Bremen wieder etwas entwickelt mit ihm, Frank Baumann und Marco Bode. Damit sind sie sportlich herausragend aufgestellt, wie ich finde. Vergangene Saison hat es ja fast geklappt mit Europa. Dieses Jahr haben sie wieder sehr offen über Europa gesprochen, was ich sehr sympathisch finde. Aber so ist halt die Bundesliga, du weißt vorher nie, was dann passiert. Der Start war für Werder kompliziert aufgrund der extrem vielen Verletzten. Das ist ja auch so ein Thema: Wenn du vor der Saison ein Ziel nennst, dann gehst du natürlich davon aus, dass der gesamte Kader zur Verfügung steht. Dann hatten sie zu Beginn echt große Probleme mit den Ausfällen. Zuletzt haben sie fünf Spiele nicht gewonnen, aber halt auch nicht verloren. Das bringt dich von den Punkten nicht wirklich weiter. Ich habe mir am Wochenende das Spiel gegen Freiburg angesehen, das war natürlich extrem ärgerlich mit der Standardsituation am Ende. Ich glaube aber: Wenn sie alle Mann wieder an Bord haben, dann kann Werder nach der Länderspielpause anfangen, wieder einen Lauf zu haben (schmunzelt).

Allerdings ist Werder auswärts schon jetzt sehr unangenehm zu spielen, wie die Unentschieden in Dortmund, Frankfurt und Leverkusen zeigten. Ein Gegner, der einem auch ohne Bestbesetzung Probleme bereiten kann…

Absolut. Weil sie wirklich eine willige Mannschaft haben und einen Trainer, der immer wieder einen Plan hat und eine Idee entwickelt, wie man gegen bestimmte Mannschaften spielen kann. Das ist schon bemerkenswert. Deshalb sage ich ja: Bremen kann das schaffen, was vorher wir in Gladbach, aber auch Frankfurt oder Hoffenheim erreicht haben. Werder kann immer eine Mannschaft sein, die in den Europapokal rutscht. Auswärts zeigen Sie mit diesen Ergebnissen, was für eine Qualität sie haben. Wir haben großen Respekt vor Werder und wir sind uns der Schwere der Aufgabe bewusst. Aber natürlich wollen wir im besten Fall unseren Lauf, wen wir gerade haben, fortsetzen.

Im Sommer wechselte Michael Lang auf Leihbasis von der Borussia zu Werder. Was wäre Ihnen lieber: Dass er nach der Saison mit viel Spielpraxis zurückkommt oder dass Werder ein Kaufangebot macht?

Wir haben Michael Lang früh signalisiert, dass es für ihn in der neuen Saison schwierig werden könnte wegen der Konkurrenzsituation bei uns. Ich habe mich am Ende extrem gefreut, dass es dann für Michael so ein cooler Verein und ein sehr guter Trainer geworden ist. Was jetzt im Sommer passiert, werden wir in Ruhe abwarten. Da gibt es auch keine Tendenz. Ich kann nur sagen, dass Michael Lang ein Top-Profi ist, der bei uns in nur einem Jahr bewiesen hat, was für einen großartigen Charakter er hat und was für ein toller Mensch er ist. Ich finde, er hat einen super Verein gefunden, für wie lange auch immer.

In diesem Herbst tritt eine Manager-Legende von der ganz großen Bühne ab: Bayern-Präsident Uli Hoeneß. Sie sind beim FC Bayern aufgewachsen und haben eine enge Beziehung. Was verliert die Bundesliga durch den Hoeneß-Rückzug?

Wir verlieren schon eine Figur, wenn nicht die Figur schlechthin, die den deutschen Fußball und die Bundesliga in einer unfassbar starken Art repräsentiert hat. Das Werk von Bayern München ist ganz stark mit Uli Hoeneß verbunden. Ich bin 1993 von den Bayern fortgegangen. Ich habe dort erlebt, wie das erste Internat gebaut worden ist, das war Ende der 80er-Jahre. Ich habe mitbekommen, wie sie mit Hermann Gerland und Wolf Werner Profi-Trainer zu Jugendtrainern gemacht haben. Wie sie also visionäre Schritte gegangen sind. Wie sie das Merchandising angegangen sind und wie das Trainingsgelände gewachsen ist. Dementsprechend stiegen die Einnahmen, und dann kamen mit guten Entscheidungen die Erfolge. Bayern München ist das beste Beispiel, was Traditionsvereine mit guten Entscheidungen in der Vergangenheit heute wert sein können. Deshalb glaube ich, dass wir durch Uli Hoeneß ein Aushängeschild der Bundesliga verlieren.

Was mögen Sie eigentlich weniger: Fragen nach der Meisterschaft oder Fragen über einen Wechsel als Manager zurück zum FC Bayern?

Die Frage nach der Meisterschaft ist natürlich erst einmal schön, weil man sich dann in Tabellenregionen bewegt, die deutlich interessanter sind als jene, die wir vor zehn Jahren zu erklären hatte. Und wenn man mit Bayern München in irgendeiner Weise in Verbindung gebracht wird, dann passiert das ja auch nicht, weil man gut aussieht oder nett ist – sondern weil man einen guten Job macht. Es sind also beides Fragen, die mit guter Arbeit einhergehen.

Apropos Bayern: Erwarten Sie die Münchner nach dem Trainerwechsel nun stärker?

Das ist echt schwer zu sagen, weil ich aus der Ferne nicht beurteilen kann, warum etwas mit Niko Kovac nicht funktioniert hat. Fakt ist, dass er mit Bayern das Double geholt hat nach einer der besten Rückrunden der Vereinsgeschichte, was die Punkte betrifft. Und Fakt ist auch, dass Bayern den besten Kader hat und für sich den Anspruch, Deutscher Meister zu werden und in der Champions League weit zu kommen. Deshalb wäre es nicht überraschend, wenn sich jetzt wieder eine Dynamik im Kader entwickeln würde. Nicht wegen Niko Kovac, sondern einfach wegen der Entscheidung. Dass sie jetzt einfach wieder in so einen Lauf geraten, dass sie der Konkurrenz vorne weglaufen.

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