Kommentar Bei Werder, da geht wieder was

Sieben Spiele ohne Niederlage, darunter sechs Siege. Es läuft bei Werder. Das Signal dieser Erfolgsserie strahlt aber weit über die aktuelle Tabellensituation hinaus, kommentiert Marc Hagedorn.
05.04.2017, 17:22
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Bei Werder, da geht wieder was
Von Marc Hagedorn

Sieben Spiele ohne Niederlage, darunter sechs Siege. Es läuft bei Werder. Das Signal dieser Erfolgsserie strahlt aber weit über die aktuelle Tabellensituation hinaus, kommentiert Marc Hagedorn.

Man darf das jetzt ruhig mal genießen. Werder hat sechs der letzten sieben Spiele gewonnen. In dieser Sieben-Spieltags-Tabelle der Bundesliga steht Werder auf Platz eins. Vor Bayern. Vor Dortmund. Vor allen anderen.

Werder hat die letzten drei Spiele mit drei Toren Differenz gewonnen. Das hat es seit 1993 nicht mehr gegeben. Hinweis an alle Spätergeborenen: Der Trainer hieß damals Otto Rehhagel, vorne spielten Andreas Herzog und Wynton Rufer, hinten machten Dieter Eilts und Rune Bratseth dicht.

Und auch das ist eine Statistik aus dem Frühjahr 2017: Werder spielt gerade die beste Rückrunde seit zwölf Jahren. Drei Zu-Null-Siege im Weserstadion gab es zuletzt vor zehn Jahren. Das alles fiel in die Ära Thomas Schaaf, die geprägt wurde von Spielern wie Johan Micoud, Torsten Frings, Ailton oder Diego.

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Von Rehhagel und Schaaf, Eilts und Bratseth, Micoud und Ailton war in den vergangenen fünf, sechs Jahren oft die Rede. Aus Nostalgie. Weil sich ihre großen Erfolge jährten. 20 Jahre Europapokal 2012. Zehn Jahre Double 2014. Viele Werder-Fans mussten in letzter Zeit sehr in der Vergangenheit leben. Die Gegenwart war so trist. Vier Trainer seit der Saison 2013/2014. Drei Sportdirektoren. Fast jedes Jahr Abstiegskampf.

Jetzt ist es nicht so, dass Werder gerade dabei ist, an die glorreichen Zeiten unter Rehhagel und später unter Rehhagel-Schüler Schaaf anzuknüpfen. Das zu behaupten, geht im Moment dann doch zu weit. Werder unter Rehhagel und Schaaf hatten über Jahre und nicht nur über Wochen Erfolg. Außerdem ist das neue Gebilde noch nicht abschließend auf Robustheit geprüft, auch wenn diese Mannschaft und ihr Trainer Alexander Nouri in dieser Saison schon zwei Negativserien mit je vier Niederlagen am Stück überstanden haben.

Bei Werder wächst etwas heran

Behaupten darf man im April 2017 aber: Man kann sich inzwischen wieder richtig gut - oder erstmals seit Jahren überhaupt - vorstellen, dass bei Werder tatsächlich etwas heranwächst. Jahrelang fanden die überraschenden Erfolgsgeschichten der Bundesliga anderswo im Lande statt. Mal verzückte Augsburg die Liga, mal Mainz, mal Freiburg, mal Frankfurt, mal Berlin. Nur Werder nie. Warum das jetzt plötzlich anders ist?

Weil Werder endlich wieder gute Spieler hat. Weil Werder einen Sportdirektor hat, der die richtigen und guten Spieler eingekauft hat. Und weil Werder einen Trainer hat, der aus den Spielern, die der Sportdirektor ihm zur Verfügung stellt, verdammt viel herausholt.

Werder hat so viele Spieler von internationaler Klasse wie lange nicht mehr. Max Kruse, Thomas Delaney. Serge Gnabry. Geholt hat sie Frank Baumann, der Sportchef. Inspiriert von diesen Könnern finden Spieler zu alter Bestform zurück (Zlatko Junuzovic), bringen lange vermisstes Feuer in die Mannschaft (Robert Bauer), entwickeln sich (Milos Veljkovic, Maximilian Eggestein) oder steigern sich (fast alle).

Nouri noch ohne neuen Vertrag

Dafür gesorgt hat der Trainer. Der heißt Alexander Nouri und hat immer noch keinen Vertrag für die nächste Saison. Er wird ihn aber bestimmt bald bekommen. Es sei denn, Frank Baumann spielt verrückt und holt einen Neuen. Aber dass Baumann zu Verrücktheiten neigt, konnte man bisher von dem Spieler, Sportdirektor und Menschen Frank Baumann nicht behaupten.

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Nouri hat bisher getan, was er tun konnte. Er hat der Mannschaft taktische Flexibilität verpasst. Sie kann nun mehrere Systeme spielen. Von Fußball der Marke Werder darf man nach so kurzer Zeit noch nicht sprechen. Aber nach Jahren der Unentschlossenheit ist jetzt ein Muster erkennbar. Werder spielt deutlich aggressiver und selbstbewusster als unter Viktor Skripnik und Robin Dutt.

Jeder Schuss ein Treffer

Dutt redete Werders Möglichkeiten klein. Skripnik tat das oft auch, träumte aber trotzdem davon, wie sein großes Vorbild Schaaf Hurra-Fußball spielen zu lassen. Aber dafür hatte er gar nicht die Leute. Sein Nachfolger Alexander Nouri ist da pragmatischer. Die Werder-Mannschaft will gar nicht dauernd am Ball sein. Sie schaltet lieber schnell um, wenn sie ihn erobert hat. Und im Moment ist fast jeder Schuss ein Treffer. Da läuft gerade sehr viel sehr gut. Aber selbst wenn demnächst Phasen kommen, in denen nicht mehr jeder Schuss im Tor landet, bleibt das Gefühl, dass da grundsätzlich eine Mannschaft auf dem Platz steht, die weiß, was sie zu tun hat. Das ist – gemessen an den vergangenen Jahren – schon eine ganze Menge.

Frank Baumann hat Ende November auf der Mitgliederversammlung gesagt, dass ihn die aktuelle Situation an die Jahre 1998/1999 erinnere. Schön wär’s, dachte man. Schön ist’s, denkt man nun. Da ist es im Prinzip auch fast schon egal, ob Werder am Ende nun Sechster, Siebter, Achter oder Elfter wird. Viel wichtiger ist das Signal, das Verein, Trainer und Mannschaft in diesen Wochen senden. Es lautet: Bei Werder, da geht wieder was.

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