Werder Bremen Bei Werder fehlt die Balance

Bremen. Statt der Raute setzt Werder-Trainer Thomas Schaaf auf eine offensiv gestaltete Marschroute. Warum die Mannschaft aber die Balance zwischen Offensive und Defensive verliert, erklärt der Taktik-Experte Jonathan Wilson.
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Von Marcel Heberlein und Thorsten Waterkamp

Bremen. Die Raute hat als taktisches System bei Werder ausgedient – stattdessen setzt Trainer Thomas Schaaf auf eine offensiv gestaltete Marschroute mit zwei schnellen Außenspielern. Seine Mannschaft aber verliert die Balance zwischen Offensive und Defensive – warum, erklärt der britische Taktik-Experte Jonathan Wilson.

Werder spielt mit Raute. Gefühlte 100 Jahre hatte dieser Satz Gültigkeit – nicht nur mit Bezug auf das Vereinswappen. Ein klassischer Abräumer vor der Abwehr, der rennt, bis die Lunge streikt, grätscht, bis der Schiedsrichter pfeift; ihm zur Seite zwei Adjutanten für den Spielaufbau; davor der allmächtige Spielmacher: So sah Werders taktische Aufstellung im Mittelfeld aus. Bis zum vergangenen Sommer. Seitdem ist das heilige 4-4-2 Geschichte, ein neues 4-3-3-System hat Einzug gehalten.

"Dem 4-4-2 mangelt es vor allem an echtem Flügelspiel", sagt Jonathan Wilson, der ein Buch über die Geschichte der Fußball-Taktik geschrieben hat. "Alles funktioniert nur über die Mitte des Feldes. Es sei denn, die Außenverteidiger sind überragende Individualisten und rennen die Linie ständig rauf und runter." Diese Ausnahmekönner sind selten, gerade auf der linken Seite. Dusko Tosic, Aymen Abdennour, Petri Pasanen, Sebastian Boenisch, Mikaël Silvestre: Die Liste der Spieler, die dort bei Werder ihr Glück gesucht, aber nicht gefunden haben, füllt ganze Bücher. Die Umstellung auf ein 4-3-3 könnte somit auch als ein Eingeständnis gelten, dass es diesen perfekten Außenverteidiger momentan nicht gibt – oder Werder ihn, wenn es ihn denn gäbe, nicht bezahlen kann.

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Im neuen 4-3-3-System besorgen das offensive Flügelspiel vor allem die Außenstürmer, bei Werder sind das Eljero Elia und Marko Arnautovic. Sie belegen die Außenbahnen links und rechts der zentralen Mittelfeldduos Aaron Hunt und Kevin De Bruyne und sollen das Bremer Spiel unberechenbarer machen. Elia und Arnautovic können entweder bis zur Grundlinie sprinten und von dort in die Mitte flanken oder dribbelnd in Richtung Strafraum ziehen und dort, wie es Arjen Robben so oft tut, den Torschuss suchen. Sollen sie – tun sie aber zurzeit nicht. Von Unberechenbarkeit war in Augsburg keine Spur: Die Flügelzange Elia/Arnautovic ist bisher nicht so furchteinflößend, wie erhofft. Der Österreicher zieht mit dem Ball am Fuß selten in die Mitte. Das wissen die Verteidiger – und stellen die Laufwege zu. Umgekehrt ist es bei Elia. Der sucht lieber den Abschluss mit seinem starken rechten Fuß. So ist ein Gutteil von Werders neuer Unberechenbarkeit dahin.

Weiteres Bremer Problem: Von den Außenverteidigern passt eigentlich nur einer perfekt in das neue System. Denn die Außenverteidiger sollen sich – so die Theorie – als zusätzliche Anspielstationen anbieten, indem sie die Flügelstürmer hinterlaufen, also in ihrem Rücken an der Auslinie entlangsprinten. In der Praxis passiert das viel zu selten: In den vergangenen Wochen überzeugte in dieser Disziplin am ehesten noch Lukas Schmitz beim Spiel in Freiburg. Von Clemens Fritz kommen Sprints entlang der Linie selten, und wird er als Linksverteidiger eingesetzt, gibt’s ein weiteres Manko. Fritz ist Rechtsfuß, Flanken mit links sind seine Sache nicht.

Wenn es einen Außenverteidiger mit Offensivdrang bei Werder gibt, dann ist das Theodor Gebre Selassie. Er erfüllt damit das Profil für ein 4-3-3, wie die Grün-Weißen es spielen, noch am ehesten. Aber der Tscheche sorgt nicht nur nach vorn, sondern auch nach hinten für Gefahr. Am vergangenen Freitag in Augsburg wurde er nur eingewechselt.

System hat in der Defensive Lücken

Und auch defensiv hat das neue System seine Tücken. "Das 4-3-3 ist generell taktisch anspruchsvoller als ein geradliniges 4-4-2", sagt Taktik-Guru Wilson. Vor allem die drei Spieler im Mittelfeld müssen sich ständig abstimmen und aufpassen, dass die Räume zwischen ihnen nicht zu groß werden. "Es gibt drei Möglichkeiten, wie man das Mittelfeld in diesem System strukturieren kann: Mit einem echten Balleroberer vor der Abwehr; mit zwei Defensiven, die sich in ihrem Spielstil ergänzen; oder mit drei spielstarken Spielern. Die aber müssen taktisch perfekt harmonieren."

Werder versucht sich am dritten Modell. Zlatko Junuzovic spielt den defensiven Part in der Mitte, als eine Art tief spielender Spielmachertyp. Aaron Hunt und Kevin De Bruyne assistieren ihm auf den Halbpositionen. Wenn der Gegner im Ballbesitz ist, ziehen sich auch Arnautovic und Elia mit ins Mittelfeld zurück. Aus dem 4-3-3 wird dann ein 4-1-4-1, das im besten Fall so kompakt steht wie in den ersten 75 Minuten gegen den FC Bayern. Bei Ballgewinn sollen die fünf im Mittelfeld blitzschnell ausschwärmen und überfallartig kontern.

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Auffällig oft allerdings bekommt nun die Werder-Defensive Probleme gegen Mannschaften, die ihrerseits schnell umschalten. Denn Zlatko Junuzovic, Aaron Hunt und Kevin De Bruyne müssen, erklärt Wilson, eine Kompaktheit erzeugen. "Bei einer Dreierreihe im Mittelfeld ist es umso wichtiger, dass alle gemeinsam in Richtung des Balles verschieben. Sonst entstehen schnell entscheidende Lücken", sagt er. Hinzu kommt: Der ballführende Spieler wird von Junuzovic, Hunt und De Bruyne nur selten aggressiv bedrängt. Ein ums andere Mal ist dadurch der Weg frei für Pässe in die Schnittstellen der Abwehr und Fernschüsse von der Strafraumgrenze – Probleme, die Werder auch im alten System hatte.

"Die perfekte Taktik gibt es nicht", sagt Experte Jonathan Wilson. Denn letztlich, glaubt der Brite, werfen alle Systeme Fragen auf. Auch bei Werder – und so suchen die Grün-Weißen nach sieben Spieltagen weiterhin die Antworten. Wobei sich für Aaron Hunt die grundsätzliche Systemfrage gar nicht stellt. "Am System", sagt Werders Mittelfeldmann mit einem Blick auf die zuletzt so eklatant schwachen Vorstellungen seiner Mannschaft, "liegt es nicht."

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