Schalkes Problemfall schwärmt von Bremen Bentaleb will unbedingt zu Werder

Nabil Bentaleb sitzt in Frankreich auf gepackten Koffern. Nach einem Gespräch ist er überzeugt, seine Karriere in Bremen wieder in Schwung bringen zu können. Werder und Schalke verhandeln nun letzte Details.
24.08.2019, 08:16
Lesedauer: 4 Min
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Von Jean-Julien Beer

Nabil Bentaleb weiß inzwischen eine Menge über Werder. Er kennt die Namen der Mittelfeldspieler, ist vertraut mit der Bremer Rautenformation und mit einer möglichen Doppelsechs. Auch hat er nun eine Ahnung davon, wie Werder das Gegenpressing forciert. Vor allem aber gefällt es ihm, dass diese grün-weiße Bundesligamannschaft aus Deutschlands Norden immer den Ball haben und attraktiv nach vorne auf Sieg spielen möchte, ganz egal, wie der Gegner heißt. Letzteres deckt sich zu 100 Prozent mit Bentalebs Grundverständnis von Fußball. Wie der WESER-KURIER aus Bentalebs Umfeld in Frankreich erfuhr, kehrte Werders Wunschspieler schwer beeindruckt und voller Vorfreude von einem Treffen mit Bremer Verantwortlichen zurück, das in den vergangenen Tagen an einem neutralen Ort in Deutschland stattfand.

Werders Macher schweigen dazu, haben dabei aber offensichtlich ganze Arbeit geleistet. Denn schon kurz darauf ließ Bentaleb seinen bisherigen Verein Schalke 04 wissen, dass er seine Zukunft nun in Bremen sieht und bei keinem anderen Verein. Wie schon bei der Verpflichtung des Dortmunders Ömer Toprak, der von vielen Klubs umworben wurde, ist dieses klare Bekenntnis zu Werder nun das Ass im Ärmel von Frank Baumann. Seit Tagen pokert der Sportchef mit der Schalker Führung um die bestmögliche Lösung. Werder möchte den 24-jährigen algerischen Nationalspieler gerne ausleihen und rennt damit auf Schalke offene Türen ein. Es hakt in den Verhandlungen aber noch bei der Frage, wie es nach der Saison in Bremen weitergehen soll. Anders als im Fall Toprak möchte sich Werder diesmal nicht darauf einlassen, den Spieler im kommenden Sommer kaufen zu müssen. Baumann und Trainer Florian Kohfeldt wollen Bentaleb als Spieler und als Mensch erst im Bundesliga-Alltag kennen lernen, bevor sie einen größeren Millionenbetrag nach Gelsenkirchen überweisen. Schließlich war Bentaleb auf Schalke immer wieder in Negativ-Schlagzeilen verwickelt. Erst suspendierte ihn der junge Coach Domenico Tedesco, später machte das auch Trainer-Urgestein Huub Stevens.

Umstrittene Suspendierungen

Bei dem Gespräch unter Männern kam natürlich auch das zur Sprache. Werder hatte sich im Vorfeld sehr gut informiert und konnte bei Bentaleb nun auch damit punkten, dass man eine andere Perspektive auf die Vorfälle habe und in Bremen grundsätzlich einen anderen Umgang miteinander pflegt. Eine der Suspendierungen auf Schalke zum Beispiel könnte man auch als unglückliche Verkettung von Umständen betrachten, als Bentaleb den ihm zugewiesenen Platz auf der Tribüne beim Schalker Heimspiel gegen Leipzig nicht einnahm, weil die Risikoschwangerschaft seiner Frau genau an diesem Wochenende mit der Geburt von Zwillingen endete.

Wie auch immer: Seit Monaten ist das Verhältnis zwischen dem Spieler und den Schalkern völlig zerrüttet. 2016 war er für 20 Millionen Euro aus Tottenham ins Revier gewechselt, er ist damit hinter Breel Embolo der zweitteuerste Schalker Neuzugang aller Zeiten. Zunächst führte Bentaleb das Team zur Vizemeisterschaft und in die Champions League, doch im zunehmend destruktiveren Schalker Spiel war im Abstiegskampf bald kein Platz mehr für einen Fußballer wie ihn. Seither wurde Bentaleb bei den Königsblauen vor allem als schwer durchschaubare Diva wahrgenommen sowie als höchst selbstbewusster Anführer der französischsprachigen Gang im Kader. Wegen anhaltender Leistenbeschwerden wurde der Spieler im Sommer zur Behandlung geschickt und verbringt seither eine unnatürlich lange Reha in Frankreich – wohl nur, damit er das Schalker Vereinsgelände nicht mehr betritt. Bentaleb steht dort zwar noch bis 2021 gut dotiert unter Vertrag, er soll den x-ten Neuanfang der Königsblauen aber nicht stören.

Schalke will am Erfolg teilhaben

Von daher kommt Werders Interesse für Schalke und für den Spieler zur richtigen Zeit. Auch wenn sich die Bremer anstrengen mussten, Bentaleb zu überzeugen. Denn der in Frankreich geborene Mittelfeld-Leader versteht sich als Star mit internationalen Ansprüchen. Ein Klub wie Werder Bremen, der nicht mal die Europa League erreichte, stand ursprünglich nicht auf seiner Agenda. Doch Kohfeldt funktioniert in solchen Fällen wie der großartige Jürgen Klopp. Er kann Spieler für seine Idee von Fußball und für seine Visionen begeistern.

Die Schalker ahnen inzwischen, dass Bentaleb im Bremer Umfeld wieder aufblühen könnte und wollen deshalb vertraglich regeln, im kommenden Sommer möglichst viele der bisher verbrannten Bentaleb-Millionen noch retten zu können. Wenn sich beide Klubs auf eine fixe Ablöse und womöglich eine Beteiligung an einem späteren Weiterverkauf geeinigt haben, könnte Bentaleb schon Anfang kommender Woche in Bremen vorgestellt werden, zunächst aber auf Leihbasis. Für das folgende Heimspiel gegen den FC Augsburg stünde er jedoch noch nicht zur Verfügung. Werder geht nach den ersten Eindrücken aber davon aus, dass Bentaleb nach seiner erfolgreichen Reha noch im September auf Bundesliganiveau helfen könnte, vielleicht nach der Länderspielpause.

Aussicht auf Stammplatz lockt ihn

Bentaleb möchte sich auch deshalb auf Werder einlassen, weil er an einem entscheidenden Punkt seiner Karriere angekommen ist. Er braucht dringend regelmäßige Einsätze, um seine alte Klasse zu erreichen und mit Toren, tollen Pässen und möglichst vielen Siegen positiv auf sich aufmerksam zu machen. Werder bietet ihm genau dafür die besten Bedingungen: In Kohfeldts kleinem Kader rangeln gerade mal vier gelernte Mittelfeldspieler um drei Plätze (Maxi Eggestein, Davy Klaassen, Kevin Möhwald und Nuri Sahin); spielen die Bremer mit Raute, käme Yuya Osako noch hinzu. Wann und ob der langzeitverletzte Philipp Bargfrede wieder mitwirkt, ist völlig offen. Für die Strapazen einer langen Saison und für einen gesunden Konkurrenzkampf ist dieses Personal viel zu wenig. Bentaleb ist als klare Verstärkung vorgesehen und könnte als schneller und aggressiver Sechser wertvolle Dienste leisten, aber auch als torgefährlicher und passfreudiger Antreiber auf der Acht oder der Zehn. Auch diese Aussicht auf 30 oder mehr Saisonspiele lockt ihn nach Bremen. Man muss sich dabei immer bewusst sein: Ein hochklassiger Fußballer wie Bentaleb liegt normalerweise in einem Einkaufsregal, an das Baumann mit seinem bescheidenen Budget nicht mal zu denken braucht. Dieser Spieler kommt aus der fußballerischen Feinkostabteilung, in die Mittelfeldklubs der Bundesliga eigentlich keinen Zutritt haben. Wenn Werder die günstige Gelegenheit nun wirklich nutzen kann, ist das Risiko überschaubar. Die Chance, sportlich wie wirtschaftlich einen Volltreffer landen zu können, scheint deutlich größer.

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