Wieso Werder nicht nur Idealismus predigt Blaschke: „Bei Werder hinterfragt man sich“

Autor Ronny Blaschke beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Hintergründen des Sports. Im Interview spricht er über die Frage, wie Fußball-Bundesligisten gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.
09.02.2017, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Lisa-Maria Röhling

Autor Ronny Blaschke beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Hintergründen des Sports. Im Interview spricht er über die Frage, wie Fußball-Bundesligisten gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.

In Ihrem Buch „Gesellschaftsspielchen“ erklären Sie, dass Werder lange Zeit der einzige Verein war, der auf gesellschaftliche Fragen passende Antworten gefunden hat. Was ist eigentlich an Werder so sozial?

Ronny Blaschke : Werder predigt nicht nur Idealismus. Der ist zwar schön, aber damit kann man eine kommerzorientierte Branche wie den Fußball nicht verändern. Werder hat früh eine CSR-Abteilung (Corporate Social Responsibility, Anm. d. Red.) entwickelt – also eine Abteilung mit Experten und Partnern für gesellschaftliches Engagement. Diese Abteilung entwickelt und begleitet Projekte, die sich nicht nur an junge Menschen richten, sondern auch an Senioren, Familien oder Geflüchtete. Die CSR-Direktion ist bei Werder direkt dem Präsidenten unterstellt, das ist einmalig im deutschen Fußball. Es geht dem Verein nicht nur darum, Geld an wohltätige Projekte zu spenden, sondern man beobachtet alle Prozesse des profitorientierten Sports.

Werder gibt jährlich eine Millionen Euro für ungefähr 20 soziale Projekte aus. Ist das im Vergleich zu anderen Vereinen eine große Summe?

Ja, aber das muss man in Relationen setzen. Denn die Spielerberater haben im gleichen Jahr auch etliche Millionen bekommen – da kann man auch sagen, dass es mehr sein könnte. Aber im Vergleich zu anderen Vereinen ist es viel. Bei Werder sind fast zehn Mitarbeiter für Gesellschaftspolitik verantwortlich, das ist einmalig. Wenn sie den FC Bayern anschauen, der reichste Verein, der hat viel weniger System drin. Aber das Geld ist nicht der einzige Gradmesser für eine sozialbewusste Vereinskultur.

Gleichzeitig sind Fußballvereine natürlich auch ihren Sponsoren verpflichtet. Wie viel Spielraum gibt es da wirklich?

Wir sollten uns nichts vormachen: Einerseits unterstützen alle Vereine Initiativen für benachteiligte Kinder. Andererseits machen sie sich von Sportartikelherstellern abhängig, die junge Näherinnen in Niedriglohnländern ausbeuten. Was Vereine in der Regel verkennen: Man kann mit sozialen Projekten auch neue Partner gewinnen. Eben nicht nur Imbissketten, Wettanbieter oder Bierbrauereien, sondern Genossenschaftsbetriebe, Bildungseinrichtungen oder Kulturinstitutionen. Das sind Partner, die den Fußball als Vermittlungsmedium für relevante Themen entdecken. Werder ist gut vernetzt in der Stadtgesellschaft, und immer mehr Klubs orientieren sich daran. Dafür braucht man eben auch im Marketing eines Klubs Leute, die ein Gespür für die Lebenswirklichkeit der Fans und Mitglieder haben.

Natürlich ist jeder Fußballverein auch profitorientiert. Wie sehr können Vereine gesellschaftliche Aufgaben übernehmen und dann trotzdem eine Balance mit ihrer Marketingabteilung haben?

Werder Bremen hat einen Nachhaltigkeitsbericht herausgebracht. Da hat auch Klaus Filbry zugegeben: Man kann keine Garantie dafür übernehmen, wie Nike produzieren lässt oder wie Wiesenhof seine Strukturen organisiert. Dieser Sponsorendeal mit Wiesenhof hatte Werder ja auch geschadet. Doch ich glaube, dass der Schaden größer geworden wäre, wenn die CSR-Abteilung intern und extern nicht klug moderiert hätte. Bei Werder ist das Themenfeld organisch gewachsen: Praktikanten wurden zu festen Mitarbeitern und dann wurde es zur Abteilung. Aber nur mit Freiwilligkeit geht es nicht. Man müsste verpflichtende Elemente einbauen. Klubs müssen viel erledigen, um eine Bundesligalizenz zu erhalten. In diesem Verfahren sollte das soziale Engagement mehr sein als das gönnerhafte Spenden an Projekte. Der Fußball profitiert von staatlicher Unterstützung: durch Polizeikosten, Fanprojekte oder den Bau von kommunalen Sportstätten. Die Milliardenindustrie Fußball sollte systematisch etwas zurückspielen an die Gesellschaft und das eigene Geldverdienen mehr hinterfragen.

Bremen ist eine Stadt mit zahlreichen sozialen Problemen in Vergleich zu anderen Bundesländern. Ist es da nicht auch irgendwie Selbstversorgung, wenn Werder die Menschen und die Stadt unterstützt?

Jede Stadt hat unterschiedliche Probleme, aber auf jede Stadt trifft zu, dass ein Fußballbundesligist einer der bekanntesten Träger ist. Es gibt Städte, denen es ähnlich schlecht geht wie dem Stadtstaat Bremen, und die Klubs machen weitaus weniger. Wenn Werder Bremen weniger machen würde, dann wäre das Stadion vermutlich trotzdem voll. Außerdem sind sie ja seit Langem im Abstiegskampf, wenn man da ein neues soziales Projekt vorschlägt, sind viele Fans genervt, denn die wollen natürlich die besten Stürmer und nicht das Geld für den Klimaschutz. Aber Werder geht da nicht nach dem Mehrheitsgeschmack, sondern ist tatsächlich daran interessiert, wie es dem Gemeinwesen geht.

Die Fotovoltaikanlage auf dem Weser-Stadion zeigt, dass einige gemeinnützige Projekte auch Eigeninteressen befriedigen. Denn mit dem Strom der Fotovoltaikanlage wird auch die Rasenbeleuchtung gespeist, damit der auch im Schatten wächst. Was ist da eigentlich noch realer Einsatz und was ist Heuchelei?

Der Grad ist schmal und es gibt deutliche Widersprüche. Die zeigen sich auch bei Werder. Auf der einen Seite Solaranlagen, mit denen man Ökostrom schafft – auf der anderen Seite eine Besonnungsanlage für den Rasen, die die Bundesliga nicht vorschreibt. Das fand ich aber interessant bei Werder: Das wird dort reflektiert und man hinterfragt sich. Das machen viele Klubs nicht. Die DFL könnte zum Beispiel verlangen, dass jeder Klub seine Anlagen mal nach Energie-Sparpotenzial untersucht. Werder hat das schon vor Jahren gemacht.

Wo könnte Werder in Bezug auf gesellschaftliche Verantwortung mehr tun?

Bei Werder ist die CSR-Abteilung noch nicht mal zehn Jahre alt. Die Mitarbeiter müssen immer wieder entscheiden zwischen neuen Ideen und der Vertiefung alter Projekte. Es hat auch schon Kooperationen zwischen dem Verein und Bildungseinrichtungen gegeben, die nicht funktioniert haben. Weil man Werder die Hauptverantwortung zuschob und sich hinter dem großen Geschäft Fußball verstecken wollte. Ein profitorientierter Klub sollte die Vermittlung von Bildung höchstens ergänzen, aber nie komplett übernehmen.

Ist das eine Zukunftsprognose für die Bundesliga? Werden mehr Projekte kommen in den nächsten Jahren?

Sollte Werder absteigen – wer weiß, was dann los ist. Es gibt auch einige, wenige Stimmen im Vereinsumfeld, die das CSR-System für überzogen halten. Das Sozialmanagement ist in der erfolgreichen Champions-League-Zeit gewachsen. Und es würde sich erst in der Zweiten Liga zeigen, inwieweit es etabliert ist. Grundsätzlich gilt: Immer mehr Menschen misstrauen den Sportverbänden und hinterfragen die großen Sportereignisse. Auch die reiche Bundesliga kann nicht ewig Umsatzrekorde feiern. Durch ein systematisches Engagement würde der Fußball nicht weiter wachsen, aber er könnte einen anderen Wert für sich beanspruchen: Relevanz.

Zur Person

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Ronny Blaschke ist freier Journalist und Buchautor. Sein Schwerpunkt liegt in den gesellschaftlichen Hintergründen des Sports wie Rassismus im Fußball. Sein neuestes Buch „Gesellschaftsspielchen – Fußball zwischen Hilfsbereitschaft und Heuchelei“ stellt er am diesem Donnerstag um 19 Uhr im Ostkurvensaal vor.
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